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Chrysostomus († 407) - Reden
Auf Epiphanie

Text

1.

Gegen das Versäumniß des Gottesdienstes. Über die heilige und heilbringende Taufe Jesu Christi, unseres Erlösers. Von der unwürdigen Kommunion. Diejenigen, welche sich vor dem Ende der Liturgie und vor dem Schluß [Dank] Gebet entfernen, sind Nachahmer des Judas.

Ihr alle seid am heutigen Tage voll Freude, ich allein bin traurig. Denn wenn ich auf diese Schaar von Gläubigen hinschaue, die sich groß und weit wie das Meer vor meinen Blicken ausdehnt, auf diesen unermeßlich reichen Schatz der heiligen Kirche, dann muß ich zugleich daran denken, daß diese Schaar [für lange Zeit] hinweggeeilt und verschwunden sein wird, sobald das Fest vorüber ist; und dieser Gedanke ist es, der mein Herz mit Wehmuth und Trauer erfüllt. Warum kann sich doch die Kirche, die so viele Kinder geboren hat, nur an Festtagen, und [S. 57] warum nicht bei jeder gottesdienstlichen Versammlung dieser Kinder freuen? Welch eine heilige Freude, welch eine Wonne, welch eine Ehre für Gott den Herrn, und welch ein Gewinn für die Seelen, wenn wir bei jedem Gottesdienste die Räume der Kirche so gefüllt sähen wie heute! Aber ach, während die Seefahrer alle ihre Kräfte aufbieten, um ihre Fahrt über das weite Meer möglichst schnell zu Ende zu führen, sind wir darauf bedacht, auf hoher See allenthalben hin und her zu irren; wir segeln fortwährend auf den stürmischen Wogen weltlicher Geschäfte, treiben uns auf den öffentlichen Plätzen und in den Gerichtsstuben umher; und hier erscheinen wir kaum einmal oder zweimal im ganzen Jahre! Wißt ihr denn nicht, daß nach Gottes Plan und Absicht in den Städten die Kirchen Dasselbe sein sollen, was im Meere die Häfen? daß wir aus den Stürmen und Wirren dieses Lebens uns hierher zurückziehen sollen, um hier der größten Ruhe und Sicherheit zu genießen? Hier hat man nicht zu fürchten die brausende Fluth, nicht räuberische Angriffe oder heimtückische Nachstellungen, nicht die Gewalt des Orkans, nicht die Bosheit gefährlicher Raubthiere. Denn ein Hafen ist die Kirche, in welchem man gegen alle diese Gefahren gesichert ist, ein Hafen im geistigen Sinne, ein Hafen für die Seelen. Das könnt ihr bezeugen; denn wenn irgend Einer von euch jetzt sein Inneres untersucht, so wird er darin eine große Stille finden. Er wird jetzt nicht beunruhigt vom Zorn, nicht erhitzt von der Begierlichkeit, nicht gequält von Mißgunst, nicht aufgebläht von Hochmuth, nicht gestachelt von Sucht nach eitler Ehre. Alle diese wilden Thiere sind jetzt gezähmt; denn die Worte der heiligen Schrift, die man hier hört und in das Herz aufnimmt, sind wie ein göttlicher Zaubergesang, der diese unsinnigen Leidenschaften einschläfert. Wenn man es nun gleichwohl unterläßt, die Kirche, die gemeinsame Mutter aller Gläubigen, andauernd und regelmäßig zu besuchen und zu seinem Aufenthalte zu erwählen, trotz der Aussicht, hier solche Weisheit zu lernen und solche Seelenruhe zu verkosten, — ist Das nicht ein überaus [S. 58] großes Unglück? Wie könntest du die Zeit denn besser verwenden? wo einer nützlichern Zusammenkunft beiwohnen? Und was hindert dich denn, hier zu verweilen? Jedenfalls wirst du sagen, deine Armuth erlaube dir nicht, an dieser herrlichen Versammlung Theil zu nehmen. Allein das ist keine rechtmäßige Entschuldigung. Sieben Tage hat die Woche, und diese sieben Tage hat Gott mit uns getheilt. Er hat aber nicht etwa für sich den größern Theil behalten und uns den kleinern gegeben, ja er hat nicht einmal zu gleichen Theilen mit uns getheilt, er hat nicht drei für sich genommen und drei abgegeben; nein er hat dir sechs zugewiesen und sich einen vorbehalten. Du aber willst dich nicht dazu verstehen, an diesem einen Tage dich ganz von weltlichen Geschäften abzukehren, und du scheust dich nicht, diesen Tag in derselben Weise zu mißhandeln, wie ein Kirchenräuber das Heiligthum, an dem er sich vergreift! Denn du raubst diesen geheiligten und der Anhörung des göttlichen Wortes geweihten Tag, um ihn zu weltlichen Sorgen zu mißbrauchen. Doch was rede ich von dem ganzen Tage? Bringe dem Herrn doch wenigstens einen geringen Bruchtheil dieses Tages zum Opfer, ähnlich dem kleinen Almosen, das die Wittwe gespendet hat! Wie jene Wittwe zwei Heller geopfert und sich dadurch Gottes Wohlgefallen in hohem Grade erworben hat, so leihe auch du Gott dem Herrn zwei Stunden, dann wirst du einen Gewinn mit nach Hause nehmen, der tausend Tage aufwiegt. Willst du Das nicht, dann sieh wohl zu, daß du nicht die Früchte jahrelanger Arbeiten verlierest, weil du dich weigerst, dich einmal einen geringen Theil des Tages hindurch vom irdischen Gewinne abzuwenden. Denn wenn man Gott den Herrn verachtet, dann weiß er uns auch die schon gesammelten Güter wieder zu entziehen. Das hat er einst den Juden angedroht, weil sie die Sorge um seinen Tempel vernachläßigten: „Ihr habt sie (die Güter) in eure Häuser zusammengetragen, ich blase sie hinaus,“ spricht der Herr.1 [S. 59] Wenn du dich bloß einmal oder zweimal im Jahre bei uns einfindest, sag’ an, was können wir dich dann lehren von jenen Wahrheiten, die man doch nothwendig wissen muß? über die Seele, den Leib, die Unsterblichkeit, das Himmelreich, die Strafe, die Hölle, die Langmuth Gottes, die Verzeihung, die Buße, die Taufe, die Nachlassung der Sünden, die himmlische und die irdische Schöpfung, die Natur des Menschen, die Engel, die Bosheit der verworfenen Geister, die Ränke des Teufels, das christliche Leben, die Gebote, den rechten Glauben, die Irrthümer der Ketzereien? Das und noch manches Andere muß der Christ wissen, von alle Dem muß er Rechenschaft geben, wenn er gefragt wird. Ihr aber, die ihr bloß einmal des Jahres und zwar nur so ganz flüchtigen Sinnes euch hier versammelt, nicht aus frommer Gesinnung, sondern weil eben das Fest es so mit sich bringt, ihr könnt jene Wahrheiten auch nicht zum geringsten Theile kennen lernen. Denn wie sehr könnte man schon zufrieden sein, wenn auch nur diejenigen Christen, die ganz regelmäßig an unsern Versammlungen Theil nehmen, sich alle jene Lehren gehörig zu eigen machten!

Viele von euch, die ihr hier zugegen seid, haben Sklaven oder Söhne; wenn ihr diese einem Meister in die Lehre geben wollt, dann verwehrt ihr ihnen unbedingt den Zutritt zu eurem Hause, nachdem ihr sie vorher mit Kleidung und Unterhalt und allem Nöthigen versorgt habt; ihr laßt sie bei dem Meister wohnen und verbietet ihnen, euer Haus zu betreten. Das thut ihr, damit sie durch den fortwährenden Aufenthalt in dem Hause des Meisters seine Kunst besser und gründlicher lernen und durch keine Sorge in ihrer Erlernung gestört werden. Und was ihr hier lernen sollt, nicht irgend eine gewöhnliche und alltägliche Kunst, sondern die größte von allen Künsten, wie man nämlich Gott gefällt und in den Himmel kommt, — Das meint ihr trotz aller Flüchtigkeit und Leichtfertigkeit gehörig lernen zu können? Das ist ja ein Unverstand ohne Gleichen! Dieses Lernen ist wahrlich eine Sache, welche viel Fleiß und Aufmerk [S. 60] samkeit erheischt. Höre nur, was der Herr sagt „lernet von mir, denn ich hin sanftmüthig und demüthig von Herzen.“2 Und was der Prophet sagt: „Kommet, ihr Kinder, höret auf mich; die Furcht des Herrn will ich euch lehren.“3 Und wiederum: „Verweilet und erkennet, daß ich der Herr bin.“4 Es ist also viel Zeit und Mühe vonnöthen, wenn man sich diese christliche Weisheit aneignen will.

1: Apg. 1, 9.
2: Matth. 11, 29.
3: Ps. 33, 12.
4: Ebd. 45, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger