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Chrysostomus († 407) - Reden
Zwei Anreden an die Täuflinge
Erste Anrede an die Täuflinge

3.

Solche Befleckungen wurden durch die jüdischen Waschungen beseitigt. Ganz andere durch das gnadenreiche [S. 98] Bad der Taufe: diese befreit von der wirklichen Unreinigkeit, die Leib und Seele mit vielen Makeln befleckt.1 Durch die Taufe werden nicht Diejenigen, die etwa todte Leiber berührt, sondern Diejenigen gereinigt, die Werke des Todes verübt haben. Mag der Täufling vordem ein wollüstiger Mensch, ein Hurer oder Götzendiener gewesen sein, mag er sich irgend einer andern Schlechtigkeit und sogar aller denkbaren Frevel schuldig gemacht haben, wie sie nur unter den Menschen vorkommen: er wird gleichwohl, nachdem er in diesen heiligen Schwemmteich hineingestiegen ist, reiner als der Glanz der Sonne aus diesen geweihten Wassern hervorgehen. Haltet Das, was ich hier sage, nur nicht für rednerische Übertreibung! Zum Beweise vernehmet, was Paulus über die Kraft und Wirkung dieses Bades sagt: „Täuschet euch nicht! Weder Götzendiener, noch Hurer, noch Ehebrecher, noch Weichlinge, noch Knabenschänder, noch Habsüchtige, noch Säufer, noch Lästerer, noch Räuber werden das Reich Gottes erben.“2 Was hat aber dieser Ausspruch, wendet ihr vielleicht ein, mit dem eben Gesagten zu schaffen? Beweise uns, was hier in Frage steht: ob nämlich die Kraft der Taufe von aller dieser Ungerechtigkeit reinigt. So höret denn, was jetzt folgt: „Und das waren Einige von euch; aber ihr seid abgewaschen, aber ihr seid geheiligt, aber ihr seid gerechtfertigt im Namen unseres Herrn Jesu Christi und in dem Geiste unseres Gottes.“ Ich versprach euch also zu zeigen, daß man durch die Taufe rein von aller Sünde wird; jene Worte des heiligen Paulus beweisen aber noch mehr: daß man nämlich nicht bloß rein, sondern auch [S. 99] heilig und gerecht wird. Denn er sagt nicht bloß: ihr seid abgewaschen, sondern er setzt hinzu: ihr seid geheiligt und gerechtfertigt worden. Was könnte wunderbarer sein, als daß eine wahre und wirkliche Gerechtigkeit zu Stande kommt ohne Mühe und Schweiß, ohne gute Werke? So verhält es sich in der That mit diesem Geschenk der göttlichen Liebe: es macht uns gerecht ohne Mühe und Schweiß. Kann nicht ein Schreiben des Königs, können nicht wenige Buchstaben von seiner Hand einem Gefangenen die Freiheit schenken, wenn auch unzählige Anklagen gegen ihn erhoben sind, und einen andern sogar zu den höchsten Ehrenstellen befördern? Ebenso und noch viel eher kann der heilige und allmächtige Geist Gottes uns von allen Sünden reinigen, uns reichlich mit Gerechtigkeit ausstatten und uns mit zuversichtlichem Vertrauen erfüllen. Wenn ein Feuerfunke mitten in das unermeßliche Meer hineingeworfen wird, so wird er sofort erlöschen und verschwinden, verschlungen von den gewaltigen Wogen; so wird auch alle menschliche Bosheit, wenn sie in den Brunnen dieser geweihten Wasser versenkt wird, schneller und leichter als jener Feuerfunke hinweggerafft und verschlungen.

Wenn nun aber, fragt man, in diesem Bade uns alle Sünden nachgelassen werden, warum wird es denn nicht Bad des Sündennachlasses oder Bad der Reinigung, sondern Bad der Wiedergeburt genannt? Weil es die Verzeihung und Reinigung von Sünden nicht in irgend einer dürftigen und unvollkommenen, sondern in einer so vollkommenen Weise bewirkt, als ob wir neu geboren würden. In der That, wir werden durch die Taufe neu geschaffen, neu hergestellt. Wir werden nicht von Neuem aus Erde gebildet, sondern wir gehen neu geschaffen aus einem andern Elemente, aus dem Wasser, hervor. Das Gefäß wird nicht abgewaschen, sondern vollständig umgeschmolzen. Ein Gefäß, das bloß abgewaschen wird, mag noch so sorgfältig gereinigt werden, es behält doch Spuren seiner frühern Beschaffenheit und Zeichen der vormaligen Beflecktheit; ist es [S. 100] aber in den Schmelzofen zurückgekehrt und in der Gluth des Feuers erneuert, dann hat es alle Flecken verloren und strahlt einen Glanz aus, als wäre es eben erst ganz neu aus dem Ofen hervorgegangen. Hat uns der Künstler eine goldene Bildsäule, an welcher Staub, Rauch, Rost und Alter ihre befleckenden Spuren hinterlassen haben, wieder neu umgeschmolzen, dann wird er sie uns ganz rein und glänzend wieder abliefern. Das ist ein Gleichniß. Unsere Natur ist bemakelt von dem Roste der Sünde, ist wie von Rauch geschwärzt in Folge unserer Vergehungen und hat die Schönheit verloren, die ihr Anfangs durch Gottes Schöpfung eigen war. Nun aber wird sie von ihm neu umgeschmolzen; das Taufwasser ist der Schmelzofen, der sie aufnimmt, die Gnade des heiligen Geistes das Feuer, von dem sie ergriffen wird; und dann gehen wir hervor als vollkommen neue Menschen, strahlend in einem Glanze, der das Licht der Sonne in die Schranken fordern könnte. Den alten Menschen hat der Herr zertrümmert und einen neuen geschaffen, der es dem frühern an hellem Glanz zuvorthut.

1: Viele Sünden beflecken nicht nur die Seele, sondern auch den Leib. — Die Uebersetzung hält sich hier an die lateinische Version des Montfoucon: Quae vera immunditia et animam et corpus inficit. Der griechische Text ist schwer verständlich, vielleicht verdorben: Τὴν ὄντως ἀκαθαρσίαν, τὴν μετὰ τοῦ σώματος καὶ τῆς ψυχῆς πολλὴν ἐντεθεῖσαν τὴν κηλῖδα.
2: I. Kor. 6, 9. 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger