Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Vierundvierzigste Homilie.

VI.

Dieses nun laßt uns bedenken, und um unsere Glieder besorgt sein, nicht aber gegen einander die Zunge wetzen, noch durch niederträchtige Reden die Ehre des Nebenmenschen untergraben, wie Krieger, die auf dem Schlachtfelde einander verwunden und verwundet werden. Was nützt denn das Fasten und Wachen, wenn die Zunge berauscht ist; wenn sie sich mit einer eckleren Kost als Hundefleisch mästet; wenn sie blutdürstig wird, Unrath aussprudelt und den Mund zu einem Abzugsgraben, ja noch zu etwas Ab- [S. 781] scheulicherem macht? Was aus dem Munde herausgeht, verunreinigt den Körper; was aber von der Zunge ausgeht, hat oft die Seele getödtet. Dieses sage ich nicht aus thörichter Sorgfalt für Diejenigen, denen Übles nachgeredet wird, — denn sie werden belohnt, falls sie die üble Nachrede edelmüthig ertragen, — sondern aus Sorgfalt für euch, die ihr so redet. Denn die Schrift preist Denjenigen selig, dem ohne Grund Böses nachgesagt wird; den Lästerer aber schließt sie von den heiligen Geheimnissen aus, ja selbst von der Umfriedung des Tempels. „Ich verfolge Den,“ heißt es, „der heimlich seinen Nächsten verleumdet.“1 Ja, es wird ihm sogar das Lesen der heiligen Schrift untersagt:. „Was schwatzest du,“ heißt es, „von meinen Satzungen, und führst meinen Bund in deinem Munde?“ Dann führt er den Grund an und spricht: „Du sitzest da und redest wider deinen Bruder.“2 Und hier wird gar nicht unterschieden, ob die üble Nachrede wahr oder falsch sei; anderswo aber wird sogar verboten, das Böse, wenn es auch wahr ist, bekannt zu machen; denn es heißt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“3 Jener, der den Zöllner geschmäht, wurde verworfen, obschon die Beschuldigung auf Wahrheit beruhte. „Wie aber, wenn Jemand verwegen, und gottlos ist, sollen wir ihn nicht bestrafen und zurechtweisen?“ Bestrafen und zurechtweisen, aber so, wie ich oben gesagt. Wenn du es aber thust, um ihn bloß zu beschimpfen, so siehe zu, daß dir nicht Dasselbe begegne, was dem Pharisäer, dem du nachahmst, geschah. Denn es ist dabei kein Gewinn, weder für dich, der du redest, noch für Jenen, der da hört und beschuldiget wird; vielmehr wird Dieser nur noch unverschämter dadurch. (Denn solange das Böse: geheim bleibt, schämt er sich noch; ist es aber ruchbar geworden, so wirft er auch diesen Zügel von sich.) Aber auch der Zuhörer wird dabei noch mehr leiden; denn ist er sich guter Thaten bewußt, so wird er bei der Anklage Anderer aufgeblasen; findet er sich aber schuldig, so wird er zum [S. 782] Sündigen nur desto kühner. Auch der Ehrabschneider verliert bei Dem, der ihm zuhört, jegliche Achtung und noch mehr beleidigt er Gott.

Vermeiden wir also, ich bitte euch, jedes kränkendes Wort, und reden wir nur Gutes, was zur Erbauung beiträgt. Oder sehnst du dich, an dem Nächsten Rache zu nehmen? Warum übst du denn statt an ihm an dir selber die Rache? Willst du dich rächen an Denen, die dir verhaßt sind, so räche dich so, wie Paulus es vorschreibt: „Wenn deinen Feind hungert, so speise ihn: wenn ihn dürstet, so tränke ihn.“4 Hast du nicht diese Absicht, und willst ihm nur schaden, so ziehst du das Schwert gegen dich selber. Wenn also der Feind lästert, so vergilt es ihm durch Beifall und Lob; denn dadurch wirst du sowohl an ihm Rache zu nehmen vermögen, als auch dich selber von bösem Verdachte befreien. Wer bei Schmähreden Empfindlichkeit zeigt, scheint ein böses Gewissen zu haben; wer aber dieselben verlacht, gibt klar zu erkennen, daß er sich nichts Bösen bewußt ist. Da du also weder dem Zuhörer noch dir noch dem Angeklagten einen Nutzen gewährest, und die Waffen gegen dich selbst führst: so lerne doch hieraus weiser und verünftiger sein. Zwar hätte ich dir nur das Himmelreich und den Willen Gottes als Beweggründe anführen sollen, weil du aber noch so roh bist und wie ein wildes Thier beissest, so mußt du auf diese Weise belehrt werden, damit du endlich auch durch den alleinigen Beweggrund des göttlichen Willens dich lenken lassest und, alle Leidenschaften besiegend, die himmlischen Güter erlangest. Mögen wir derselben alle theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem sammt dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Ps. 100, 5.
2: Ps. 49, 16.
3: Matth. 7, 1.
4: Δυσῶδες = übelriechend, stinkend.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Sechsunddreissigste ...
. Siebenunddreissigste ...
. Achtunddreissigste ...
. Neununddreissigste ...
. Vierzigste Homilie. ...
. Einundvierzigste Homilie. ...
. Zweiundvierzigste Homi...
. Dreiundvierzigste Homi...
. Vierundvierzigste Homi...
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. . V.
. . VI.

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger