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Chrysostomus († 407) - Reden
Zwei Anreden an die Täuflinge
Erste Anrede an die Täuflinge

1.

Erste Unterweisung für die Täuflinge. Warum die Taufe Bad der Wiedergeburt und nicht des Sündennachlasses genannt wird. Das Schwören ist gefährlich, und zwar nicht bloß, wenn man falsch, sondern auch, wenn man recht schwört.

O wie lieb und willkommen ist mir die Schaar meiner neuen Brüder! Ja, Brüder nenne ich euch schon vor eurer [Wieder] Geburt,1 und mit Freuden begrüße ich euch als meine Verwandten, noch ehe ihr geboren seid. Denn ich weiß, ich weiß sehr wohl, wie groß die Ehre, wie hoch die Würde ist, zu welcher ihr nun bald gelangen sollt; und ich weiß auch, daß Jedermann Diejenigen, die im Begriffe stehen eine hohe Stellung einzunehmen, schon vor ihrem Amtsantritt zu ehren pflegt, um sich durch die Beweise seiner Hochachtung ihr Wohlwollen für die Zukunft zu sichern. Das wollte auch ich jetzt thun. Denn ihr sollt nicht etwa bloß zu einem hohen Amte, nein zum Königthum sollt ihr gelangen, ja nicht einmal schlechthin zum König [S. 92] thum, sondern zur Königswürde im Himmelreiche. Deßhalb bitte ich euch inständig, daß ihr meiner gedenken möget, wenn ihr in dieses Reich einzieht. Wie einst Joseph zum obersten Mundschenk sprach: „Gedenke meiner, wenn es dir wohl ergeht,“2 so sage ich zu euch: Gedenket meiner, wenn es euch wohl ergeht. Das ist der Lohn, den ich mir von euch ausbitte, — nicht wie Joseph für die Deutung eines Traumes; denn ich bin nicht gekommen, um euch Träume auszulegen, sondern um euch himmlische Dinge zu erzählen, um euch die frohe Botschaft von Herrlichkeiten zu bringen, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und die in keines Menschen Herz aufgestiegen sind.3 Solcher Art ist Das, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Joseph sprach zum Mundschenk: „Noch drei Tage, so wird Pharao dich wieder in dein Amt als Obermundschenk einsetzen.“4 Ich aber sage nicht: Noch drei Tage, und ihr werdet das Mundschenkamt bei einem Könige erhalten; — sondern ich sage: Noch dreissig Tage, so wird euch — nicht Pharao, sondern — der König des Himmels in das himmlische Vaterland, in das freie Jerusalem, in die Himmelsstadt aufnehmen. Joseph sagte: „Du wirst den Becher in die Hand des Pharao geben;“5 ich aber sage nicht: Ihr werdet die Becher in die Hand des Königs geben; sondern ich sage: Der König selbst wird in eure Hand den Becher geben, jenen Becher, vor dem wir in Ehrfurcht zittern, der voll großer Kraft und werthvoller ist als Alles, was geschaffen ist im Himmel und auf Erden. Die Eingeweihten wissen um die Kraft dieses Bechers. Auch ihr werdet sie bald kennen lernen. Gedenket denn meiner, wenn ihr in jenes Reich kommt, wenn ihr das königliche Gewand empfangt, wenn ihr mit dem Purpurkleide geschmückt werdet, das da eingetaucht ist in das Blut des Herrn, wenn euch jenes Diadem aufgesetzt wird, von welchem nach allen Richtungen [S. 93] hin Strahlen ausgehen, die den Glanz der Sonne überbieten. Solcher Art sind nämlich die Geschenke, die euch der Bräutigam mitbringt. Sie sind größer als unser Verdienst, aber würdig seiner Liebe zu den Menschen. Daher preise ich euch jetzt schon glücklich, schon vor eurem Eintritte in das heilige Brautgemach. Ich preise euch glücklich, aber ich lobe auch eure treffliche Gesinnung. Denn ihr macht es nicht wie jene Leichtfertigen, welche die Taufe verschieben, bis sie in den letzten Zügen liegen. Ihr habt schon jetzt, als Diener von guter Art, dem Herrn mit großer Liebe zu gehorchen bereit, euren Nacken willig und freudig unter das Joch Christi gebeugt, die süße Last auf euch genommen und euch die leichte Bürde auflegen lassen. Deßhalb lobe ich euch. Denn mögen Jene immerhin durch ihre Taufe auf dem Todesbette dieselben Gnaden empfangen wie ihr, so ist doch ihre Gesinnung und sind bei ihnen die äussern Umstände und Zurüstungen ganz anderer Art. Sie empfangen die Taufe in ihrem Bette, ihr dagegen im Schooße der Kirche, unserer gemeinsamen Mutter; sie klagend und weinend, ihr jubelnd und frohlockend; sie stöhnend, ihr danksagend; sie betäubt von fiebern, ihr voll großer Seelenfreude. So steht hier Alles mit dem Geschenke Gottes in Einklang, dort aber bildet dazu Alles einen schreienden Mißklang. Der Täufling selbst klagt und jammert erbärmlich, weinend stehen seine Kinder umher, bei ihnen die Mutter, die sich im Übermaß der Schmerzen die Wangen mit den Nägeln zerfleischt, dann die trauernden Freunde, die Hausgenossen, in Thränen zerfließend, und was man überhaupt im Hause sieht und hört, erinnert an einen trüben, düstern Wintertag. Und könnte man erst Herz und Seele des Kranken bloßlegen, so würde man noch mehr Elend und Finsterniß antreffen. Wie das Meer durch stürmische Winde, die mit unbändiger Gewalt gegen einander brausen, nach vielen Richtungen zerspalten wird, so wird die Seele des Kranken durch die Vorstellungen von alle dem Unglück, das jetzt über ihn hereinbricht, gleichsam in viele Sorgen und Kümmernisse zerrissen. Sieht er seine Kinder an, so [S. 94] denkt er an ihre baldige Verwaisung; schaut er auf sein Weib, so denkt er an ihre Wittwentrauer; wendet er sein Auge auf das Gesinde, so sieht er im Geiste schon das ganze Haus herrenlos und verödet; kehrt er endlich wieder zu sich selbst zurück, so gedenkt er des irdischen Lebens, und weil er davon scheiden muß, umfängt ihn wieder neue Trauer wie ein düsteres Gewölk. So ist es um die Stimmung des Täuflings bestellt. Mitten in diese Verwirrung und Trostlosigkeit tritt nun der Priester hinein. Er wird hier noch mehr gefürchtet als das tödtliche Fieber und ist den Angehörigen des Kranken noch unwillkommener als selbst der drohende Tod. Mehr als das Wort des Arztes, wenn er den Kranken ausgibt, gilt die Ankunft des Priesters als Beweis seines hoffnungslosen Zustandes. So scheint gerade Das, was zum ewigen Leben führen soll, eine Besiegelung des Todes zu werden. Und doch habe ich das Ärgste noch nicht erwähnt: während noch die Angehörigen in unruhiger Hast die nöthigen Vorbereitungen trafen, ist schon manchmal aus dem Kranken das Leben entwichen, und entseelt blieb der Leib zurück. Manche Andere blieben zwar lebend, aber was konnte es ihnen helfen? Denn wenn der Täufling die Anwesenden schon nicht mehr kennt, ihre Stimme nicht mehr hört, jene Antworten nicht mehr aussprechen kann, in denen wir den beseligenden Bund mit unserm gemeinsamen Herrn abschließen, wenn er bewegungslos wie ein Stein oder ein Stück Holz da liegt, von einer Leiche nicht zu unterscheiden, — was hilft dann die Taufe, bei dieser vollständigen Stumpfheit und Besinnungslosigkeit?

1: D. h. vor der Taufe.
2: I. Mos. 40, 14.
3: I. Kor. 2, 9.
4: I. Mos. 40, 13.
5: Gal. 4, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger