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Chrysostomus († 407) - Reden
Zwei Anreden an die Täuflinge
Erste Anrede an die Täuflinge

2.

Wer zu diesen heiligen und wahrhaft furchtbaren Geheimnissen hinzutreten will, der muß unbedingt wachen und aufmerken und muß von allen weltlichen Sorgen frei sein. Er muß es schon weit gebracht haben in der Abtödtung und Selbstbeherrschung und im willigen Gehorsam gegen Gott den Herrn. Verbannen muß er aus seinem Herzen jeglichen Gedanken, der mit den heiligen Geheimnissen Nichts zu thun hat, und muß sein Inneres voll [S. 95] kommen ausreinigen, wie man ein Haus fegt, das den König aufnehmen soll. In dieser Weise bereitet ihr euch auf die Taufe vor; so ist es um eure Gedanken, euren Willen und Vorsatz bestellt. Den Lohn, den ihr für diese rühmliche Gesinnung verdient, erwartet von Gott dem Herrn, der Diejenigen, welche ihm treulich folgen, sogar über Verdienst belohnt. Weil es aber auch meine Pflicht ist, den Mitknechten von dem Meinigen mitzutheilen, so will ich alsbald das Meinige bieten. Aber nein, auch das ist nicht das Meinige, sondern es ist des Herrn. Denn der Apostel sagt: „Was hast du, das du nicht empfangen hättest? Wenn du es aber empfangen hast, warum rühmst du dich, als ob du es nicht empfangen hättest?“1 Ich hatte mir nun zwar vorgenommen, euch zu allererst zu erklären, weßhalb unsere Väter gerade diese Zeit mit Ausschluß aller andern Zeiten des Jahres den Kindern der Kirche zum Empfang der Taufe angewiesen, und weßhalb sie angeordnet haben, daß ihr nach Abschluß dieser Unterweisungen vor der Taufe die Schuhe ausziehen, die Kleider ablegen und euch dann entkleidet und barfuß, nur mit dem Leibrock angethan zu den Exorzisten verfügen sollt. Denn es ist nicht ohne Bedeutung, daß sie gerade diese Zeit gewählt und den äussern Ritus so und nicht anders gestaltet haben; Beides hat seinen höhern und geheimnißvollen Sinn. Das hatte ich mir vorgenommen euch zu erklären. Allein ich sehe, daß ich zu einem andern und nothwendigern Gegenstande übergehen muß. Ich muß euch nämlich nothwendig auseinander setzen, was die Taufe ist, weßhalb sie in unsern Lebenslauf eintritt, und welche großen Gnaden sie uns vermittelt. Doch wenn es euch recht ist, wollen wir zuerst von der Benennung dieser geheimnißvollen Reinigung reden. Sie hat nicht einen bloß, sondern viele und verschiedene Namen. Diese Reinigung wird nämlich genannt: Bad der [S. 96] Wiedergeburt. „Er hat uns gerettet,“ heißt es, „durch das Bad der Wiedergeburt und Wiedererneuerung des heiligen Geistes.“2 Sie wird auch Erleuchtung genannt, und auch diesen Namen hat Paulus ihr beigelegt: „Gedenket wieder der frühern Tage, in welchen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden, großen Leidenskampf bestanden habt.“3 Und wiederum: „Denn es ist unmöglich, Diejenigen, welche einmal erleuchtet worden und gekostet haben die himmlische Gabe und dann abgefallen sind, wieder zu erneuern zur Bekehrung.“4 Auch Taufe5 wird sie genannt: „Ihr alle, die ihr auf Christum getauft seid, habt Christum angezogen.“6 Begräbniß wird sie genannt: „Mitbegraben seid ihr mit ihm durch die Taufe auf den Tod.“7 Beschneidung wird sie genannt: „in welchem ihr auch beschnitten worden seid mit einer Beschneidung, die nicht von Händen gemacht ist, durch Hinwegnahme des sündigen Leibes des Fleisches.“8 Kreuz wird sie genannt: „Denn unser alter Mensch ist mit ihm gekreuzigt worden, damit der Leib der Sünde vernichtet würde.“9 Ich könnte ausser diesen noch andere Namen aufzählen; allein damit wir uns nicht die ganze Zeit hindurch bei den Namen dieses Gnadenmittels aufhalten, will ich auf den zuerst angeführten Namen näher eingehen und, nachdem ich die Bedeutung desselben erklärt habe, diese Erörterung beschließen. Ich muß indessen zu dieser Belehrung etwas weiter ausholen. Es gibt eine Art von Waschung, deren sich Jedermann bedient: das Bad im ge [S. 97] wöhnlichen Sinne, das den Schmutz des Leibes hinwegspült. Eine andere Art von Waschung kannten die Juden, eine Reinigung nämlich, die an Werth und Bedeutung über jener bloß körperlichen Abwaschung, aber noch tief unter dem gnadenreichen Bade der Taufe steht. Auch die jüdischen Waschungen reinigten von leiblichem Schmutz, aber nur von einem solchen, der nicht bloß den Körper befleckte, sondern sich zugleich einem schwachen Gewissen mittheilte. Es gibt nämlich Mancherlei, was von Natur nicht unrein ist, aber unrein wird durch die Schwäche des Gewissens. Larven und ähnliche Schreckmittel sind nicht vermöge ihrer wirklichen Beschaffenheit zu fürchten, allein dem Kinde erscheinen sie furchtbar — wegen der Schwäche seiner Natur. So ist auch Das, was ich eben andeutete, wie z. B. die Berührung mit einer Leiche, nicht an sich etwas Unreines, aber sie macht den Berührenden unrein, wenn er ein schwaches Gewissen hat. Ich sage: es ist an und für sich nichts Verunreinigendes; Das hat uns der Urheber dieser Gesetze selbst, Moses, deutlich gezeigt; denn er nahm alle Gebeine Josephs mit — und blieb rein. Dazu stimmen die Worte des heiligen Paulus, in denen er uns über diese Art von Unreinigkeit belehrt. Von dieser Unreinigkeit nämlich, die nicht in der natürlichen Beschaffenheit der Dinge, sondern in der Schwäche des Gewissens ihren Grund hat, sagt er etwa so: „Nichts ist unrein durch sich selbst, als nur für Denjenigen, der Etwas für unrein hält.“10 Siehst du, daß diese Unreinigkeit nicht in der natürlichen Beschaffenheit der Dinge, sondern in der Schwäche des Gewissens ihren Grund hat? Und wiederum sagt er: „Alles ist rein, aber böse dem Menschen, welcher zum Ärgerniß ißt.“11 Das ist also der Grund der Unreinigkeit.

1: I. Kor. 4, 7.
2: Tit. 3, 5.
3: Hebr. 10, 32.
4: Ebd. 6, 4.
5: Βάπτισμα. Die Uebersetzung mit dem Ausdruck „Taufe“ (Tauchung) ist nicht ganz zutreffend, weil dieses Wort im Deutschen dem profanen Gebrauche entzogen und geradezu technische Bezeichnung des Sakramentes geworden ist, das griechische βάπτισμα (βαπτίζω) dagegen zunächst im profanen Sinne gebraucht wird.
6: Gal. 3, 27.
7: Röm. 6, 4.
8: Kol. 2, 11.
9: Röm. 6, 6.
10: Röm. 14, 14.
11: Ebd. 14, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger