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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Sechsunddreissigste Homilie.

VI.

Ihr erschaudert bei diesen Worten? Erschaudern sollt ihr vielmehr vor der That. Was Paulus zu Denen spricht, welche die Armen verachteten und ihr Mahl allein verzehrten: „Habt ihr keine Häuser, um zu essen und zu trinken? Oder mißachtet ihr die Kirche Gottes und beschämet Die, so da Nichts haben?“1 Das lasset auch mich anwenden auf Diejenigen, welche hier Unruhe stiften und Zwiegespräch führen: Habt ihr keine Häuser zum Schwatzen? Oder mißachtet ihr die Kirche Gottes und verderbt auch noch Jene, die sich bescheiden und still aufführen wollen? „Aber es ist uns süß und angenehm, mit unsern Bekannten zu sprechen.“ Das verbiete ich nicht; aber es geschehe zu Hause, auf dem Markte, in den Bädern; denn die Kirche ist kein Platz zum Schwatzen, sondern zum Lehren. Heutzutage ist sie aber von einem Marktplatze, und ich möchte fast sagen, von einer Schaubühne kaum zu unterscheiden; denn schamloser als jene Buhldirnen geberden sich die hier versammelten Frauen und locken darum auch viele unzüchtige Männer hierher. Und will Jemand einem Weibe nachstellen und sie verführen, so scheint ihm dazu, wie ich glaube, kein Ort gelegener als gerade die Kirche. Und will man Etwas kaufen oder verkaufen, so scheint die Kirche hiezu passender als der Markt; denn hier wird mehr von solchen Dingen geredet als in den Werkstätten selbst. Wer Schmähreden ausstoßen und anhören will, hat hier mehr Gelegenheit dazu als auf dem Markte. Und willst du wissen, was in der politischen Welt, was in den Häusern, was bei dem Heere vorgeht, so darfst du nicht in die Gerichtssäle geben, dich nicht in die Barbierbuden setzen; denn hier in der Kirche sind Leute, die Dieß alles besser als Alle zu erzählen verstehen, und hier ist eher alles Andere als [S. 646] eine Kirche. Ihr findet euch durch diese Worte vielleicht sehr beleidigt; aber ich glaube nicht. Denn wofern ihr in demselben Fehler verharret, woher soll ich erkennen, daß meine Worte euch zu Herzen gegangen? Ich muß also denselben Gegenstand noch einmal berühren. Ist Das zu dulden? Ist Das zu ertragen? Wir mühen und quälen uns täglich, daß ihr etwas Nützliches von hier wegtragen sollet; und Keiner von euch hat einen Nutzen davon, sondern geht noch mit größerem Schaden von dannen. Ihr kommt zusammen, um Andere, denen ihr Nichts vorwerfen könnet, zu richten; ihr verspottet die Ruhigeren, und belästiget sie überall mit euren Possen. Aber was sagen denn Viele dazu? „Ich höre nicht, was gelesen wird; ich verstehe das Vorgetragene nicht.“ Freilich, weil du Lärm und Geräusch machst, weil du nicht mit frommer Seele hierher kömmst. Wie sagst du? Du verstehst das Vorgetragene nicht? Eben darum solltest du aufmerken. Wenn dich das Dunkele nicht zum Nachdenken spornet, wie viel mehr würdest du darüber wegeilen, wenn es klar und deutlich wäre? Denn darum ist nicht Alles deutlich, damit du nicht nachlässig werdest; aber auch nicht Alles dunkel, damit du den Muth nicht verlierest. Jener Eunuch und Barbar führte nicht diese Sprache, sondern er hatte, obwohl von so vielen Geschäften umgeben, selbst auf der Reise die Bibel in der Hand und las darin, ohne Das, was er las, zu verstehen. Du aber, dem so viele Lehrer zu Gebote stehen, der du dir eigene Vorleser zu halten vermagst, bringst mir Entschuldigungen und Ausflüchte! Du verstehst das Vorgetragene nicht? Bitte also, daß du es verstehen lernest! Aber es ist auch nicht möglich, daß du gar Nichts verstehest; denn Vieles ist doch schon an sich klar und deutlich. Jedoch wenn du auch gar Nichts verständest, so müßtest du schweigen, damit du die Aufmerksamkeit Anderer nicht störest, damit Gott deine Eingezogenheit und deine Ehrfurcht gütig aufnehme und dir das Dunkele klar werden lasse. Aber du kannst nicht schweigen? Nun, so gehe hinaus, damit du nicht auch Andern schadest; denn in der [S. 647] Kirche soll immer nur eine Stimme gehört werden, wie wenn es nur ein Leib sei. Darum spricht der Vorleser allein, und selbst der Bischof sitzt da und horcht schweigend zu. So singt auch der Sänger allein, und wenn Alle antwortend einfallen, so ist es, als wenn nur eine Stimme ertönte. Auch der Prediger spricht allein zu dem Volke. Wenn aber Viele über Vieles und Verschiedenes schwatzen, warum fallen denn wir euch zur Last? Wenn nicht ihr uns unnützer Weise zu stören gedächtet, so würdet ihr, während wir von so großen Dingen zu euch reden, nicht über unbedeutende mit einander verkehren. So herrscht nicht nur im Leben, sondern auch in der Werthschätzung der Dinge eine große Verkehrtheit: ihr haschet nach Dem, was überflüssig ist; ihr verlasset die Wahrheit und jaget Schatten und Traumbildern nach. Ist nicht alles Gegenwärtige Schatten und Traum, ja noch nichtiger als Schatten? Kaum ist es erschienen, so ist es auch schon vorüber; und ehe es verschwindet, erzeugt es Unruhe, die noch größer ist, als das Vergnügen. Mag Einer auch unermeßliche Schätze, die er gesammelt, vergraben, — die Nacht bricht berein, und nackt geht er von hinnen und zwar mit Recht; denn er gleicht einem Menschen, der von großem Reichthum geträumt, aber beim Aufstehen von all Dem, was er im Traume gesehen, Nichts finden kann. So ergeht es auch den Geizigen, oder besser gesagt, nicht so, sondern weit schlimmer. Denn wer bloß im Traume reich ist, hat beim Erwachen zwar nicht das Geld, wovon er geträumt hat, aber er trägt von dieser Vorstellung keinen weiteren Schaden davon; der Geizhals hingegen verliert seinen Reichthum und verläßt dieses Leben belastet mit Sünden, die durch den Reichthum entstanden; der Reichthum war nur ein kurzer Traum, aber das Böse, welches daraus hervorging, sieht er nicht im Traume, sondern in der Wirklichkeit. Das Vergnügen ist nur ein Traum, aber die Strafe, die er sich zuzieht, erfährt er nicht im Traume, sondern in der That. Ja, ehe noch jene ewige Strafe eintritt, erduldet er hier schon die schrecklichste Strafe, indem er sich, um Schätze zu [S. 648] sammeln, mit zahllosen Verdrießlichkeiten, Kümmernissen, Klagen, Verleumdungen, Unruhen und Verwirrungen quält. Damit wir also von solchen Träumen und von den Übeln, die keine Träume mehr sind, befreit werden mögen, wollen wir statt des Geizes die Mildthätigkeit, statt der Raubsucht die Freigebigkeit uns anzueignen bestrebt sein; denn so werden wir der gegenwärtigen und der künftigen Güter theilhaftig werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, dem sammt dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 649]

1: I. Kor. 11, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger