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Chrysostomus († 407) - Reden
Zwei Anreden an die Täuflinge
Erste Anrede an die Täuflinge

5.

Um aber euer Gedächtniß nicht durch gleichzeitige Behandlung aller dieser Sünden zu überladen, will ich euch für jetzt nur ein Gebot vorhalten, nämlich daß ihr euch vor dem Schwören hüten sollt. Zuvörderst aber versichere ich euch, daß ich über einen andern Gegenstand nicht zu euch reden werde, so lange ihr das Schwören nicht meidet. Und ich meine hier nicht bloß das falsche, sondern auch jenes Schwören, welches die Wahrheit und Gerechtigkeit nicht verletzt. Es wäre Thorheit, wenn ich zum Vortrage neuer Lehren übergehen wollte, ohne daß ich euch die früher behandelten gehörig hätte einprägen können. Pflegen doch selbst die Schulmeister die Knaben nichts Neues zu lehren, bis sie überzeugt sind, daß das Alte fest im Gedächtnisse haftet. Wollte man anders verfahren, Das hieße Wasser schöpfen in ein durchlöchertes Faß. Damit ihr mir also nicht den Mund schließet, gebt euch in diesem Punkte recht viel Mühe. Die Sünde, von der ich rede, ist gefährlich, und zwar sehr gefährlich. Sehr gefährlich ist sie darum, weil Niemand sie für gefährlich hält, und gerade darum fürchte ich sie so sehr, weil Niemand sie fürchtet. Darum ist die Krankheit unheilbar, weil sie keine Krankheit zu sein scheint. Wie das Reden im Allgemeinen keine Sünde ist, so hält man auch das Schwören nicht für Sünde und begeht daher diese Sünde mit großer Kühnheit und Gleichgiltigkeit. Wenn Jemand es tadelt, dann erfolgt sogleich helles Gelächter und arges Gespött, das aber nicht dem Schwörenden gilt, der sich den Tadel zugezogen hat, sondern Demjenigen, der ihn durch den Tadel von dieser Krankheit zu heilen sucht. Deßhalb muß ich über diesen Gegenstand viel und ausführlich reden. Denn ich will eine tief eingewurzelte Gewohnheit ausrotten und ein alt gewordenes Übel vertilgen: ich meine nicht bloß das falsche, sondern auch selbst das Schwören ohne Verletzung der „Wahr [S. 106] heit und Gerechtigkeit“.1 Aber Dieser und dagegen, ein sehr anständiger Mann, ein Mann von großer Mäßigung und Frömmigkeit! — berufe dich doch nicht auf diesen anständigen, gemäßigten Mann geistlichen Standes! Mag es meinetwegen Petrus oder Paulus sein oder auch ein Engel aus Himmel, ich lasse mich durch das Ansehen der Person in meinem Urtheil nicht wankend machen. Denn das über das Schwören, das ich euch vortrage, stammt vom Könige selbst und nicht von einem Knechte her. Wenn aber ein königliches Schreiben verlesen wird, dann tritt die Autorität der Knechte gänzlich zurück. Kannst du behaupten, daß Christus das Schwören befohlen hat, oder daß Christus das Schwören nicht bestraft? Beweise es, und ich will mich eines Bessern belehren lassen. Wenn er es aber so entschieden verbietet, und wenn er dieser Sünde so eifrig entgegenzuwirken sucht, daß er dem Schwörenden seinen Platz in der Gesellschaft des Bösen anweist (denn er sagt:2 ) Was darüber ist, nämlich über das Ja und Nein, ist vom Teufel): was soll es bei so bewandten Umständen bedeuten, daß du dich auf Diesen oder Jenen berufst? Bei dem Richterspruch Gottes werden nicht die lockern Grundsätze unserer Mitknechte, sondern die Vorschriften seines Gesetzes den Ausschlag geben. Ich habe es geboten, sagt er, du mußtest gehorchen und dich nicht auf Diesen oder Jenen berufen und dich nicht um fremde Sünden kümmern. David, dieser große Mann, hat sich eines schweren Vergehens schuldig gemacht; sag an, ist die Sünde deßhalb ohne Gefahr für uns? Daher müssen wir uns gegen die Sünde sichern, und an den Heiligen nur ihre Tugenden nachahmen. Treffen wir aber [bei den Heiligen] auf Nachläßigkeit und Übertretungen, dann müssen wir diese sorgfältig meiden. [S. 107] Denn wir haben nicht den Mitknechten, sondern dem Herrn Rechenschaft abzulegen; vor ihm müssen wir uns verantworten über unser ganzes Leben. Laßt uns also für dieses Gericht uns gerüstet halten. Mag der Übertreter jenes Gebotes noch so groß und bewundernswerth sein, er wird trotzdem unter allen Umständen die Strafe zu erleiden haben, welche auf diese Übertretung gesetzt ist. Denn bei Gott gilt kein Ansehen der Person.

Wie und auf welche Weise können wir uns nun vor dieser Sünde in Acht nehmen? Ich muß euch nämlich nicht bloß beweisen, daß es eine große Sünde ist, sondern auch guten Rath geben, wie ihr euch davon befreit. Du hast ein Weib, du hast einen Knecht, du hast Kinder, einen Freund, einen Angehörigen, einen Nachbar — gib ihnen allen den Auftrag, in diesem Punkte über dich zu wachen. Aber die Gewohnheit, sagt ihr, hat eine gar zu große Gewalt. Sie bringt uns leicht zum Falle, ist schwer zu überwinden und stürzt uns oft in die Sünde gegen unser Wissen und Wollen. Was folgt daraus? Je besser du die Macht der Gewohnheit kennst, desto mehr bemühe dich, die böse Gewohnheit abzulegen und dir die entgegengesetzte gute Gewohnheit anzueignen. Dann wird eine große Veränderung mit dir vorgehen. Während du jetzt trotz deiner Bemühungen, trotz deiner Wachsamkeit und angelegentlichen Sorgfalt in Folge jener bösen Gewohnheit häufig zum Falle kommst, wirst du einstens, wenn du dich einmal zu der entgegengesetzten guten Gewohnheit bekehrt hast, zur Gewohnheit nämlich: nicht zu schwören, nie gegen deinen Willen nie durch Nachläßigkeit in die Sünde des Schwörens zurückfallen können. Denn die Gewohnheit ist in der That eine Sache von großem Belang; sie wird gleichsam zur zweiten Natur. Damit wir uns also nicht immerfort abzumühen brauchen, laßt uns zur entgegengesetzten Gewohnheit übergehen! Erbitte dir von allen deinen Angehörigen, von allen deinen täglichen Gefährten die Gunst, daß sie dir zur Meidung des Schwörens mit [S. 108] Rath und Ermunterung beistehen und dich bei jedem Rückfalle zurechtweisen. Wenn sie dich in dieser Weise überwachen, so werden sie darin auch selbst einen Sporn und Antrieb zum Guten haben. Denn wer einen Andern wegen des Schwörens zurechtzuweisen hat, der wird selbst nicht so leicht in diesen Abgrund hineinstürzen. Ein tiefer Abgrund — das ist das viele Schwören in der That, und zwar nicht bloß, wenn es wegen einer Kleinigkeit, sondern auch, wenn es wegen sehr wichtiger Dinge geschieht. Und wir! Wenn wir Gemüse kaufen, wenn wir um zwei Pfennige streiten, wenn wir den Knechten zürnen und drohen, — jedes Mal rufen wir Gott zum Zeugen an! Du würdest dich nicht unterstehen, irgend einen anständigen Mann, der etwa ein kleines Amt bekleidet, um solcher Dinge willen auf dem Markte als Zeugen herbeizurufen, und wenn du es thätest, würdest du deinen Muthwillen büßen müssen, — und den König des Himmels, den Herrn der Engel ziehst du als Zeugen hinzu, wenn du von Waaren, wenn du von Geld, wenn du von irgend welchen gleichgiltigen Dingen redest! Das ist doch nicht zu ertragen! Wie sollen wir uns also dieser bösen Gewohnheit entledigen? Wir müssen uns mit jenen Wächtern umgeben, die ich eben genannt habe, wir müssen uns zur vollständigen Durchführung unserer Besserung eine bestimmte Zeit festsetzen und müssen uns eine Strafe auflegen für den Fall, daß wir nach Ablauf dieser Frist noch nicht gebessert sind. Wie lange Zeit wird uns dazu nothwendig sein? Diejenigen, welche recht wachsam und vorsichtig und für ihr Seelenheil unablässig besorgt sind, werden meines Erachtens nicht mehr als zehn Tage nöthig haben, um sich von dieser bösen Gewohnheit des Schwörens vollständig zu befreien. Für den Fall aber, daß wir nach den zehn Tagen wieder auf dem Schwören betroffen werden, wollen wir uns eine Strafe und zwar eine recht strenge auflegen und eine Buße für dieses Vergehen genau bestimmen. Was soll das für eine sein? Das will ich nicht mehr bestimmen, ihr sollt den Richterspruch selbst fällen. Laßt uns in solcher Weise die [S. 109] Angelegenheiten unserer Seele besorgen! Laßt uns so nicht bloß gegen das Schwören, sondern auch gegen die andern Sünden ankämpfen und uns für etwaige Rückfälle nach bestimmter Frist strenge Strafen auflegen! Dann werden wir reinen Herzens zu unserm Herrn hinübergehen, von Feuer der Hölle verschont bleiben und voll zuversichtlichen Vertrauens vor dem Richterstuhl Christi stehen. Das möge uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Erbarmung unseres Herrn Jesu Christi! Ihm und zugleich dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre in alle Ewigkeit. Amen.

[S. 110]

1: Τὰς εὐορκίας αὐτάς. Gemeint ist hier zunächst, wie aus dem Folgenden erhellt, das leichtfertige Schwören.
2: Matth. 5, 37.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger