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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Vierundvierzigste Homilie.

III.

22. Wenn Jemand nicht lieb hat unsern Herrn Jesum Christum, sei er Anathema!

Durch dieses einzige Wort schreckt er Alle, die ihre Glieder zu Hurengliedern machten, die durch Betheiligung an den Götzenopfern ihren Brüdern Ärgerniß gaben; die sich nach dem Namen gewisser Menschen nannten; die an die Auferstehung nicht glaubten. Allein er schreckt sie nicht nur, sondern zeigt ihnen auch den Weg zur Tugend und die Quelle des Bösen. Denn gleichwie eine heftige Liebe jede Art von Sünden auslöscht und verdrängt, so läßt eine schwächere Liebe dieselben aufkeimen. „Maranatha!“ Warum wird denn dieser Ausdruck gebraucht? Und warum denn in hebräischer Sprache? Weil der Stolz die Ursache aller Übel war. Dieser Stolz entstand aus der Weltweisheit, und Das war die Quelle der Übel, wodurch Korinth in Zwietracht und Spaltung gerieth. Diesen Hochmuth niederzuschlagen bedient er sich nicht einmal der griechischen, sondern der hebräischen Sprache, und gibt so zu erkennen, daß er sich der Einfalt nicht schäme, sondern sie mit inniger Liebe umfasse. Was heißt aber: „Maranatha?“ Unser Herr kommt. Aus welchem Grunde sagt er nun Das? Um die Lehre von der Menschwerdung zu bestätigen, worauf er die Lehre von der Auferstehung gegründet hat; [S. 774] allein nicht bloß darum, sondern auch, um sie zu beschämen, gleichsam als wollte er sagen: Unser Aller Herr hat sich gewürdigt, so tief herabzusteigen, und ihr bleibt immer Dieselben und fahrt fort, zu sündigen! Erstaunt ihr nicht ob diesem Übermaß von Liebe? Bedenket doch nur Dieses, will er, sagen, und ihr werdet in aller Tugend voranschreiten und alle Sünden austilgen können.

23. Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch!

So hilft der Lehrer nicht bloß durch Rath, sondern auch durch Gebet.

24. Meine Liebe mit euch Allen in Christo Jesu! Amen.

Er schließt mit den Worten: „in Christo Jesu,“ damit sie nicht meinten, als wolle er ihnen schmeicheln; denn diese Liebe hat nichts sinnliches, nichts Menschliches, es ist eine geistige Liebe. Sie ist gewiß aufrichtig, denn sie kommt aus dem Munde eines Mannes, der heftig liebt. Weil er örtlich von ihnen getrennt ist, so streckt er gleichsam liebend seine Hände gegen sie aus, und umarmt sie mit den Worten: „Meine Liebe mit euch!“ Damit zeigt er, daß er Nichts aus Zorn oder Unwillen geschrieben, sondern aus liebender Sorgfalt, indem er nach einer so schweren Anklage sie nicht verabscheue, sondern liebe, und in jener Entfernung sie gleichsam brieflich und schriftlich umarme. So muß man thun, wenn man Andere bessern will. Wer bloß aus Zorn handelt, dient nur seiner Leidenschaft; wer aber, nachdem er den Fehlenden zurechtgewiesen, auch Liebe an den Tag legt, zeigt eben dadurch, daß auch die Rüge aus einem wohlwollenden Herzen gekommen.

So lasset auch uns einander zurechtweisen; der Zurechtweisende aber werde nicht zornig; denn sonst wäre es keine Zurechtweisung, sondern ein leidenschaftlicher Ausbruch; aber auch der Zurechtgewiesene soll nicht auf- [S. 775] gebracht werden; denn die Ermahnung ist eine Arznei, nicht eine Feindschaft. Wenn die Ärzte, welche Wunden ausbrennen, keinen Vorwurf verdienen, wiewohl ihnen die Kur nicht immer gelingt; und wenn Diejenigen, bei denen sie Feuer und Messer anwenden und ihnen dadurch Schmerzen verursachen, darüber nicht aufgebracht werden, sondern sie für ihre Wohlthäter ansehen: so sollte man noch viel mehr die Vorwürfe gelassen hinnehmen und dem Zurechtweisenden als einem Arzte, nicht aber als einem Feinde begegnen. Aber auch wir, die wir zurechtweisen, sollen dabei mit vieler Sanftmuth und Klugheit zu Werke gehen. Siehst du deinen Bruder fehlen, so weise ihn zurecht, wie Christus befohlen, nicht öffentlich, sondern unter vier Augen; mache ihm keine Vorwürfe, beschimpfe den Gefallenen nicht, sondern bedaure und beklage ihn und zeige dich selber bereit, dich zurechtweisen zu lassen, wenn du selbst fehlen solltest. Damit Das, was ich sage, noch deutlicher werde, wollen wir einen Fall annehmen, der aber in der Wirklichkeit nie eintreten möge. Gesetzt, ein Mitbruder, keusch und züchtig, wohne bei einer Jungfrau; er wird bei seinen ehrbaren Sitten dennoch einem üblen Ruf nicht entgehen. Hörst du nun, wie über dieses Zusammenwohnen unter dem Volke Gemurmel entsteht, so sprich nicht etwa verächtlich: Hat er nicht selber Verstand? Weiß er denn nicht, was sich schickt? „Umsonst lasse dich lieben, setze dich aber nicht unnöthiger Weise dem Haß aus!“1 Und warum sollte ich mir unnöthige Feindschaft zuziehen? Das ist ein dummes Geschwätz; so würden wilde Thiere oder vielmehr die Teufel sich ausdrücken. Denn wer in der Absicht, Andere zu bessern, so Etwas thut, der setzt sich dem Hasse nicht ohne Grund aus, sondern wegen großer Güter und eines unaussprechlichen Lohnes. Sagst du aber: Wie, hat denn Jener nicht selber Verstand? so höre von uns, daß er keinen hat; denn die Leidenschaft hat ihn berauscht. Wenn schon bei weltlichen Gerichten Diejenigen, welche über erlittene Unbilden [S. 776] klagen, nicht selbst das Wort führen können, weil sie vor Zorn erglühen, obschon sie eher Mitleid als einen Vorwurf verdienen: so muß Dieses um so mehr für Diejenigen gelten, die in einem verdächtigen Umgange leben. Darum behaupte ich: wenn Jener auch noch so viel Einsicht besitzt, so hat er doch keinen wachsamen Geist. Wer war wohl weiser als David, der da sprach: „Das Geheime und Verborgene deiner Weisheit hast du mir geoffenbart“?2 Als er aber das Weib des Kriegsobersten mit unzüchtigen Augen anblickte, da begegnete ihm, was den Schiffern auf tobendem Meere zustoßen muß; darum sagt er auch: „Alle meine Weisheit ist nun verschlungen.“3 Er bedürfte der Zurechtweisung Anderer und fühlte nicht, in welchem Unglück er sich befinde. Darum sprach er, als er seine Sünden beweinte: „Sie liegen auf mir, wie eine schwere Last. Es stinken und eitern meine Wunden vor meiner Unvernunft.“4

1: Sprüchwort.
2: Ps. 50, 8.
3: Ebd. 106, 27.
4: Ebd. 37, 5—6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger