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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Sechsunddreissigste Homilie.

V.

Die Kirche gleicht jetzt einer von ihrem früheren Wohlstande herabgesunkenen Frau, die vielfältig nur noch die Zeichen ihres ehemaligen Reichthums besitzt, und die Kästchen für den goldenen Schmuck und die Schränke herzeigt, aber keine Schätze mehr hat. Einer solchen Frau gleicht jetzt die Kirche. Ich sage Das nicht bloß in Rücksicht auf die Charismen; denn es wäre nicht so schlimm, wenn Dieses der einzige Verlust wäre; sondern ich sage es auch in Rücksicht auf Wandel und Tugend. Denn die Menge der Wittwen und die Chöre der Jungfrauen verliehen damals der Kirche eine besondere Zierde; jetzt aber ist sie von ihnen verlassen und entblößt, und es sind vom alten Schmuck nur noch die Zeichen vorhanden. Es gibt zwar auch jetzt noch Wittwen und Jungfrauen; allein sie haben nicht mehr den Schmuck, welcher für Jene sich ziemt, die sich zu solchen Kämpfen bereiten. Ein besonderes Kennzeichen der Jungfrau ist, daß sie allein an Das denkt, was des Herrn [S. 643] ist, und daß sie eifrig und unablässig dem Gebete obliegt. So kann man auch die Wittwe nicht so fast daran erkennen, daß sie keine zweite Ehe eingeht, als daraus, daß sie sich der Armen annimmt, Gastfreundschaft übt, im Gebete verharret, und aus allen andern Merkmalen, welche der heilige Paulus im Briefe an Timotheus1 gebieterisch fordert. Auch gibt es bei uns verehelichte Frauen, die sich durch Sittsamkeit auszeichnen; aber Das ist nicht das Einzige, was wir verlangen, sondern die sorgfältige Verpflegung der Armen, wodurch ehemals die Wittwen ganz anders als die meisten Frauen unserer Zeit sich hervorgethan haben. Statt des Goldes waren sie damals geschmückt mit Werken der Barmherzigkeit; jetzt aber unterlassen sie diese und umhängen sich mit goldenen, aus Sünden zusammengeflochtenen Ketten. Soll ich auch noch einen andern Schatzkasten nennen, der seines ursprünglichen Schmuckes beraubt ist? Vor Alters kamen Alle zusammen und psallirten gemeinschaftlich. Dasselbe thun wir auch jetzt noch; aber damals war in allen ein Herz und eine Seele; jetzt aber kann man nicht in einer Seele eine solche Eintracht gewahren, sondern überall eine gewaltige Zwietracht. Auch jetzt noch ertheilt der Bischof beim Eintritt in die Kirche, gleichsam als Hausvater, der zu den Seinen kommt, Allen den Friedensgruß; den Namen dieses Friedens hören wir überall, den Frieden selber finden wir nirgends. Damals waren auch die Häuser Kirchen, jetzt aber ist die Kirche ein Haus, ja schlechter als jegliches Haus. Denn in einem Hause erblickt man doch gute Ordnung: denn die Hausfrau sitzt mit großer Eingezogenheit auf ihrem Stuhl, und stillschweigend weben die Mägde, und jeder Hausgenosse ist mit der ihm aufgetragenen Arbeit beschäftigt; hier aber herrscht großer Lärm und Verwirrung, und es gebt bei uns wie in einer Wirthsstube zu: es ist ein Gelächter, ein Gewühl, wie in einem Bade oder wie auf öffentlichem Markte, wo [S. 644] Alles schreit und lärmt. Und Das geschieht nur bei uns; denn an andern Orten ist es nicht erlaubt, in der Kirche mit seinem Nachbar zu sprechen oder einen Freund zu begrüßen, der lange Zeit abwesend war; sondern Dieß alles geschieht ausser der Kirche und Das mit Fug und Recht; denn die Kirche ist keine Barbierbude, kein Krämerladen, keine Werkstätte wie auf dem Markte; sie ist eine Wohnung der Engel, der Erzengel, Gottes Haus, ja selbst ein Himmel. Wie wenn dir Jemand den Himmel öffnete und dich hineinführte, und wenn du dort auch deinen Vater, deinen Bruder erblicktest, und du es nicht wagen würdest, sie anzusprechen, so soll auch hier nichts Anderes gesprochen werden als heilige Dinge; denn auch hier ist der Himmel. Willst du Dieses nicht glauben, so betrachte diesen Tisch; gedenke, für wen und warum er hier steht! Bedenke, wer hier erscheint, und erstaune schon vor seiner Ankunft! Denn sobald Jemand auch nur den Thron des Königs erblickt, erhebt sich schon sein Herz und harret der Erscheinung des Königs. So sollst auch du noch vor jener Stunde, von heiligem Schauer ergriffen, dich zum Himmel erbeben, ehe noch die Vorhänge beseitiget sind, und du die Chöre der Engel einherschreiten siehst. — Jedoch der Uneingeweihte weiß davon Nichts; ihm müssen wir somit etwas Anderes sagen; und wir können ihm Vieles zur Erweckung und Erhebung des Herzens anführen. Wenn nun du, der du jener Geheimnisse noch unkundig bist, den Propheten sagen hörst: „So spricht der Herr,“ dann erhebe dich von der Erde, erschwinge auch du dich in den Himmel und bedenke, wer es ist, der zu dir durch den Propheten redet. Vor einem Gaukler, der sein lächerlich Spiel treibt, vor einer zuchtlosen Dirne auf dem Theater sitzt die unermeßliche Menge der Zuschauer still horchend auf ihre Worte, und ohne daß Jemand Stillschweigen gebietet, hört man da weder Lärm noch Geschrei noch das kleinste Geräusch; aber hier, wo Gott vom Himmel herab über so schauderhafte Dinge redet, sitzen wir unverschämter als Hunde und er- [S. 645] weisen Gott nicht einmal so viel Achtung als den zuchtlosen Dirnen.

1: I. Tim. 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger