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Chrysostomus († 407) - Reden
Ueber die Himmelfahrt unseres Herrn Jesus Christus

Text

1.

Ueber die Himmelfahrt unseres Herrn Jesus Christus, gehalten im Martyrium1 zu Romanesia,2 wo die Leiber der Martyrer neben den Leichen der Ketzer begraben lagen, nun aber die Ersteren (durch den Bischof Flavian) erhoben und auf einem erhöhten Platze beigesetzt worden.

Als wir das Andenken des Kreuzes feierten,3 begingen wir das Fest auch ausser der Stadt; da wir jetzt die Himmelfahrt des Gekreuzigten feiern, begehen wir diesen glorreichen und hell leuchtenden Festtag wiederum ausser der Stadt. Dieß thun wir aber nicht, als gedächten wir die Stadt zu mißachten, sondern weil wir uns die Märtyrer zu ehren bestreben. Denn damit diese Heiligen uns nicht beschuldigen und sagen: „Wir wurden nicht gewürdigt, einen Tag des Herrn in unsern Hütten feiern zu sehen;“ damit sie uns nicht den Vorwurf machen und sprechen: „Wir haben unser Blut für ihn vergossen und sind gewürdigt worden, uns für ihn das Haupt abschlagen zu lassen; aber den Festtag an diesem unserm Orte begangen zu sehen, dessen wurden wir nicht für würdig erachtet;“ darum verließen wir die Stadt, eilten zu den Füßen dieser [S. 188] Heiligen her und entschuldigen uns beim heutigen Feste für die vergangene Zeit. Denn wenn es schon früher sich ziemte, zu diesen muthvollen und heiligen Kämpfern zu eilen, so ist es jetzt um so viel mehr unsere Pflicht, Dieses zu thun, da die Perlen nun besonders beigesetzt, die Schafe von den Wölfen getrennt und die Lebendigen von den Todten geschieden sind. Zwar brachte ihnen die Gemeinschaft der Beisetzung früher keinerlei Nachtheil; denn die Leiber Derjenigen, deren Seelen im Himmel sind, verlieren durch die Nähe Anderer Nichts, und den Überresten Derjenigen, deren Seele in der Hand Gottes ist, kann der Ort, wo sie liegen, nicht schaden: ihnen hat also Dieß auch früher keinen Schaden gebracht. Allein unser Volk hatte von dieser gemeinsamen Begräbnißstätte keinen gewöhnlichen Nachtheil. Es eilte zwar zu den Überresten der Märtyrer hin, betete aber mit Ungewißheit und Unsicherheit zu ihnen, weil es nicht wußte, wo die Gräber der Heiligen wären, und wo die wahren Schätze lägen. Und es erging ihnen gerade so, wie Schafheerden, welche zu reinen Brunnen zur Tränke geführt werden; sie gelangen zwar hin zum klaren Wasser, werden aber stutzig, wenn ihnen irgend aus der Nähe ein übler Geruch und Gestank entgegenkommt. So erging es auch diesen Schäflein. Das Volk ging zwar hin zu den reinen Quellen der Martyrer; allein da es den Gestank der nahen Leiber der Ketzer empfand, wurde es dadurch verwirrt. Da nun unser weiser Hirt und der allgemeine Lehrer, der Alles zur Erbauung der Kirche thut, Dieses bemerkte, konnte dieser eifrige Verehrer und Nachahmer der Martyrer diesen Nachtheil nicht langer gleichgiltig ansehen. Und was thut er? Betrachtet seine Weisheit! Er verschüttet und verstopft die unreinen, übelriechenden Quellen; die reinen der Martyrer bringt er an einen reinen und erhabenen Ort. Sehet, welche Liebe er gegen die Verstorbenen, welche Achtung er gegen die Martyrer und welche Sorgfalt er für das Volk an den Tag legt! Seine Liebe gegen die Verstorbenen zeigt er, indem er ihre Gebeine nicht wegschafft, sondern sie an dem Orte läßt, wo sie liegen; seine Verehrung gegen die [S. 189] Martyrer, indem er sie aus der schlechten Nachbarschaft wegnimmt; seine Sorge für das Volk, indem er die Leute nicht mehr im Zweifel läßt, wo sie ihre Gebete verrichten sollen. Deßwegen führten wir euch hieher, damit die Versammlung desto herrlicher und der Schauplatz, wo sich nicht nur Menschen, sondern auch Martyrer, nicht nur Martyrer sondern auch Engel versammeln, erhabener werde. Denn auch Engel sind zugegen; Engel und Martyrer versammeln sich heute. Willst du die Engel und Martyrer sehen, so öffne die Augen des Glaubens, und du wirst dieses Schauspiel erblicken. Wenn nämlich die ganze Luft mit Engeln erfüllt ist, um so viel mehr ist es die Kirche, und wenn die Kirche, um so viel mehr der heutige Tag, da ihr Herr in den Himmel aufgenommen wird. Daß aber die ganze Luft mit Engeln angefüllt ist, darüber höre, was der Apostel spricht, der befiehlt, daß die Frauen ihr Haupt verschleiern sollen: „Die Frauen sollen ein Oberherrschaftszeichen4 auf dem Haupte haben um der Engel willen.“5 Ebenso sagt Jakob: „Der Engel, der mich erlöst hat von meiner Jugend auf.“6 Und die mit den Aposteln in demselben Hause waren, sagten zu Rhode: „Es ist sein Engel.“7 Und Jakob sprach: „Ich sah das Heerlager der Engel.“8 Aber warum hat er das Heerlager und die Schaaren der Engel auf Erden gesehen? Gleichwie nämlich ein König seine Besatzungen in die einzelnen Städte verlegt, damit etwa nicht ein barbarischer Feind komme und die Städte berenne: so stellt auch Gott den bösen Geistern, die ebenfalls in der Luft sind, diesen wilden und grausamen Gegnern, die stets Krieg erregen und Feinde des Friedens sind, die Schaaren der Engel entgegen, damit, sobald sich jene nur zeigen, sie [S. 190] dieselben vertreiben und uns beständig den Frieden erhalten. Und damit du weißt, daß sie Engel des Friedens sind, so höre, wie die Diakonen immer in den Gebeten sprechen: „Bittet den Engel des Friedens!“ Siehst du, daß Engel und Martyrer zugegen sind? Wer ist nun schlimmer daran als Die, welche heute abwesend sind? Und wer ist glücklicher als wir, die wir hieher gekommen sind, um an dieser Feier Antheil zu nehmen? Von den Engeln aber wollen wir zu einer andern Zeit reden, dagegen aber auf den Gegenstand des heutigen Festes übergehen.

1: Μαρτύριον = Martyrium bedeutet bei den alten Kirchenschriftstellern sehr oft entweder eine zur Ehre der heiligen Martyrer geweihten Kirchen oder eine solche, in welcher Martyrer begraben lagen. Vgl. Glossarium Cangii s. h. v.
2: Romanesia ist eine bei Antiochia gelegenen Ortschaft; Lutz nennt sie in seiner Uebersetzung dieser Homilie S. 148 eine Vorstadt Antiochiens.
3: In der Homilie: De coemeterio et cruce sagt Chrysostomus, daß das Andenken an das heilige Kreuz von Alters her vorschriftsmäßig am Charfreitag ausserhalb der Stadt festlich begangen wurde und zwar zur Erinnerung, daß auch Christus der Herr ausser der Stadt am Kreuze geblutet. S. Montfaucon II. S. 469.
4: Ἐξουσίαν — Macht, Zeichen der Macht — des Mannes über das Weib.
5: I. Kor. 11, 10.
6: Gen. 48, 16.
7: Apostelg. 12, 15.
8: Gen. 32, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger