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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Siebenunddreissigste Homilie.

I.

34. Euere Frauen sollen in den Kirchen schweigen; denn es ist ihnen nicht erlaubt, zu reden, sondern sie sollen Unterthan sein, wie auch das Gesetz sagt.

I. Nachdem der Apostel die Unordnung, welche durch Mißbrauch der Sprachengabe und der Weissagungen entstanden war, beseitiget und, damit ferner keine Verwirrung entstände, verordnet hatte, daß Diejenigen; die in Sprachen reden, Dieß der Reihe nach thun, und daß von Jenen, die da weissagen, der Erstere schweige, wenn ein Anderer beginnt, geht er nun über zur Unordnung, die durch die Frauen entstand, und weist ihre unzeitige Redelust in die gebührenden Schranken; — und zwar mit Fug und Recht. Denn wenn es Denjenigen, welche die Charismen besitzen und vom Geiste beseelt sind, dennoch nicht nach Willkür und zwecklos zu reden erlaubt ist, so gilt Dieß um so mehr für die Frauen mit ihrem leeren und eitlen Geschwätz. Darum verweiset er sie mit hohem Ernste zum Schweigen und beruft sich auf das Gesetz, um ihnen den Mund zu verstopfen. Denn er ermahnet und rathet nicht bloß, sondern er gebietet mit allem Ernst und hält ihnen das dießbezügliche [S. 650] alte Gesetz vor. Denn nachdem er gesagt: „Euere Frauen sollen in den Kirchen schweigen; denn es ist ihnen nicht erlaubt, zu reden, sondern sie sollen unterthan sein,“ — fügt er bei: „wie auch das Gesetz sagt.“ Und wo sagt das Gesetz Dieses? „An deinen Mann sollst du dich kehren, und er soll über dich herrschen.“1 Siehst du die Weisheit des Paulus, und welch gewichtiges Zeugniß er anführt, das ihnen zu schweigen, ja mit einer solchen Ehrfurcht zu schweigen gebietet, mit welcher es sich für eine Magd zu schweigen geziemt? Darum spricht er auch nach den Worten: „Es ist ihnen nicht erlaubt, zu reden,“ nicht etwa: sondern zu schweigen; er setzt statt des „Schweigen“ den kräftigen Ausdruck: „sondern unterthänig zu sein“. Ist Dieß schon ihren Männern gegenüber der Fall, um so mehr muß es vor den Lehrern und Vätern und vor der ganzen Versammlung in der Kirche geschehen. „Wenn sie aber nicht reden und somit auch nicht fragen dürfen, wozu sind sie denn da?“ Damit sie hören, was sie hören sollen; worüber sie aber Zweifel verspüren, darüber mögen sie zu Hause von ihren Männern Aufklärung holen. Darum fügt er auch bei:

35. Wenn sie aber Etwas lernen wollen, sollen sie zu Hause ihre Männer befragen.

Es ist ihnen, will er sagen, nicht bloß verboten, zu reden, sondern auch in der Kirche um Etwas zu fragen. Dürfen sie aber nicht einmal fragen, um so mehr ist ihnen sonst zu reden verboten. Und warum verurtheilt er sie denn zu einer so strengen Unterwürfigkeit? Weil die Frauen schwach, unbeständig und leichtsinnig sind. Darum setzt er ihnen die Männer zu Lehrern, zum Vortheile Beider; denn dadurch hält er die Frauen zur Eingezogenheit an, die [S. 651] Männer aber zur Aufmerksamkeit, da sie Das, was sie gehört, ihren Frauen auf das Genaueste mittheilen sollten. Weil es aber diese für eine Ehre ansahen, öffentlich vor der Versammlung sprechen zu dürfen, so lehrt er wieder das Gegentheil mit den Worten: „Denn es ist unanständig für eine Frau, in der Kirche zu reden.“ Den ersten Beweis nahm er von Gottes Gesetz her, den zweiten von dem gemeinsamen Sinn und Gebrauche (der Menschen), wie dort, wo er in Betreff der Haare gefragt hat: „Lehret euch Das nicht selbst die Natur?“2 So verfährt er überall und sucht seine Zurechtweisung nicht bloß durch die Schrift, sondern auch durch die Sitten und Gewohnheiten des gemeinen Lebens zu schärfen. Ferner beschämt er sie auch durch die Erinnerung an Das, was Alle einsehen, und was überall vorkommt; und Das thut er auch hier mit den Worten:

36. Oder ist von euch das Wort Gottes ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gelangt?

Er beruft sich auf die übrigen Kirchen, welche diese Vorschrift befolgen, und sucht dadurch der Klage über Neuerung vorzubeugen und durch das einstimmige Urtheil der Menge seiner Rede Eingang zu verschaffen. So spricht er auch anderswo: „Der euch in’s Gedächtniß rufen wird meine Wege in Christo, sowie ich überall in der ganzen Kirche lehre;“3 und wiederum: „Denn Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern des Friedens, sowie (ich) in allen Kirchen der Heiligen (lehre);“4 und hier: „Oder ist von euch das Wort Gottes ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gelangt?“ d. h. ihr seid nicht die ersten und nicht die einzigen Gläubigen, sondern der ganze Erdkreis. Dasselbe sagt er auch in seinem Schreiben an [S. 652] die Kolosser, worin er über das Evangelium redet: „Wie es Frucht trägt und heranwächst in der ganzen Welt.“5 Dasselbe thut er auch auf eine andere Weise, um die Zuhörer anzufeuern, indem er sagt, daß sie im Glauben den Vorzug haben, und Dieses Allen bekannt sei. Denn im Briefe an die Thessalonicenser sagt er: „Denn von euch aus ist erschollen das Wort des Herrn, … an jeglichem Orte ist euer Glaube an Gott zu Kunde gekommen.“6 Und wieder schreibt er an die Römer: „Euer Glaube wird kundbar in der ganzen Welt.“7 Denn Beides — von Andern gerühmt werden und mit Andern gleichgesinnt sein, ist im Stande, anzuspornen und zu wecken. Darum sagt er auch hier: „Ist von euch das Wort Gottes ausgegangen? Oder ist es nur zu euch gelangt?“ Er will damit sagen: Ihr dürft weder behaupten: Wir sind die Lehrer Anderer gewesen und brauchen von Andern gar Nichts zu lernen, noch dürft ihr sagen, daß der Glaube bei euch allein Wurzel gefaßt, und daß es nicht nöthig sei, an Andern ein Beispiel zu nehmen. Siehst du, auf wie vielfache Weise er sie beschämt? Er führt das Gesetz an, zeigt das Unschickliche an der Sache und stellt ihnen die andern Kirchen als Beispiel vor Augen.

1: Gen. 3, 16.
2: I. Kor. 11, 14.
3: I. Kor. 4, 17.
4: I. Kor. 14, 33.
5: Koloss. 1, 6.
6: I. Thess. 1, 8.
7: Röm. 1, 8.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger