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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Siebenunddreissigste Homilie.

III.

Denn sage mir, was ist wohl für den Liebenden süßer, von der Geliebten verachtet sein, oder von ihr geehrt werden und sie verachten? Sicher das Letztere. Welchem wird also die Buhlerin größere Achtung bezeugen. Dem, der ihr als Sklave dient, und den sie in ihrem Netze gefangen hält, oder Dem, der sich demselben entwindet und seinen Flug höher richtet? Offenbar diesem Letztern. Um welchen wird sie sich eifriger kümmern, um Den, der schon gefallen, oder um Den, den sie noch nicht zu Falle gebracht? Sicher um Diesen. Für welchen wird sie mehr eingenommen sein, für Den, der bereits unterjocht ist, oder für Den, der sich noch gar nicht fangen ließ? Für Den, der noch nicht in die Falle gegangen. Wenn ihr Das nicht glauben wollet, so will ich es aus eurem eigenen Leben beweisen. Denn welches Weib wird Jemand heftiger lieben, dasjenige, das leicht unterliegt und sich ihm ergibt, oder dasjenige, welches schwer zu gewinnen ist und Widerstand leistet? Gewiß dieses Letztere; denn das Widerstreben erzeugt eine größere Sehnsucht darnach. Nun, Dasselbe findet man auch bei den Frauen; sie ehren und bewundern mehr Denjenigen, der sie verschmäht. Wenn nun Dieses ausgemacht ist, so ist auch gewiß, daß Derjenige größere Wonne genießt, der mehr geehrt und geliebt wird. Denn auch der Feldherr verläßt die Stadt, nachdem er sie einmal erobert; die aber, welche sich widersetzt und fürder vertheidigt, belagert er mit desto größerem Eifer; und der Jäger verschließt das gefangene Wild in finsterer Höhle, wie die Buhle den Buhlen; hingegen verfolgt er das flüchtige Wild. „Allein Jener genießt, wornach er sich sehnt; Dieser aber hat keinen Genuß.“ Hältst denn du Das für ein geringes Vergnügen, sich keiner Schmach unterziehen, den tyrannischen Befehlen einer Hure nicht Unterthan sein, sich von ihr nicht wie ein Sklave leiten und führen, nicht mit Fäusten schlagen, anspeien und mißhandeln lassen? Denn wollte Jemand Dieses genau untersuchen und Alles zusammenstellen: Schimpf und Spott, Vorwürfe, unaufhörliche Zänkereien, die theils der Wuth, theils dem Muthwillen entspringen, [S. 657] Feindschaften und alles Andere, was nur Diejenigen wissen, die es ausstehen müssen; so würde er finden, daß jeder Krieg mehr Waffenstillstände zählt als das unselige Leben solcher Leute. Sage mir: wo ist denn da Wollust? Nennst du den flüchtigen Genuß eines Augenblicks Wollust? Aber auf diesen Genuß folgt gleich wieder Krieg, Sturm und Wuth — dieselbe Raserei. Dieses sage ich so, als spräche es Jemand zu zuchtlosen Jünglingen, die Das, was über Himmel und Hölle gesagt wird, nicht gerne hören. Und nach diesen Worten dürfen wir wohl kaum mehr erwähnen, wie groß der Wonnegenuß der Enthaltsamen sei, wenn Jemand die Kronen, den Siegeslohn, die Gemeinschaft mit den Engeln, die Ehre und Achtung vor der ganzen Welt, das freie Auftreten und die frohe Aussicht auf jenes selige und ewige Leben bei sich überdenkt. Immer muß man die Äusserung hören, der sinnliche Genuß habe doch seine eigene Wollust, und der Enthaltsame könne die Übermacht der Natur nicht immer bekämpfen. Man kann aber gerade das Gegentheil finden; denn diese Tyrannei und Unordnung finden sich vielmehr bei dem Unkeuschen. Denn in seinem Körper ist eine gewaltige Brandung, heftiger als bei einem brausenden Meere; denn die tobende Begierde kennt keine Gränzen und treibt ihn beständig umher, gleich den Besessenen, die von bösen Geistern umhergezerrt werden. Der Enthaltsame aber bekämpft dieselbe ohne Unterlaß als ein edler Athlet und genießt eine unendlich süßere Wonne bei seinem guten Gewissen und dem Siege, den er errungen. Hat auch Jener auf eine kurze Zeit seine Wollust befriedigt, so hat Das wenig zu sagen, denn es erbebt sich der Sturm von Neuem; der Keusche hingegen beugt dieser Verwirrung gleich anfänglich vor, er läßt die Fluthen nicht so hoch sich erbeben und verstopft dem Untbier den Rachen. Kostet es ihm auch Gewalt, die heftige Leidenschaft im Zaume zu halten, so wird auch der Wollüstige beständig umhergetrieben und gestochen und hält den Stachel nicht aus, nicht anders, als wenn er ein wildes und unbändiges Roß im Zaume hielte und mit aller [S. 658] Kraft zu bändigen suchte, dann aber, der Anstrengung müde, ihm die Zügel schießen ließe und nun von demselben weit umher geschleppt würde. Möge es mir Niemand verargen, wenn ich mich hierüber allzu frei ausgedrückt habe; ich will nicht durch Redeschmuck prangen, sondern die Zuhörer zur Heiligkeit führen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger