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Chrysostomus († 407) - Reden
Zwei Anreden an die Täuflinge
Erste Anrede an die Täuflinge

4.

Auf diese Zertrümmerung und geheimnißvolle Reinigung wies einst der Prophet hin in den Worten: „Wie ein Gefäß des Töpfers wirst du sie zertrümmern.“1 Daß nämlich hier von Gläubigen die Rede ist, erhellt deutlich aus dem Vorhergegangenen. „Du bist mein Sohn,“ heißt es dort, „ich habe dich heute gezeugt. Verlange von mir, und geben werde ich dir die Völker zu deinem Erbtheil, und zu deinem Besitz die Enden der Erde.“ Siehst du? er redet von der aus der Heidenwelt hervorgehenden Kirche und von der Verbreitung des Reiches Christi über die ganze Erde. Dann heißt es weiter: „Du wirst sie weiden mit ehernem Stabe (diese Worte deuten nicht auf eine drückende, sondern auf eine kraftvolle Herrschaft); wie ein Gefäß des Töpfers wirst du sie zertrümmern.“ Seht, darin ist eine [S. 101] geheimnißvolle Hinweisung auf die Taufe enthalten. Es werden nämlich nicht einfach und schlechthin thönerne, d. h. aus Thon gebrannte, sondern Gefäße des Töpfers zum Vergleich herbeigezogen. Nun merket wohl auf! Die aus Thon gebrannten Gefäße, sind sie einmal zertrümmert, können nicht wieder hergestellt werden, weil sie für immer im Feuer hart geworden sind. Die Gefäße des Töpfers aber sind [noch] nicht gebrannt, sondern erst aus Lehm geformt. Daher können sie, wenn sie einen Fehler haben, durch die Kunst des Meisters leicht zu einer andern Gestalt verarbeitet werden. Wo daher in der heiligen Schrift ein solches Mißgeschick bezeichnet werden soll, das nicht wieder gut zu machen ist, da redet sie von thönernen, d. h. gebrannten, und nicht von Gefäßen des Töpfers. Als Gott z. B. dem Propheten und den Juden kund machen wollte, daß er die Stadt einem Elend ohne Hoffnung überantwortet hatte, da gebot er dem Propheten, einen thönernen Krug zu nehmen, ihn vor dem Angesicht des ganzen Volkes zu zertrümmern und dabei zu verkünden: So wird die Stadt zerstört und zertrümmert werden.2 Wenn er ihnen aber die Hoffnung auf eine bessere Zukunft eröffnen will, dann führt er den Propheten in die Werkstätte eines Töpfers und zeigt ihm dort ein Gefäß aus weichem Thon, das eben unter den Händen des Töpfers entsteht, — also nicht ein schon gebranntes Gefäß. Das Gefäß fällt zu Boden, und der Herr spricht: „Wenn dieser Töpfer das Gefäß, das zur Erde siel, wieder aufhebt und neu herstellt: werde ich dann nicht weit eher euch wieder aufrichten, nachdem ihr gefallen seid?“3

Allerdings vermag Gott nicht bloß Jene, welche noch den Gefäßen aus weicher Erde gleichen,4 zu erneuern durch [S. 102] das Bad der Wiedergeburt, sondern selbst Diejenigen, welche die Kraft des heiligen Geistes empfangen haben und dann wieder zum Falle gekommen sind, auf dem Wege der strengen Buße zur ersten Vollkommenheit zurückzuführen. Doch — euch über die Buße zu belehren, dazu ist jetzt nicht die rechte Zeit. Möchte auch nie der Tag erscheinen, an dem diese Arznei für euch nothwendig würde! Möchtet ihr immerdar den Glanz und die Schönheit, womit ihr jetzt bekleidet werden sollt, unversehrt bewahren! Damit ihr sie stets bewahret, will ich nun auch ein Weniges über das christliche Leben zu euch reden. Ihr seid jetzt noch in der Schule des Kampfes, wo eine Schlappe dem Kämpfer keine Gefahr bringt. Denn da kämpft man noch gegen Freunde und Genossen und darf an dem Lehrmeister selbst die Fechterkünste üben. Ist aber einmal die Zeit der öffentlichen Kampfspiele gekommen, sind alsdann die Schranken geöffnet, haben die Zuschauer hoch oben ihre Sitze eingenommen, und ist der Kampfrichter zur Stelle: dann heißt es entweder unterliegen und sich mit Schimpf und Schande zurückziehen, weil man träg und gleichgiltig gewesen, oder aber Siegeskränze und Kampfpreise erringen, weil man Fleiß und Mühe nicht gescheut hat. Ähnlich ist es mit euch. Diese dreissig Tage sind für euch gleichsam eine Schule des Ringens und Kämpfens, sie sind eine Zeit der Übung. Lernen wir schon jetzt den bösen Feind besiegen! Denn gegen ihn sollen wir nach der Taufe den Kampf aufnehmen, mit ihm kämpfen und ringen. Machen wir uns daher jetzt schon mit seinen Nachstellungen bekannt! Lernen wir, woher seine Bosheit kommt, an welchem Punkte er uns mit Erfolg angreifen und leicht schädigen kann, damit wir nicht etwa zur Zeit des Kampfes Erfahrungen machen, auf die wir ganz unvorbereitet sind, damit wir nicht bei der Aussicht auf ganz ungewohnte Kämpfe in Schrecken und Verwirrung gerathen, damit wir vielmehr, nachdem wir schon unter uns den Kampf geübt und alle listigen Anschläge des Teufels kennen gelernt haben, voll Muth den Streit mit ihm beginnen.

[S. 103] Er droht uns zu schädigen auf allen Punkten, besonders aber zum Falle zu bringen mittelst unserer Zunge, mittelst der Rede. Denn Nichts leistet ihm bei seinem Bestreben uns zu hintergehen und zu verderben, so gute Dienste, als eine ungezügelte Zunge, ein unbewachter Mund. Daher unsere vielen Niederlagen, daher unsere schweren Schulden. Wie leicht man durch die Zunge in Sünden geräth, wird uns mit den Worten gelehrt: „Viele sind durch das Schwert gefallen, aber nicht so Viele als durch die Zunge.“5 Wie gefährlich ein solcher Fall ist, wird uns von demselben Manne erklärt: „Besser ein Fall vom Dache, als ein Fall durch die Zunge.“6 Damit soll etwa Dieß gesagt sein: Besser ist es, zu fallen und dabei die Glieder zu zerquetschen, als Reden zu führen, welche die Seele zu Grunde richten. Derselbe weise Mann begnügt sich nicht damit, uns auf diese Sünden aufmerksam zu machen, sondern er mahnt uns auch, sehr vorsichtig zu sein, damit wir nicht etwa hinterlistiger Weise zum Falle gebracht werden. Er sagt nämlich: „Mache für deinen Mund eine Thür und Riegel,7 nicht als sollten wir buchstäblich Thüren und Riegel für ihn anfertigen, nein, aber wir sollen mit großer Vorsicht den Mund geschlossen halten für thörichte Reden. Und an einer andern Stelle der heiligen Schrift gibt der Prophet uns zu verstehen, daß wir zu unsern Bemühungen und vor unsern Bemühungen der Gnade von oben bedürfen, um dieses Ungethüm, die Zunge, in Schranken zu halten. Er erhebt nämlich die Hände zu Gott dem Herrn und betet: „Die Erhebung meiner Hände [sei wie] ein Abendopfer. Stelle, o Herr, eine Wache an meinen Mund und ein Festungsthor vor meine Lippen!“8 Und Derselbe, dessen Mahnung ich eben angeführt habe, sagt wiederum: „Wer wird mir eine Wache geben für meinen Mund, und für meine Lippen ein Siegel der Klugheit?“9

[S. 104] Siehst du, wie Jeder von ihnen diese Sünden fürchtet und beklagt, guten Rath dagegen gibt und um strenge Bewachung seiner Zunge betet? Weßhalb hat uns aber, fragt man dagegen, Gott der Herr dieses Glied im Anfange gegeben, wenn es so großen Schaden anrichtet? Weil es auch von großem Nutzen ist und, wenn wir behutsam und eifrig sind, bloß Nutzen und keinen Schaden stiftet. Höre zum Beweise die Worte desselben Mannes, den ich eben zitirt habe: „In der Gewalt der Zunge ist Leben oder Tod.“10 Christus lehrt Dasselbe, wo er sagt: „Aus deinen Worten wirst du verurtheilt, und aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden.“11 Die Zunge liegt gleichsam zwischen beiden Gegensätzen in der Mitte: du hast freie Wahl, sie zum einen oder zum andern zu gebrauchen. Es ist mit der Zunge wie mit dem Schwerte: wenn du das Schwert gegen den Feind schwingst, wird es dir ein Mittel, dein Leben zu retten; führst du aber den Hieb gegen dich selbst, dann wird nicht das Eisen an sich, sondern dein Vergehen die Ursache deines Todes. Laßt uns ebenso von der Zunge denken! Sie ist ein Schwert, das zwischen den Gegensätzen in der Mitte liegt. Schärfe sie zum Bekenntniß deiner Sünden, und führe nicht mit ihr einen Hieb gegen deinen Bruder! Deßhalb hat Gott sie durch eine doppelte Schutzwehr, durch den Zaun der Zähne und das Gehege der Lippen abgeschlossen, damit sie nicht leichtfertiger und achtloser Weise ungeziemende Reden vorbringe. Drinnen zügele sie! Will sie sich Das nicht gefallen lassen? Dann laß die Zähne an ihr durch Beissen den Dienst eines Folterknechtes versehen, und bringe sie so mit Hilfe der Zähne zum Gehorsam; denn es ist besser, daß sie für ihre Sünden von den Zähnen gebissen werde, als daß sie einst brenne und nach einem Tropfen Wasser schmachte — und keine Linderung finde.

[S. 105] Es werden nun mit der Zunge Sünden von mancherlei Art begangen: Schmähungen, Gotteslästerungen, schändliche Reden, Verleumdungen, Schwüre, Meineid.

1: Ps. 2, 9.
2: Jer. 19, 11.
3: Ebd. 18, 6 (dem Sinne nach).
4: D. h. die noch ausserhalb des Christentums stehen, noch nicht getauft sind. Chrysostomus will einer verkehrten Ausdeutung des eben gebrauchten Vergleiches zuvorkommen.
5: Sir. 28, 22.
6: Ebd. 20, 20.
7: Ebd. 28, 28.
8: Ps. 140, 2. 3.
9: Sir. 22, 33.
10: Sprüchw. 18, 21.
11: Matth. 12, 37.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger