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Chrysostomus († 407) - Reden
Von der Buße

Text

1.

Desselben Homilie über den Propheten Jonas, über Daniel, die drei Jünglinge und von der Buße. Diese Homilie ist gehalten worden zum Beginne der heiligen Fasten.

Unsere Versammlung ist heute recht ansehnlich und aussergewöhnlich zahlreich. Was ist der Grund? Den Fasten gebührt dieses Verdienst, obgleich die Fastenzeit — ich weiß es wohl — noch nicht da ist, sondern erst zu erwarten steht. Die Fasten haben uns hieher geführt, haben uns hier im Vaterhause versammelt; sie haben auch diejenigen Christen, die vorher etwas gleichgiltig waren, heute an die Hand der Mutter, [d. i. der Kirche] zurückgeführt. Wenn nun schon die Nähe der Fasten uns mit einem solchen heiligen Eifer erfüllt hat, wie sehr wird euch erst ihre Ankunft, ihr wirklicher Eintritt in der Frömmigkeit fördern! So pflegt auch eine Stadt, wenn ein gefürchteter König einziehen will, alle Ungebundenheit abzulegen und einen größern Eifer, eine regere Thätigkeit an den Tag zu legen. Erschrecket nur nicht, wenn euch die Fastenzeit als ein gestrenger Herrscher geschildert wird; denn nicht wir, sondern die Teufel haben sie zu fürchten. Siehst du einen Besessenen, dann darfst du dich ihm nur mit dem Angesicht eines Fastenden zeigen, und sogleich wird er, vor Furcht [S. 75] erstarrend und wie in Ketten geschlagen, bewegungslos gleich einer steinernen Säule da stehen, besonders wenn er mit dem Fasten auch das Gebet gepaart sieht, das dem Fasten nahe verwandt ist und helfend zur Seite steht. Deßhalb sagt Christus: „Dieses Geschlecht wird nicht ausgetrieben, als durch Gebet und Fasten.“1 Wenn also das Fasten die Feinde unseres Heiles in die Flucht schlägt, wenn es den bösen Geistern, die unserem Leben nachstellen, so furchtbar ist: dann müssen wir es offenbar lieben, mit Freuden begrüßen und nicht fürchten. Was wir zu fürchten haben, Das ist die Trunkenheit und Unmäßigkeit, aber nicht das Fasten. Denn diese Laster machen uns zu Sklaven und Gefangenen; sie überliefern uns mit gebundenen Händen der tyrannischen Herrschaft der bösen Lüste; das Fasten aber, wenn es uns im Zustande der Knechtschaft, in Ketten und Banden findet, löst unsere Fesseln, befreit uns von der Tyrannei und führt uns wieder zur vormaligen Freiheit zurück. Wenn somit das Fasten unsere Feinde bekämpft, uns aus der Knechtschaft errettet und zur Freiheit zurückführt: ist Das nicht ein Beweis seiner Freundschaft für das Menschengeschlecht? Oder welche stärkere Beweise verlangst du dafür? Das gilt doch als ein ganz besonderes Zeichen der Freundschaft, wenn Jemand mit uns dieselben Freunde und Feinde hat. — Willst du wissen, wie sehr das Fasten den Menschen zur Zierde gereicht und ihnen Schutz und Sicherheit gewährt? Dann denke an die Einsiedler, diese glücklichen und wahrhaft bewunderungswerthen Menschen! Denn das Fasten haben die Einsiedler, nachdem sie aus dem Tumult der Welt geflohen, sich auf die Gipfel der Berge zurückgezogen und dort in der Ruhe der Einöde wie in einem windstillen Hafen ihre Hütten aufgerichtet, sich zum Gefährten und Hausgenossen für das ganze Leben erwählt. Darum macht das Fasten aus diesen Menschen wahre Engel; aber nicht sie allein, sondern auch die Be [S. 76] wohner der Städte, die ihm Einlaß gewähren, führt es zur Höhe der christlichen Vollkommenheit. Als Moses und Elias, die hervorragendsten unter den Propheten des alten Bundes, die an Größe und Herrlichkeit die andern übertrafen und sich einer vertrauten Freundschaft mit Gott dem Herrn erfreuten, als Moses und Elias sich dem Herrn nahen und mit ihm reden wollten (insoweit Das einem Menschen möglich ist), da haben sie zum Fasten ihre Zuflucht genommen, und das Fasten hat sie zum Herrn gleichsam hingetragen. Darum hat Gott auch die Menschen gleich nach ihrer Erschaffung sofort dem Fasten so zu sagen in die Hände gegeben und hat diesem das Heil der Menschen zur Obhut anvertraut, wie man ein Kind der Sorge seiner liebenden Mutter oder eines guten, treuen Lehrers unterstellt. Denn das Gebot: „Von jedem Baume des Paradieses magst du essen, aber vom Baume der Erkenntniß des Guten und des Bösen esset nicht!“2 war eine Art von Fastengebot. War nun aber schon im Paradiese das Fasten nothwendig, dann ist es ausserhalb des Paradieses noch viel nothwendiger. War die Arznei schon vor der Krankheit heilsam, dann ist sie nach dem Eintritt der Krankheit noch viel heilsamer. War uns diese Waffe schon damals von Nutzen, ehe noch die Leidenschaften den Krieg in unserm Innern begonnen hatten, dann ist uns jetzt, wo wir den schweren Kampf gegen die bösen Lüste und gegen die Teufel zu führen haben, dieses Bündniß mit dem Fasten noch weit nothwendiger. Hätte Adam auf dieses Wort gehört, dann hätte er jenes andere Wort nicht zu hören bekommen: „Du bist Staub und wirst zu Staub zurückkehren.“3 Weil er aber jenem ersten nicht gefolgt hat, darum ist der Tod, darum sind Kümmernisse, Beschwerden und Traurigkeit zur Herrschaft gekommen; darum ist dieses Leben schwerer zu ertragen als selbst das Sterben; daher stammen Disteln und Dornen, Leiden, Schmerzen und kummervolles Dasein.

[S. 77]

1: Matth. 17, 20.
2: I. Mos. 2, 16. 17.
3: Ebd. 3, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger