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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Vierzigste Homilie.

IV.

Wir dürfen aber nicht wähnen, als sei Dieses für Jene allein gesagt; es gilt auch jetzt noch für Alle, die an derselben Krankheit leiden, und deren Lebenswandel verderbt ist. Denn nicht nur Die sind trunken und rasend, welche schlechte Lehren verbreiten, sondern auch Die, welche in schweren Sünden dahin leben. Darum gilt mit Recht auch ihnen der Zufruf: „Ernüchtert euch!“ Besonders gilt er Denjenigen, die vom Geize, wie von einer tiefen Betäubung erfaßt sind und auf gottlose Weise das Räuberhandwerk betreiben. Denn es gibt auch einen rühmlichen und unschädlichen Raub, nämlich: das Himmelreich an sich reissen. In Bezug auf die zeitliche Habe ist es nicht möglich, daß Einer reich wird, es sei denn, daß früher ein Anderer arm geworden: in geistigen Dingen ist es nicht so, sondern es findet gerade das Gegentheil statt: Keiner kann sich bereichern, ohne auch den Andern bereichert zu haben; wer hierin Keinem nützt, kann nicht reich werden. In irdischen Dingen verursacht das Mittheilen eine Abnahme; in geistigen aber bewirkt es größern Überfluß, während das Nichtmittheilen Mangel und die äusserste Strafe nach sich zieht. Das zeigt uns der Knecht, der sein Talent vergrub. Denn wer die Lehre der Weisheit besitzt und sie Andern mittheilt, gewinnt größere Fülle, indem er Viele zu weisen Menschen bildet; wer sie aber bei sich verschlossen hält, beraubt sich selbst des Gewinnes, weil er vielen Andern keinem Nutzen verschafft. So vermehrt auch Der seine Gnade, welcher andere Gaben besitzt und damit Andern dient; er selber verliert durch die Mittheilung Nichts, sondern bereichert Viele mit der geistigen Gabe. Und Das gilt bei allen geistigen Dingen als unumstößliche Regel. So verhält es sich nun auch mit dem Reiche (Gottes); wer Viele in dasselbe mit sich hineinzuführen bemüht ist, der wird sich desselben gerade darum um so mehr freuen; wer aber Kei- [S. 721] nem an demselben Antheil zu verschaffen bestrebt ist, wird jene großen Güter selber verlieren. Wenn ja die Weltweisheit dadurch nicht abnimmt, daß Tausende mit Gier von ihr nehmen;1 und wenn der Künstler seine Kunstfertigkeit dadurch nicht einbüßt, daß er Andere zu Künstlern bildet: so wird um so weniger Derjenige, der Andere in’s Reich Gottes einführt, dabei verlieren; sondern es wird uns dann ein um so größerer Reichthum zu Theil werden, je mehr Menschen wir demselben werden zugeführt haben. Lasset uns also jene Güter an uns reissen, die dadurch nicht abnehmen, sondern sich mehren; lasset uns rauben, was kein Feind, kein neidischer Mensch uns zu entreissen vermag. Wenn es einen Ort gäbe mit einer immer fließenden Goldquelle, und die um so reichlicher flöße, je mehr man daraus schöpfte; und wenn anderswo ein vergrabener Schatz läge: aus welchem von beiden würdest du dich wohl bereichern wollen? Doch wohl aus der ersteren; das ist ja klar. Jedoch um das Gesagte durch ein Beispiel noch anschaulicher zu machen, so denket an Luft und Sonne. Alle nehmen Antheil daran; für Alle reichen sie hin; und doch bleiben sie unverändert und werden nicht geschmälert weder durch Diejenigen, die ihrer genießen, noch durch Die, welche sie nicht genießen. Doch der Gegenstand, von dem ich rede, ist weit größer. Die geistige Weisheit bleibt nicht dieselbe, wenn sie mitgetheilt und nicht mitgetheilt wird; sondern durch die Mittheilung wird sie vermehrt. Mag aber Jemand auf das Gesagte nicht hören, sondern ist er noch in den Mangel der irdischen Dinge versunken und reißt solche Güter an sich, die dadurch abnehmen: der erinnere sich wieder an das nährende Manna, und fürchte sich vor jenem Strafexempel. Denn was damals geschah, kann man auch heute noch sehen bei Denen, die im Überfluß leben. Was ist denn damals geschehen? Es wimmelte das übriggebliebene Manna von Würmern.“2 So geht es auch jetzt noch in dieser Be- [S. 722] ziehung. Denn das Maß der Nahrung ist für Alle dasselbe: wir füllen nur einen Magen; doch bei dem Schwelger gibt es mehr Koth. Wie jene Israeliten, wenn sie über das bestimmte Maß einsammelten, nicht mehr Manna, sondern mehr Würmer und Fäulniß in’s Haus brachten: so häufen auch die Bauchdiener und Säufer bei ihrer Schwelgerei und Unmäßigkeit statt des frohen Genusses nur größeres Verderben. Jedoch sind sie darin schlimmer als Jene, denen Solches nur einmal begegnete, und die auf die Strafe sich besserten; denn die jetzt leben, bringen sich einen weit schlimmeren Wurm in’s Haus, ohne es zu gewahren und ohne daran Eckel zu fühlen. Daß sie ebenso unnütz handeln als Jene (was die Strafe betrifft, so ist diese weit ärger), magst du aus Folgendem erkennen. Wodurch unterscheidet sich denn der Reiche vom Armen? Hat er nicht einen Leib? füttert er nicht einen Magen? Worin übertrifft er denn Diesen? Darin, daß er mehr Sorgen hat, daß er mehr verzehrt, daß er Gott nicht gehorcht, daß er seinen Leib zu Grunde richtet, daß er seine Seele dem Verderben preisgibt. Das ist es, was er vor dem Armen voraus hat. Denn hätte er mehr als einen Magen zu füllen, so könnte er sich vielleicht damit entschuldigen, daß er mehr brauche, und einen größeren Aufwand zu machen genöthiget sei. Allein auch jetzt noch, heißt es, haben sie mehrere Mägen zu füllen, nämlich die der Sklaven und Sklavinen. Aber Das geschieht nicht des Bedürfnisses wegen, auch nicht aus Menschenfreundlichkeit, sondern aus Hochmuth; daher verdienen sie gar keine Entschuldigung.

1: Μυρίων ἁρπαζόντων.
2: Exod. 16, 20.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger