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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Neununddreissigste Homilie.

VII.

Einen solchen Sieg eignet sich Christus im Evangelium zu, indem er spricht: „Wenn er erst den Mächtigen bindet, dann kann er erst sein Hausgeräthe1 berauben,“ denn geschähe Das nicht, so läge auch der Sieg nicht offenbar vor. Denn gleichwie wir in Betreff des Todes der Seele („denn wer gestorben ist, ist freigesprochen von der Sünde“2 ) Dieses nicht Sieg nennen (denn nicht Der ist ein Sieger, welcher keine neuen Übel hinzufügt, sondern der den Leiden und der Gefangenschaft ein Ende bereitet): so wäre es auch hier kein glänzender Sieg, wenn bloß dem Tode gewehrt würde, die Leiber ferner zu verwüsten, sondern wenn er auch Diejenigen, die er in seiner Gewalt hat, wiederzugeben genöthiget wird. Wenn aber die Gegner dennoch darauf bestehen und sagen, daß Dieses in Bezug auf den Tod der Seele gesagt sei, wie ist denn der Tod der letzte Feind, [S. 703] der zernichtet wird? Denn in jedem Getauften ist dieser Tod ja gänzlich vernichtet. Bezieht man es aber auf den Tod des Leibes, so haben diese Worte ihren richtigen Sinn, nämlich daß dieser zuletzt vernichtet wird. Sollte es aber Jemand auffallend finden, daß der Apostel, da er von der Auferstehung spricht, nicht der Leiber erwähnt, welche zur Zeit des Herrn auferstanden, so möchten wir ihm entgegnen, daß Dieses nicht von der Auferstehung reden hieße; denn zeigen, daß die Auferstandenen wieder sterben, beweiset doch nicht, daß der Tod zuletzt vernichtet werde. Darum sagt er, der Tod sei der letzte Feind, der vernichtet werde, damit man nicht wähne, er werde seine Macht je wieder erlangen. Denn ist die Sünde vertilgt, um so mehr wird der Tod aufhören; ist die Quelle versiegt, so kann der Strom, der daraus entsprungen, nicht fürder bestehen; ist die Wurzel verdorrt, so gibt’s keine Frucht. Weil nun am jüngsten Tage die Feinde Gottes sammt dem Tod und dem Teufel und seinem Anhang vernichtet werden, so dürfen wir uns nicht betrüben, wenn wir die Feinde Gottes im Wohlstand erblicken; denn die Feinde des Herrn, wie sehr sie sich rühmen, verschwinden wie Rauch, sobald sie in die Höhe gestiegen. Siehst du also einen Feind Gottes reich, mit Trabanten umgeben, von vielen Schmeichlern umringt, so werde nicht muthlos, sondern seufze, weine und bitte Gott, daß er ihn unter seine Freunde aufnehme; und je größer sein Wohlstand ist, so lange er als Gottes Feind lebt, desto mehr hast du ihn zu beklagen; denn die Sünder muß man immer beweinen, am meisten aber, wenn sie in Glück und Überfluß leben, gleichwie man die Kranken beweint, wenn sie sich mit Speise und Trank überfüllen. Allein es gibt Manche, die schon, wenn sie Das hören, sich so sehr betrüben, daß sie tief aufseufzen und sprechen: „Ich bin doch wirklich zu beklagen, da ich so arm bin!“ Du bist wohl zu beklagen, armer Mensch! aber nicht weil du nicht reich bist wie Jener, sondern weil du diesen Zustand (des Reichen) für einen glücklichen ansiehst; darum bist du höchlich zu beklagen. Denn wenn ein Gesunder den Kranken, der [S. 704] auf weichem Polster daliegt, für einen Glücklichen hält, so ist wohl der Gesunde weit unglücklicher und elender daran, weil er sein eigenes Glück gar nicht einsieht. So verhält es sich auch mit Reichthum und Armuth, und dadurch wird unser ganzes Leben in Unordnung und Verwirrung gebracht. Denn eine solche Sprache hat schon unzählige Menschen zu Grunde gerichtet und dem Teufel zugeführt und sie unglücklicher gemacht als Jene, die durch Hunger verderben. Daß Diejenigen, die immer nach mehr streben, elender sind als Bettler, weil sie nämlich an einer so schweren und bittern Seelenkrankheit hinsiechen, kann man aus folgender Begebenheit abnehmen. Unsere Stadt wurde einst von einer großen Trockenheit heimgesucht; Alle fürchteten das größte Elend und flehten zu Gott, daß er diesen Schrecken abwenden möge. Damals konnte man sehen, was Moyses gesagt hat, „der Himmel sei ehern geworden,“3 und man erwartete tagtäglich die schrecklichste aller Todesarten.

Doch gegen alles Erwarten gefiel es dem gütigen und barmherzigen Gott, einen reichlichen und anhaltenden Regen herabzusenden: Alle freuten sich und feierten fröhliche Tage als Menschen, die von den Pforten des Todes erlöst worden sind. Aber bei diesem Segen und der allgemeinen Freude schlich ein sehr reicher Mann traurig und niedergeschlagen einher und verging fast vor Gram. Da ihn nun Viele fragten, warum er allein bei dem allgemeinen Jubel der Leute nicht froh sei, vermochte er nicht, dieses herbe Leid zu verbergen, sondern gab, gedrängt von der tyrannischen Krankheit, den Grund an: Ich habe zehntausend Scheffel Getreide, sprach er, und weiß nun nicht, was ich damit anfangen soll. Sage mir, sollen wir diesen Mann glückselig preisen ob solcher Worte, um derer willen er verdiente, gesteinigt zu werden, er, der da grausamer als jedes wilde Thier und ein allgemein schädlicher Feind war? Was [S. 705] sagst du, o Mensch? Du härmst dich ab, daß nicht Alle verderben, damit nur du Gold aufhäufen könnest. Hast du nicht gehört, was Salomon spricht? „Wer den Preis des Getreides vertheuert, wird vom Volke verflucht.“4 Du aber gehst einher als der gemeinsame Feind des Guten auf der Erde, als Feind der Freigebigkeit des Herrschers der Welt, als Freund, oder besser gesagt, als Sklave des Mammon. Sollte man jene Zunge nicht ausreissen? jenes Herz nicht durchbohren, aus dem solche Worte gekommen?

1: Τὰ σκεύη.
2: Röm. 6, 7.
3: Deut. 28, 23.
4: Sprichw. 11, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger