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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Vierzigste Homilie.

V.

Denn warum halten sie so viele Diener? Denn wie in Bezug auf Kleidung und Nahrung nur das Bedürfniß maßgebend ist, so soll es auch in Betreff der Dienerschaft sein. Welches Bedürfniß ist also vorhanden? Sicherlich keines; denn ein Herr, ja sogar zwei oder drei Herren sollten sich mit einem Diener begnügen. Kommt dir Das hart an, so denke an Diejenigen, die nicht einmal einen Diener haben, und sich dennoch einer bessern Bedienung er- [S. 723] freuen: denn Gott macht, daß sie sich dazu nicht nur selber genügen, sondern auch noch dem Nächsten aushelfen können. Willst du Dieses nicht glauben, so höre, was Paulus spricht: „Diese meine Hände haben für meine und meiner Gefährten Bedürfnisse gearbeitet.“1 So hat dieser Lehrer der Welt, dieser des Himmels würdige Mann sich nicht geschämt, unzähligen Menschen zu dienen; du aber hältst es für schmählich, wenn du nicht ganze Schaaren von Sklaven mit dir führen kannst, und siehst es nicht ein, daß du dich eben dadurch höchlichst beschimpfest. Darum hat uns Gott Hände und Füße gegeben, daß wir keiner Diener bedürfen. Nicht aus Noth ist der Stand der Dienenden eingeführt worden, sonst wäre mit Adam wohl auch sein Diener erschaffen worden sondern es ist Dieß eine Strafe der Sünde und eine Züchtigung des Ungehorsams. Als aber Christus erschien, hat er auch diesen Fluch aufgehoben: „Denn in Christo Jesu ist kein Sklave und kein Freier.“2 Es ist also nicht nöthig, daß man einen Diener halte; und wo es nöthig sein sollte, halte man einen, höchstens zwei. Wozu denn ganze Schaaren derselben? Gehen doch die Reichen wie Schaf- und Sklavenhändler auf dem Markte und in den Badeanstalten einher. Jedoch, ich will Nichts übertreiben: du magst dir auch einen zweiten Diener halten; hast du aber mehrere um deine Person, so geschieht es nicht aus Menschenliebe, sondern aus Prunksucht. Denn wärest du um ihr Wohl besorgt, so würdest du keinen zu deiner Bedienung verwenden, sondern sie kaufen, sie Gewerbe lernen lassen, damit sie sich selbst zu ernähren vermögen und ihnen dann die Freiheit schenken. Wenn du sie aber geißeln und einsperren lässest, so ist das wahrlich kein Werk der Menschenliebe! Ich weiß zwar, daß ich meinen Zuhörern lästig falle; aber was soll ich thun? Ich bin nun einmal daran, und werde nicht aufhören, Dieses zu sagen, mag ich damit Etwas ausrichten oder Nichts. Denn was bedeutet wohl dein stolzes Einher- [S. 724] schreiten auf dem Markte? Wandelst du unter wilden Thieren, daß du Jene, die dir in den Weg kommen, bei Seite treiben lässest? Fürchte dich nicht; es beißt dich Keiner von Denen, die dir begegnen oder neben dir wandeln. Oder hältst du es für schimpflich, in Gesellschaft Aller einherzuschreiten? Wie unsinnig, wie abenteuerlich! Du hältst es nicht für schimpflich, neben einem Pferde zu gehen, und du findest dich für höchlich beleidigt, wenn ein Mensch nicht mehrere Stadien weit aus dem Wege gejagt wird? Und warum lässest du von den Dienern dir Stäbe vortragen und gebrauchst freie Männer wie Sklaven, während du selbst schmählicher lebst als irgend ein Sklave? Denn es ist mehr als sklavisch-niederträchtig, einen solchen Prunk zu entfalten. Darum werden auch Diejenigen, welche dieser nachtheiligen Leidenschaft fröhnen, die wahre Freiheit nie schauen. Willst du stolz und prächtig erscheinen und vor dir Alles vertreiben, so vertreibe nicht Diejenigen, die dir begegnen, sondern den Stolz; und zwar nicht durch einen Trabanten, sondern thue es selber; nicht mit der Geißel des Sklaven, sondern mit einer geistigen Geißel. Nun lässest du durch den Sklaven die Leute von dir hinwegtreiben; dich aber treibt der Hochmuth weit schmählicher als der Sklave deinen Nebenmenschen verscheucht. Wenn du vom Pferde herabsteigst und dasselbe demüthig lenkst, so sitzest du höher und erwirbst dir größere Ehre, indem du keines Dieners bedarfst. Denn wenn du demüthig auf der Erde wandelst, so sitzest du auf dem Wagen der Demuth, der mit geflügelten Rossen dich bis zum Himmel erhebt; fällst du aber von diesem herab und besteigst den Wagen des Hochmuths, so bist du nicht besser, ja noch viel erbärmlicher und schlechter daran als die Schlangen, die auf dem Boden kriechen; denn diese zwingt die Verstümmelung des Körpers3 zum Kriechen, dich aber die Krankheit des Stolzes. [S. 725] „Denn wer sich erhöht, der wird erniedriget werden.4 Damit wir also nicht erniedrigt, sondern erhöht werden, wollen wir uns zu jener Höhe erschwingen. Denn so werden wir gemäß dem göttlichen Ausspruch Ruhe finden für unsere Seelen, und die wahre, die höchste Ehre erlangen, die uns Allen zu Theil werden möge durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem sammt dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 726]

1: Apostelgesch. 20, 34.
2: Gal. 3, 28.
3: Τοῦ σώματος πήρωσις, d. h. der Mangel an Füßen.
4: Matth. 18, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger