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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Vierundvierzigste Homilie.

I.

10. Wenn aber Timotheus zu euch gekommen sein wird, sehet zu, daß er frei von Furcht bei euch sei.

I. Es dürfte vielleicht Einer wähnen, daß diese Ermahnung dem Muthe des Timotheus nicht zur Ehre gereiche; allein Das wird nicht des Timotheus wegen gesagt, sondern wegen der Zuhörer, damit sie ihm nicht nachstellen und dadurch sich selber Schaden zufügen möchten; denn Timotheus selbst war stets bereit, sich Gefahren auszusetzen: „Wie dem Vater das Kind hat er mit mir gedient für das Evangelium,“ heißt es.1 Nur damit sie nicht durch Verwegenheit gegen den Schüler schlimmer werden und sich auch an den Lehrer heranwagen möchten, sucht er schon von Weitem sie zu bezähmen und spricht: „Sehet zu, daß er frei von Furcht bei euch sei,“ d. h. daß nicht etwa ein Nichtswürdiger an ihm sich vergreife. Denn Timotheus sollte sie [S. 767] vielleicht über Das, was Paulus geschrieben hatte, zur Rede stellen; er hatte ihnen ja angekündet, daß er ihn aus dieser Absicht sende: „Denn ich sende,“ heißt es, „den Timotheus zu euch, damit er euch meine Wege in Christo in Erinnerung bringe, sowie ich überall in der ganzen Kirche lehre.“2 Damit sie nun nicht, stolz auf ihren Adel, ihre Reichthümer, auf die Gunst des Volkes und auf ihre Weltweisheit, ihn angreifen und mißhandeln, oder aus Verdruß über die Vorwürfe, die er oder der Apostel ihnen gemacht, ihm nachstellen und sich an ihm rächen möchten, sagt er: „Sehet zu, daß er frei von Furcht bei euch sei.“ Ich rede nicht von Jenen, die draussen sind, von den Heiden und Ungläubigen; von „euch“ verlange ich Dieses, für welche ja dieser ganze Brief geschrieben ist; deßhalb erschreckt er sie gleich Anfangs und sagt: „bei euch!“ Darauf sucht er ihm von Seite seines Amtes Achtung zu verschaffen, indem er spricht: „Denn des Herrn Werk wirket er.“ Darauf sollt ihr nicht sehen, daß er nicht reich, nicht gelehrt, nicht alt ist; sondern auf Das, was ihm aufgetragen ist, und was er leistet: „Denn des Herrn Werk wirket er.“ Das ersetzt bei ihm Alles: Adel und Reichthum, Alter und Gelehrsamkeit. Und damit nicht zufrieden, fügt er noch bei: „Wie ich.“ Und oben spricht er: „Welcher mein geliebtes und getreues Kind ist im Herrn; er wird euch meine Wege in Christo in Erinnerung bringen.“ Weil er also noch jung war und allein mit der Besserung eines so zahlreichen Volkes betraut war, was Beides ihm Verachtung zuziehen konnte, — so fügt der Apostel treffend hinzu:

11. Daß denn nicht irgend Jemand ihn verachte.

Ja, er fordert nicht Das allein, sondern auch eine größere Ehre; darum spricht er: „geleitet ihn aber im [S. 768] Frieden,“ d. h. ohne Furcht, ohne mit ihm zu zanken und zu streiten, nicht in Haß und Feindschaft, sondern begegnet ihm als Lehrer mit Gehorsam und Achtung. „Damit er zu mir komme; denn ich erwarte ihn mit den Brüdern.“ Hiermit schreckt er sie und hält sie in Zaum, indem er ihnen erklärt, daß er Alles erfahren werde, was Jenem begegnet; und deßwegen sagt er: „ich er warte ihn.“ Übrigens erhöht er dadurch auch das Ansehen des Timotheus, indem er, im Begriffe abzureisen, auf diesen noch wartet; und es ist zugleich ein Beweis seiner Liebe zu ihnen, daß er einen so brauchbaren Mann um ihretwillen entsendet.

12. In Hinsicht auf den Bruder Apollo thue ich euch kund, daß ich ihn vielfach ermuntert habe, er möge zu euch kommen mit den Brüdern.

Dieser scheint gelehrt und älter als Timotheus gewesen zu sein. Damit sie also nicht sagen könnten: Warum hat er den Mann nicht geschickt, sondern statt seiner den Jüngling? siehe, wie er auch Das milde hintanhält, dadurch daß er ihn Bruder nennt und erklärt, wie er ihn gebeten habe, mitzureisen. Damit es nämlich nicht scheine, als gebe er dem Timotheus jenem gegenüber den Vorzug, und habe ihn darum nicht gesendet, und um ihre neidische Verkleinerungssucht nicht zu mehren, sagt er: „Ich habe ihn vielfach ermuntert, er möge zu euch kommen mit den Brüdern.“ Wie denn? Gab jener nicht nach, widersetzte er sich und wollte nicht gehorchen? Dieses sagt er nicht, sondern um jenen nicht anzuklagen, und um sich zu entschuldigen, drückt er sich so aus: „Und schlechterdings fand sich nicht der Wille, daß er jetzt komme.“ Und damit sie Dieses nicht als eine leere Ausflucht ansehen sollten, fährt er fort: „Zu euch kommen wird er aber, sobald er hiezu freie Zeit haben wird.“ So entschuldigt er den Apollo und beschwichtigt ihr Verlangen durch die Verheissung, daß er kommen werde. Um ihnen [S. 769] aber zu zeigen, daß sie die Hoffnung ihres Heiles nicht auf ihre Lehrer, sondern auf sich selbst gründen müssen, sagt er:

13. Seid wachsam und stehet fest im Glauben!

Nicht in der Weltweisheit; denn da gibt es kein Stehen, sondern ein Hin- und Hertreiben; wohl aber gibt es im Glauben ein Stehen. „Handelt mannhaft und werdet stark!“

14. All das Eure geschehe in Liebe!

Was er hier sagt, sckeint eine bloße Ermahnung zu sein, ist aber in der That eine Rüge ihrer Schläfrigkeit; darum sagt er: „Seid wachsam!“ gleichsam als schliefen sie; „stehet fest!“ gleichsam als wankten sie; „handelt mannhaft und werdet stark!“ gleichsam als wären sie Schwächlinge; „all das Eure geschehe in Liebe!“ gleichsam als wären sie Aufrührer. Jenes: „Seid wachsam, stehet fest!“ ist gegen Diejenigen gesagt, die Andere zu verführen suchen; Jenes: „handelt mannhaft!“ gegen Diejenigen, die Andern nachstellen; die Worte aber: „All das Eure geschehe in Liebe!“ sind gerichtet gegen Diejenigen, welche Zwist und Spaltung zu stiften bemüht sind; denn die Liebe ist das vollkommenste Band und die Wurzel und Quelle des Guten. Was bedeutet aber der Ausdruck: „Alles in Liebe?“ Es heißt: Mag Einer ermahnen oder befehlen oder einem Befehle gehorchen, lernen oder lehren, — Alles geschehe mit Liebe; denn Alles, worüber ihnen (Paulus) geschrieben, war darum geschehen, weil sie die Liebe vernachlässigt hatten. Denn wäre die Liebe nicht vernachlässigt worden, so würden sie nicht aufgeblasen diese Sprache geführt haben: „Ich halte es mit Paulus, ich mit Apollo.“3 Hatten sie die Liebe besessen, so würden sie gar nicht, geschweige denn vor heidnischen Richtern Recht gesucht haben. Hätten sie die Liebe gehabt, so würde Jener mit dem Weibe seines Vaters nicht Umgang gepflogen haben; sie würden die [S. 770] schwachen Brüder nicht verachtet haben; sie würden keine Sekten haben aufkommen lassen; sie wären wegen der Charismen nicht eitel geworden. Darum sagt er: „Alles geschehe mit Liebe!“

1: Phil. 2, 22.
2: I. Kor. 4, 17.
3: I. Kor. 1, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger