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Chrysostomus († 407) - Reden
Auf Weihnachten

Text

1.

Auf Jesu Christi, unseres Erlösers, Geburtstag, den man damals noch wenig kannte und erst vor einigen Jahren durch abendländische Christen, welche davon Kunde brachten, kennen gelernt hatte.

Was in alten Zeiten von Patriarchen sehnlich gewünscht, von Propheten vorausverkündigt, von Gerechten zu schauen begehrt ward, Das ist heute geschehen und in Erfüllung gegangen: Gott ist auf Erden im Fleische erschienen und mit den Menschen gewandelt.1 Deßhalb, Geliebte, wollen wir jubeln und frohlocken. Ist nicht Johannes im Schooße seiner Mutter Elisabeth, als Maria sie besuchte, vor Freude aufgehüpft? Wir aber schauen heute nicht etwa Maria, sondern unsern neugebornen Erlöser selbst; daher sollten wir noch weit mehr frohlocken und jauchzen, zugleich aber voll Bewunderung anstaunen dieses große Geheimniß, das unser Begreifen weit überragt. Denn wie würde es uns vorkommen, sähen wir die Sonne [S. 33] vom Himmel herabsteigen, auf der Erde umher wandeln und von hier aus allen Menschen ihre Strahlen zusenden? Würde nicht dieses Ereigniß alle Zuschauer mit Staunen erfüllen? Und doch ist die Sonne nichts weiter als eine Spenderin sichtbaren Lichtes; nun siehe zu und erwäge, was es heissen will, daß die Sonne der Gerechtigkeit aus unserer fleischlichen Natur heraus ihre Strahlen entsendet und unsere Seelen erleuchtet!

Schon längst hat es mich verlangt, diesen Tag zu schauen, und zwar zu schauen inmitten einer so zahlreich versammelten Gemeinde; und immer wünschte ich, dieser Schauplatz unserer Andacht möchte so gut besetzt sein, wie er sich jetzt unsern Blicken darstellt. Das ist also nun wirklich geschehen. Noch sind es nicht zehn Jahre, seitdem dieser Tag zu unserer Kenntniß gelangt ist; und trotzdem ist dieses Fest durch euren frommen Eifer zu einer solchen Blüthe gediehen, als wäre es ein altes Erbstück aus längst vergangenen Zeiten. Deßhalb könnte man diesen Festtag mit Recht einen neuen und auch wieder einen alten nennen; einen neuen, weil er erst jüngst zu unserer Kenntniß gekommen, einen alten und längst gewohnten, weil er dem ältern so schnell ebenbürtig geworden und auf dieselbe Stufe emporgestiegen ist. Gleichwie Pflanzen von edler Art, schon bald nachdem sie in das Erdreich eingesetzt sind, bis zu einer bedeutenden Höhe herangewachsen und binnen kurzer Frist mit Früchten reich beladen sind: so hat auch dieser Festtag, der den Abendländern längst bekannt, bei uns aber erst jetzt vor wenigen Jahren in Übung gekommen ist, in ähnlicher Weise schnell an Bedeutung gewonnen und jetzt schon reiche Früchte getragen; denn dieser unser Versammlungsort ist ja vollständig gefüllt und unsere Kirche zu klein geworden für die Menge Derer, die sich hier eingefunden haben. Den Lohn, welchen ihr für einen solchen Eifer verdient, erwartet von Christus, der heute dem Fleische nach geboren ist. Er wird euch diese fromme Gesinnung sicherlich vergelten. Ist doch das liebevolle Interesse, das [S. 34] ihr für dieses Fest an den Tag legt, ein vielsagendes Zeugniß eurer Liebe zu Demjenigen, dessen Geburt wir feiern. Wenn es aber zugleich an mir, eurem Mitknecht, ist, euch einigermaßen zu belohnen: ich werde thun, was in meinen Kräften steht; oder besser gesagt: ich werde um eures Heiles willen reden, wie es die Liebe Gottes mir verleiht. Was wollt ihr also heute von mir hören? Ganz gewiß wünscht ihr, daß ich mich eben über dieses Fest verbreite; denn ich weiß recht wohl, daß Manche auch jetzt noch darüber streiten, und der Eine dafür, der Andere dagegen spricht. Es werden allenthalben über dieses Fest viele Worte gewechselt: die Tadler weisen darauf hin, daß es noch ganz jungen Datums und erst jetzt eingeführt ist; die Vertheidiger sagen, es sei alt, sogar uralt; da ja die Propheten von der Geburt des Herrn geweissagt, und dieser Tag seit alten Zeiten von Thrazien bis Cadix wohlbekannt und gefeiert sei. Nun wohlan, Das sei der Gegenstand meiner Rede. Denn es ist ja klar: wenn dieses Fest schon jetzt, wo seine Berechtigung noch viel bestritten wird, sich eurer Gunst in so hohem Grade erfreut, so werdet ihr ihm noch weit mehr Eifer zuwenden, wenn ihr einmal besser darüber Bescheid wißt, und wenn die genauere Kenntniß, welche euch diese Belehrung verschaffen soll, euch noch günstiger dafür gestimmt hat.

Drei Beweisgründe habe ich zu erörtern, aus denen durchaus erhellt, daß Dieß der Zeitpunkt ist, wo das göttliche Wort, unser Herr Jesus Christus, als Mensch geboren ward. Den ersten Grund finde ich darin, daß dieses Fest in so kurzer Zeit überall bekannt geworden, zu einer solchen Bedeutung gelangt ist und so vielen Beifall gefunden hat. Von der Predigt des Evangeliums sagte einst Gamaliel: „Wenn es von Menschen ist, wird es in Zerfall gerathen; wenn es aber aus Gott ist, könnt ihr es nicht zerstören, auf daß ihr nicht etwa als Widersacher Gottes befunden werdet.“2 Dasselbe möchte ich im Hin [S. 35] blick auf das heutige Fest zu behaupten wagen: weil es von Gott ist,3 darum ist dieser Tag, statt in Vergessenheit zu gerathen, vielmehr von Jahr zu Jahr bedeutender und herrlicher geworden. So hat ja auch die Predigt des Evangeliums sich in wenigen Jahren über die ganze bewohnte Erde verbreitet, obgleich es Zeltmacher, Fischer, ungelehrte und ganz gewöhnliche Leute waren, welche dieses Evangelium überall hin trugen. Allein die Unscheinbarkeit seiner Diener brachte ihm keinen Schaden; es war die innere Kraft des von ihnen verkündigten Wortes, die Alles schon gleich Anfangs in Besitz nahm, alle Hindernisse überwand und ihre eigenthümliche Stärke bewährte.

1: Baruch 3, 38.
2: Apostelg. 5, 38. 39.
3: Ὅτε ἐπειδὴ ἐκ θεοῦ ἐστίν κτλ. Bei Montfoucon finden sich hier die in andern Ausgaben fehlenden, wahrscheinlich unechten Worte eingeschoben: θεὸς λόγος (ὅτι ἐπειδὴ) ἐκ θεοῦ θεὸς λόγος ἐστίν κτλ. )

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger