Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther Neununddreissigste Homilie.
IV. Hier gebet recht Acht und merket auf, daß euch Nichts von dem Gesagten entgehe; denn wir haben es hier mit den Gegnern aufzunehmen und müssen vorerst, wie es Paulus zu thun pflegt, das Ungereimte in ihren Ansichten darlegen, um die Unhaltbarkeit ihrer Behauptungen um so leichter zu begreifen. Wir wollen sie also zuerst fragen, was denn Das heisse: „Sobald er das Reich Gott und dem Vater wird übergeben haben;“ denn wofern wir Dieses ohne nähere Bestimmung und auf eine [S. 693] Gottes unwürdige Weise verstehen, so folgt daraus, daß Christus nachher kein Reich mehr besitzt; denn wer eine Sache einem Andern übergibt, hört ja auf, sie selbst zu besitzen. Vieles ist jedoch nicht die einzige Ungereimtheit, sondern es würde daraus auch folgen, daß Derjenige, welcher die Sache empfangen hat, dieselbe früher nicht hatte. Nach der Lehre der Gegner wäre somit der Vater vorhin nicht König gewesen, und es folgt daraus, daß der Sohn nachmals aufhörte, König zu sein. Wie sagt er denn nun selbst von dem Vater: „Mein Vater wirkt bis zur Stunde, und so wirke auch ich“?1 Und wie kann Daniel von ihm sagen: „Sein Reich ist ein ewiges Reich, welches nicht vergeben wird“?2 Siehst du, wieviel Ungereimtes und der Schrift Widersprechendes daraus entsteht, wenn man jene Worte nach menschlichem Sinne deutet? Welches ist denn nun jene Herrschaft, die da, wie der Apostel sagt, vernichtet werden soll? Etwa die der Engel? Das sei ferne! Oder die der Gläubigen? Auch Das nicht. Nun, was denn für eine? Die der Dämonen, wovon es heißt: „Wir haben nicht zu kämpfen wider Fleisch und Blut, sondern wider die Herrschaften und Gewalten, wider die Weltherrscher dieser Finsterniß.“3 Nun aber haben diese noch nicht überall aufgehört, sondern wirken noch an vielen Orten; alsdann aber werden sie aufhören. 25. Denn er muß herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat. Hieraus entsteht wieder eine andere Ungereimtheit, wenn wir es nicht nehmen, wie es Gottes würdig ist; denn der Ausdruck „bis“ bezeichnet das Ende und die Gränze, was von Gott nicht gesagt werden kann. [S. 694] 26. Als letzter Feind wird der Tod vernichtet. Wie denn als letzter? Nach allen Feinden, nach dem Teufel und nach allem Andern; denn auch im Anfange trat er (der Tod) zuletzt ein; denn erst kam der verführerische Anschlag des Teufels und der Ungehorsam und darauf der Tod. Seine Macht ist ihm zwar jetzt schon benommen; alsdann aber wird sein ganzes Wirken vernichtet werden; „denn Alles hat er unter seine Füße gelegt.“4 „Wenn er aber spricht:“ 27. 28. Alles ist ihm unterworfen, (ist es) ohne Zweifel mitAusnahme Dessen, welcher ihm Alles unterworfen hat. Wann aber Alles ihm unterworfen sein wird, dann wird auch selbst der Sohn unterworfen sein Demjenigen, welcher ihm Alles unterworfen hat. Vorher sagte er nicht, daß der Vater es sei, der ihm Alles unterwerfen würde, sondern daß er selbst (der Sohn) alle Gewalt vernichten werde; denn es heißt: „Wann er alle Herrschaft und alle Gewalt vernichtet hat;“ und wieder: „Denn er muß herrschen, bis er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat.“ Wie nennt er nun hier den Vater? Jedoch ist Das nicht die einzige Schwierigkeit, sondern er scheint auch eine sonderbare Furcht zu verrathen, indem er, seine Worte gleichsam verbessernd, sagt: „Mit Ausnahme Dessen, welcher ihm Alles unterworfen hat,“ als wären Einige auf den Gedanken gekommen, ob etwa auch der Vater einst dem Sohne unterworfen sein sollte. Was könnte aber thörichter sein als diese Ansicht? Und doch befürchtete es Paulus. Wie verhält sich nun aber die Sache? Denn es werden hierüber [S. 695] noch viele Bedenken auftauchen. Allein merket wohl auf! Ich muß euch zuerst die Absicht des Paulus und seinen Plan darlegen, wie man ihn überall hervorleuchten sieht, und dann erst die Lösung beifügen; denn auch Dieses trägt zur Lösung viel bei. Welches ist nun die Absicht des Paulus und seine Verfahrungsweise? Anders drückt er sich aus, wenn er von der Gottheit allein, und anders, wenn er von dem Gottmenschen redet. Wenn er nämlich von der menschlichen Natur spricht, gebraucht er ohne Bedenken niedrige Namen, fest überzeugt, daß sie darauf anwendbar seien. Lasset uns also auch hier untersuchen, ob er von der Gottheit allein spricht, oder von dem Sohne in Bezug auf sein menschliches Dasein; ja, vorerst wollen wir zeigen, wo er sich auf ähnliche Weise ausdrückt. Im Briefe an die Philipper sagt er: „Welcher in Gestalt Gottes daseiend nicht für Raub hielt das Gott Gleichsein, aber sich selbst entäusserte, indem er Knechtesgestalt annahm, zu Menschen-Gleichbild geworden und im Äussern befunden ward wie ein Mensch. Verdemüthigt hat er sich selber, gehorsam geworden bis zum Tode, (zum) Tode aber des Kreuzes. Deßhalb hat auch Gott ihn erhöhet.“5 Siehst du, wie er, wenn er von der göttlichen Natur allein spricht, sich erhabener Ausdrücke bedient, nämlich daß er in Gestalt Gottes da sei und daß er dem Vater gleich sei, und wie der Apostel ihm Alles zuschreibt? wie er dagegen niedriger spricht, wenn er von seiner Menschwerdung redet? Macht man diesen Unterschied nicht, so findet man großen Widerspruch in seinen Worten. Denn war er Gott gleich, wie hat er Den, der ihm gleich war, erhöht? Wenn er in Gestalt Gottes war, warum schenkte er ihm denn einen Namen? Denn wer Etwas schenkt, der schenkt es ja Dem, der es nicht hat, und wer erhöht, erhöhet ja Den, der vorher niedrig war. So ließe sich denn nebst vielen andern Ungereimtheiten hieraus schließen, daß der Sohn niedrig und unvoll- [S. 696] kommen gewesen, ehe er Erhöhung und Namen erlangt hat. Beziehst du aber diese Ausdrücke auf seine menschliche Natur, so haben sie in deinem Munde nichts Anstößiges. So denke auch hier und fasse das Gesagte in diesem Sinn auf!
1: Joh. 5, 17. 2: Dan. 2, 44. 3: Ephes. 6, 12. 4: Ps. 8, 8. 5: Philipp. 2, 6—9.
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