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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Siebenunddreissigste Homilie.

II.

Den stärksten Beweggrund aber setzt er zuletzt, indem er sagt: Gott befiehlt Dasselbe auch jetzt noch durch mich; denn

37. 38. Wenn Einer vermeint, Prophet oder Geistbegabter zu sein, so erkenne er, daß, was ich euch schreibe, des Herrn Gebote sind! Weiß es aber Jemand nicht, so wisse er es nicht!“

Und warum macht er den Zusatz? Er will zeigen, daß er nicht eigensinnig sei und ihnen nicht mit Gewalt [S. 653] seine Meinung aufdringen wolle, sondern daß er nur auf den Nutzen Anderer sehe. Daher sagt er auch anderswo: „Wenn aber Jemand streitsüchtig sein will, — wir haben diesen Gebrauch nicht.“1 Aber nicht überall drückt er sich so aus, sondern bloß da, wo keine so großen Vergehen vorkommen, und auch da sucht er mehr beschämend entgegen zu wirken. Bei schwereren Vergehen redet er anders; und wie? „Irret nicht! weder Hurer noch Weichlinge werden das Reich Gottes besitzen;“2 und wieder: „Sehet, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasset, so wird euch Christus Nichts nützen.“3 Hier aber setzt er ihnen, weil er über das Stillschweigen spricht, nicht so hart zu, um sie desto eher zu gewinnen. Darauf kehrt er, wie er es immer zu thun pflegt, wieder zu dem Gegenstande zurück, von dem er ausgegangen, und spricht:

39. Demnach, Brüder, beeifert euch um Weissagung, und das Reden in Sprachenwehret nicht!

Er pflegt nämlich nicht einzig den Gegenstand, den er vor sich hat, zu behandeln, sondern auch andere Fehler, die damit einiger Maßen in Verbindung zu stehen scheinen, zu rügen und dann auf das Frühere zurückzukommen, damit es nicht scheine, als irre er von seinem Gegenstand ab. Denn oben, wo er von der Gemeinschaft des Mahles geredet, nahm er Anlaß, von der Theilnahme an den heiligen Geheimnissen zu sprechen, und nachdem er sie zurechtgewiesen, kam er wieder auf den eigentlichen Gegenstand seiner Rede zurück mit den Worten: „Demnach, wenn ihr zusammenkommet zum Essen, wartet auf einander!“4 So auch hier; nachdem er gesagt, welche Ordnung bei den Charismen zu beobachten sei, und daß, die weniger empfangen, [S. 654] sich nicht kränken, die aber mehr empfangen, sich nicht aufblähen sollen, und nachdem er hierauf den Frauen die geziemende Bescheidenheit an’s Herz gelegt hat, kehrt er zu seinem Gegenstande zurück und spricht: „Darum, Brüder, beeifert euch um Weissagung, und das Reden in Sprachen wehret nicht!“ Siehst du, wie er bis zum Ende der Rede den Unterschied festhält und das Eine als höchst nothwendig darstellt, das Andere aber nicht? Darum sagt er auch bezüglich des Erstern: „Beeifert euch!“ vom Zweiten aber: „Wehret es nicht!“ Darauf wiederholt er noch einmal die ganze Lehre und sagt:

40. Alles aber soll wohlanständig und ordnungsmäßig geschehen.

Damit trifft er wieder Diejenigen, die sich frech und unanständig betragen und den Schein des Wahnsinnes auf sich laden und die geziemende Ordnung nicht einhalten wollen. Denn Nichts trägt zur Erbauung mehr bei als gute Ordnung, als Friede, als Liebe; gleichwie das Gegentheil davon Alles zerstört. Dieses kann man nicht nur an geistigen, sondern auch an allen übrigen Dingen ersehen. Denn wenn man in einem Chore, in einem Schiffe, in einem Wagen, in einem Kriegsheer die Ordnung umkehrt und das Unterste obenan setzt und das Oberste aus seiner Stelle verdrängt, so zerstört und verdirbt man ja Alles. Darum wollen auch wir die Ordnung nicht stören, weder die Füße obenan, noch das Haupt untenan stellen. Dieses aber würde geschehen, wenn wir die Vernunft herabsetzen und die Leidenschaften, den Zorn, die Wuth, die Sinnenlust über die Vernunft setzen würden, woraus dann ein gewaltiges Toben der Fluthen, eine ungeheure Verwirrung, ein schrecklicher Sturm entsteht, da die Finsterniß Alles bedeckt. Und wenn du willst, wollen wir zuerst das Unanständige, dann aber auch das Verderbliche an der Sache in’s Auge fassen. Wie können wir nun Dieses klar und deutlich erkennen? Wir wollen einen Menschen betrachten, [S. 655] der von unreiner Liebe zu einer Dirne leidenschaftlich entbrannt ist, und da mögen wir sehen, wie verächtlich Das sei. Denn kann es wohl etwas Schmählicheres geben als einen Mann, der sich vor die Hausthür einer Hure hinstellt, von ihr gepeitscht wird, weinet und klagt und seine eigene Ehre preisgibt? Willst du nun auch den Verlust sehen, so bedenke die Geldverschwendung, die großen Gefahren, den Kampf mit den Rivalen, die Wunden und Schläge, die er aus diesem Kampfe davon trägt! Ähnlich ergeht es den Sklaven der Habsucht; ja sie bereiten sich noch größere Schmach; denn Jene sind nur mit einem einzigen Körper beschäftigt, die Geizigen aber streben nach den Gütern Aller, sowohl der Reichen als der Armen, und verlieben sich auch in nicht vorhandene Dinge, was ein Beweis der heftigsten Leidenschaft ist; denn sie sagen nicht etwa: Ich wünschte das Vermögen von Diesen oder Jenen zu haben, sondern sie wünschen, daß die Berge und Häuser und alles Sichtbare Gold wäre; so schaffen sie sich eine andere Welt, und ihre Begierde wächst in’s Unendliche, und sie verlangen immer noch mehr. Wer findet Worte, jenen Sturm von Gedanken und Begierden, jene Finsternisse zu schildern? Wo ist aber da ein Vergnügen, wo so viele Wogen brausen, so große Stürme toben? Keines ist da, sondern Unruhe, Schmerz und dunkles Gewölk, das statt Wasser vieles Herzeleid bringt; und Dieß begegnet gewöhnlich auch Denen, die sich in eine fremde Schönheit vergaffen. Darum genießen Diejenigen, die gar nicht lieben, größere Wonne, als die vor Liebe schmachten. Nun, gegen diese Behauptung dürfte wohl Niemand eine Einwendung machen; ich aber behaupte nun weiter, daß Derjenige, welcher zwar liebt, aber seine Wollust beherrscht, eine größere Wonne genieße als Derjenige, welcher sich fortwährend seiner Buhlerin hingibt. Wiewohl es etwas schwierig sein dürfte, Dieß zu beweisen, so muß es dennoch frei herausgesagt werden. Es ist etwas schwierig, nicht durch die Natur der Sache, sondern weil die Zuhörer einer solchen Unterweisung nicht werth sind.

[S. 656]

1: I. Kor. 11, 16.
2: I. Kor. 6, 9.
3: Gal. 5, 2.
4: I. Kor. 11, 33.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger