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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Sechsunddreissigste Homilie.

I.

29. Brüder! nicht Kindlein werdet der Einsicht nach, sondern in Sache der Bosheit seid Kinder: an Einsicht aber werdet vollkommen!

I. Mit Recht nimmt der Apostel nach vielen Beweisen und Erklärungen einen mehr ernsten Ton an und weiset sie mit großem Nachdruck zurecht und bedient sich eines ganz angemessenen Beispiels. Kleine Kinder staunen und verwundern sich über unbedeutende Dinge; recht große bewundern sie nicht in dem Maße. Weil nun die Korinther mit der Sprachengabe, die doch unter allen die letzte war, Alles zu besitzen vermeinten, so sagt er: „Werdet doch nicht Kindlein!“ d. h. nicht unverständig, wo ihr Verstand haben sollet; sondern seid vielmehr Kindlein und einfältig, wo es sich um Ungerechtigkeit, Ruhmsucht und Aufgeblasenheit handelt; denn wer in Hinsicht des Bösen ein Kind ist, der muß auch verständig sein. Denn wie die Klugheit, verbunden mit Lasterhaftigkeit, keine Klugheit mehr ist, so ist auch die Einfalt, mit Thorheit gepaart, nimmermehr Einfalt. Bei der Einfalt muß man die Thorheit [S. 630] und bei der Klugheit die Lasterhaftigkeit fliehen. Gleichwie weder die allzubittere, noch die allzusüße Arznei helfen kann, so auch weder Schlauheit noch Einfalt an und für sich. Darum gebot auch Christus, Beides auf die rechte Weise mit einander zu verbinden, da er sprach: „Seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben!“1 Was heißt aber Das: Kindlein sein in Hinsicht des Bösen? Es heißt: nicht einmal wissen, was Sünde ist; so nämlich wünschte er sie. Daher sprach er auch: „Überhaupt hört man unter euch von Unzucht.“2 Er sagte nicht: Es wird Unzucht getrieben, sondern: „Man hört“ (von Unzucht); — er wollte sagen: Ihr wisset, was ich meine, ihr habt davon wohl schon gehört. Er wünschte nämlich, daß sie Männer und doch Kinder seien, Männer an Einsicht, Kinder an Bosheit. Denn so wird der Mensch zum Manne, und wär’ er ein Kindlein; ist er aber kein Kindlein an Bosheit, so wird er auch kein Mann sein. Denn der Lasterhafte ist kein vollkommener Mann, sondern ein Thor.

21. Denn im Gesetze ist geschrieben: In andern Sprachen und mit andern Lippen werde ich zu diesem Volke reden, und auch so werden sie nicht auf mich hören, spricht der Herr.

Dieses steht nun nirgends im Gesetze geschrieben, sondern der Apostel bezeichnet, wie ich früher gesagt, die ganze Schrift des alten Bundes, sowohl die Propheten als die Geschichtsbücher, mit dem Namen „Gesetz“. Die Stelle, die er hier anführt, ist aus dem Propheten Isaias,3 und er will dadurch das Ansehen der Sprachengabe zu ihrem eigenen Besten abschwächen; dennoch erwähnt er derselben mit Lobeserhebung; denn jenes: „auch so“ beweist, daß das Wunder groß genug sei, auf sie Eindruck zu machen; wenn [S. 631] sie aber nicht glaubten, so waren sie daran Schuld. Warum that aber Gott ein solches Wunder, wenn sie dennoch nicht glauben würden? Damit es offenbar werde, daß er immer das Seinige thue. Nachdem nun Paulus aus dem Propheten dargethan hatte, daß jene Wundergabe nicht gar so nützlich sei, fügt er hinzu:

22. — 25. Demnach sind die Sprachen zu einem Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die Weissagung aber nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn sonach die gesammte Gemeinde zumal zusammenkömmt, und Alle in Sprachen reden, es kommen aber auch Laien hinein oder Ungläubige, werden sie nicht sagen: Ihr seid von Sinnen? Wenn aber Alle weissagen, es kömmt aber irgend ein Ungläubiger oder Laie hinein, so wird er von Allen überwiesen, von Allen gerichtet, wird dasVerborgene seines Herzens offenbar; und so hinsinkend auf sein Angesicht, wird er Gott anbeten, eingestehend, daß Gott wahrhaft in euch sei.

Hier entstehen nun aber allerlei Zweifel in Betreff des Gesagten. Denn wenn die Sprachen für die Ungläubigen zum Zeichen da sind, warum sagt er denn: Wenn euch die Ungläubigen in Sprachen reden hören, werden sie nicht sagen: ihr seid von Sinnen? Und wenn die Weissagung nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen ist, wie können denn daraus auch die Ungläubigen einen Vortheil gewinnen? Und doch heißt es: „Wenn ein Ungläubiger eintritt, während ihr weissaget, so wird er von Allen überwiesen, von Allen gerichtet.“ Ausser dieser Schwierigkeit erhebt sich noch eine zweite; denn die Sprachengabe scheint größer zu sein als die Gabe der Weissagung. Wenn [S. 631] nämlich die Sprachen zu einem Zeichen für die Ungläubigen sind, die Weissagung aber für die Gläubigen da ist, so erscheint ja Dasjenige, was die Fremden heranzieht und zu Freunden macht, größer als Das, was die Einheimischen mit einander befreundet. Was wollen also jene Worte besagen? Nichts Schwieriges, nichts Dunkeles, noch was mit dem früher Gesagten in Widerspruch stünde, sondern was, wenn wir die Sache genauer betrachten, ganz damit übereinstimmt. Denn die Weissagung gereicht sowohl den Einen wie den Andern zum Vortheil, nicht so die Sprachengabe. Darum setzt er, nachdem er von der Sprache gesagt: „Sie ist zu einem Zeichen,“ — hinzu: „nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen,“ und zwar diesen zu einem Zeichen, d. h. um sie in Erstaunen zu setzen, nicht so sehr zu ihrer Belehrung. Aber in Betreff der Weissagung, heißt es, thut er ja Dasselbe, indem er spricht: „Die Weissagung ist nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.“ Denn der Gläubige braucht nicht erst ein Zeichen zu sehen; er bedarf nur der Lehre und des Unterrichtes; warum sprichst du denn, wird man fragen, die Weissagung sei sowohl den Einen wie den Andern nützlich, da doch der Apostel sagt, sie sei „nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen.“ Betrachtest du die Worte genau, so wirst du ihren Sinn leicht erfassen. Er sagt nämlich nicht, daß die Weissagung den Ungläubigen keinen Nutzen gewähre, sondern: „Sie ist nicht zu einem Zeichen“ wie die Sprache, nämlich nutzlos. Die Sprachengabe kann den Ungläubigen weiter Nichts nützen, als daß sie dadurch in Erstaunen und Verwirrung gerathen. Zeichen sind an sich weder gut noch böse, wie aus jener Stelle hervorgeht: „Thue an mir ein Zeichen,“ wo es dann weiter heißt: „Zum Heile!“4 Und wieder: „Vielen ward ich wie ein Wunder,“5 d. h. zu einem Zeichen.

[S. 633]

1: Matth. 10, 16.
2: I. Kor. 5, 1.
3: Is. 28, 11.
4: Ps. 85, 17.
5: Ps. 70, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger