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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Vierundvierzigste Homilie.

IV.

Der Sünder hat also keinen Verstand: denn er ist berauscht und verblendet. Führe also nicht diese Sprache, und sage ja nicht: Was kümmert’s denn mich? „Jeder wird seine eigene Last tragen.“1 Denn die größte Schuld erwächst dir, wenn du ihn irren sahst, und ihn nicht auf den rechten Weg zurückgeführt hast. Wenn es nach dem jüdischen Gesetz nicht erlaubt war, das Lastthier des Feindes nicht zu beachten: welcher Verzeihung ist dann wohl Derjenige würdig, der nicht etwa ein Lastthier oder die irrende Seele eines Feindes, sondern seines Freundes Seele nicht achtet? Denn Das genügt nicht, uns für entschuldigt zu halten, daß Jener selbst Verstand habe; denn auch wir, die wir Andern oft Ermahnungen geben, genügen uns selber wohl nicht, und erkennen nicht unsern eigenen Vortheil. So denke also auch in Betreff des fehlenden Bruders, nämlich, daß er wohl eher von dir den besten Rath erhalten werde, als von sich selber. Sage auch nicht: Was geht Das mich an? Fürchte dich vor (dem Loose) Desjenigen, [S. 777] der zuerst diese Sprache geführt hat; denn die Frage: „Bin ich der Wächter meines Bruders?“2 ist gerade Dasselbe, was du sprichst. Daraus entsteht alles Unheil, daß wir Das, was unsern Leib angeht, als uns nicht berührend ansehen. Was sagst du? Dein Bruder geht dich Nichts an? Wer soll sich denn um ihn kümmern? Etwa der Ungläubige, der über sein Unglück sich freut, ihn höhnt und verspottet? Oder der Teufel, der ihn dazu antreibt und zum Falle bringt? Und woher kommt Das? „Weil ich,“ heißt es, „mit meinem Zureden und meinen guten Ermahnungen Nichts ausrichte.“ Woher aber weißt du, daß du Nichts ausrichten werdest? Denn Das ist doch wohl die größte Thorheit, wegen des ungewissen Erfolges sich der gewissen Sünde der Nachlässigkeit schuldig machen. Hat doch Gott, der das Zukünftige weiß, oft gesprochen, ohne daß sein Wort Beachtung gefunden, und hat, obschon er voraussah, daß es erfolglos sein werde, dennoch nicht davon abgelassen. Wenn nun er, der da wußte, daß er Nichts ausrichten werde, nicht unterließ, zu ermahnen: welche Entschuldigung wirst denn du finden, der du den Erfolg gar nicht kennst, und dabei träge und nachlässig bist? Denn Vielen gelang oft ihr Unternehmen, und es glückte ihnen am besten, gerade wo sie alle Hoffnung aufgaben. Und wenn du auch nichts Erhebliches leistest, so hast du doch deine Pflicht gethan. Sei also nicht unmenschlich, nicht unbarmherzig, nicht nachlässig. Daß aber jene Sprache Grausamkeit und Nachlässigkeit verrathe, kannst du daraus erkennen: Warum sagst du denn nicht, wenn du an deinem Leibe ein krankes Glied hast: „Was geht Das mich an? Und woher weiß ich, daß es durch Pflege geheilt wird?“ Vielmehr versuchst du ja Alles, um dir wenigstens, wenn es auch nicht helfen sollte, nicht vorwerfen zu müssen, irgend ein geeignetes Heilmittel verabsäumt zu haben. Da wir nun um die Glieder unseres Leibes so sehr besorgt sind, werden wir in Betreff der Glieder Christi unbesorgt sein? Wie un- [S. 778] verzeihlich! Rührt dich nun Das nicht, wenn ich sage, du sollst dich um dein krankes Glied kümmern, um wenigstens aus Furcht Heilung zu finden; so erinnere ich dich an den Leib Christi. Ist es nicht schauderhaft, daß du dein eigenes Fletsch faulen siehst und nicht darauf achtest? Daß du deinen Sklaven, deinen Esel, der ein eiterndes Glied hat, nicht vernachlässigst, den Leib Christ hingegen, der mit Aussatz bedeckt ist, gleichgiltig ansehen kannst? Glaubst du nicht selber, daß Dieses tausend (rächende) Blitze verdiene? Wegen dieser Unmenschlichkeit und Nachlässigkeit geht Alles so verkehrt durcheinander. Darum lasset uns, ich bitte euch, diese Grausamkeit verbannen. Gehe hin zu dem Bruder, der da bei einer Jungfrau wohnt, lobe ihn wegen seiner andern guten Eigenschaften, und erweiche, wie mit warmem Wasser, so durch Lobsprüche seine schwellende Wunde; nenne dich selbst einen armseligen Menschen, klage über das gemeinschaftliche Loos des Menschengeschlechtes; sage, daß wir alle Sünder seien: bitte ihn um Vergebung, daß du Etwas gewagt habest, was über deine Kräfte gehe, aber die Liebe dränge ja, Alles zu wagen. Allein thue Das nicht in gebieterischem Tone, sondern nur rathend als Bruder. Und wenn du dadurch die Geschwulst niedergeschlagen und den Schmerz, der durch den beabsichtigten Schnitt eintreten wird, gelindert und dich vielfach entschuldigt, und ihn vielmal gebeten hast, er möge nicht zürnen: dann erst, nachdem du ihn also gebunden, wage den Schnitt; weder zu tief, damit er nicht weglaufe, noch zu gelinde, damit er die Sache nicht als geringfügig ansehe. Denn ist der Einschnitt nicht kräftig, so ist er ganz nutzlos; schneidest du aber zu stark, so bewirkst du, daß dir der Verwundete wegläuft. Wenn du ihn nun nach all Dem tadeln willst, so verbinde mit dem Tadel auch Lob; und weil die Sache an sich kein Lob verdient, — denn bei einer Jungfrau wohnen, ist doch nichts Lobenswerthes — so lobe ihn ob seiner Absicht und sage: „Ich weiß wohl, daß du es um Gottes willen thust und aus Mitleid über den verlassenen und hilflosen Zustand jenem armen Geschöpfe die Hand reichst.“ [S. 779] Thut er Dieß auch nicht inder Absicht, so rede doch du so; entschuldige dich abermals und erkläre, daß du ihm Nichts vorschreiben, sondern ihn nur erinnern wollest, und sage: Ich weiß wohl, daß du es wegen Gott thust; allein man muß doch auch sehen, ob hieraus nicht ein anderes Übel entstehe. Wenn daraus nichts Böses entsteht, gut, so bleibe dabei, und setze das gute Werk fort. Niemand soll dir’s verwehren. Wenn aber daraus ein Nachtheil entsteht, der größer ist als der Gewinn, so müssen wir uns wohl hüten, zahllose Seelen zu ärgern, während wir eine einzige trösten.“ Du darfst aber nicht sogleich von der Bestrafung Derjenigen reden, die Ärgerniß geben, sondern berufe dich auf sein eigenes Zeugniß und sprich: „Das brauchst du nicht erst von mir zu erfahren, du weißt es ja selber, welch’ schwere Strafe Demjenigen angedroht ist, der Einem von den Kleinen Ärgerniß gibt.“ Hast du nun so deine Worte gemildert und seinen Unmuth besänftigt, dann magst du mit der Arznei der Zurechtweisung kommen. Und wenn er dann wieder die hilflose Lage der Jungfrau vorschützt, so tadle diesen Vorwand nicht, sondern sage ihm: „Laß dich durch diesen Umstand nicht schrecken; das Ärgerniß Anderer entschuldigt dich hinreichend; denn nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus schonender Rücksicht auf Andere gibst du dieses Zusammensein auf.“

1: Gal. 6, 5.
2: Gen. 4, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger