Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Sechsunddreissigste Homilie.

IV.

Dasselbe thut Paulus anderwärts, wo er die eheliche Gemeinschaft bespricht und sagt: „Dieses aber sage ich wegen eurer Unenthaltsamkeit.“1 Wenn er aber von der Weissagung redet, drückt er sich anders aus. Wie denn? Gebietend und gesetzgebend: „Die Weissagenden aber mögen je zu Zweien oder zu Dreien reden.“ Hier verlangt er keinen Ausleger und legt dem Vortragenden nicht Stillschweigen auf wie zuvor, da er sprach: „Ist aber kein Ausleger da, so schweige Jener;“ denn es genügt nicht, daß Jemand in Sprachen rede; hat er beide Gaben, so mag er reden; hat er sie aber nicht und will dennoch reden, so thue er Dieses mit einem Ausleger. Denn der Weissagende ist ein Ausleger, aber ein göttlicher, du aber ein menschlicher. „Ist aber kein Ausleger da, so schweige er;“ denn Nichts soll zwecklos, Nichts zur Befriedigung der Ehrsucht geschehen. „Für sich und vor Gott mag er reden,“ d. h. in seinem Herzen, leise und ohne Geräusch, wenn er will. Hier will Paulus nicht sowohl ein Gesetz geben, als vielmehr durch diese Nachgiebigkeit sie beschämen, wie wenn er spricht: „Wenn aber Jemand hungert, so esse er zu Hause,“2 wo er sie aber durch dieses Nachgeben desto bitterer tadelt. Ihr kommt ja nicht zusammen, sagt er, um zu zeigen, daß ihr diese Gnadengaben besitzet, sondern um die Zuhörer zu er- [S. 640] bauen, was er ja gleich Anfangs gesagt hat: „Alles möge zur Erbauung geschehen!“

29. Weissagende aber mögen je Zwei oder Drei reden, und die Übrigen sollen beurtheilen.

Nirgends verbreitet er sich so weitläufig, wie über die Sprachen. Und warum sagt er denn Dieses? So wären, ja die Weissagungen an sich nicht genügend, wenn er Andern gestattet, sie zu beurtheilen? Gewiß sind sie vollkommen hinreichend; denn hier verbietet er sie nicht wie oben, im Falle, daß kein Ausleger da ist; er sagt nicht etwa wie dort: „Ist kein Ausleger da, so schweige Jener,“ so auch hier: Ist kein Beurtheiler da, so weissage er nicht; sondern er will nur die Zuhörer sicher stellen. Denn er sagt Dieses nur, um sie zu warnen, daß sich kein Wahrsager unter sie einschleiche. Oben, wo er den Unterschied zwischen wahren und falschen Propheten angab, warnte er gleichfalls davor; und hier will er, daß sie beurtheilen und genau Acht haben sollen, damit kein Teufelswerk mitunterlaufe.

30. 31. Wenn aber einem Andern, während er da sitzt, Geoffenbartes zugekommen, so schweige der Erste. Denn ihr könnet alle Einer nach dem Andern weissagen, damit Alle lernen und Alle ermuntert werden.

Was will Dieses sagen? Es will sagen: Wenn während deiner Weissagung und Rede ein Anderer vom Geiste erweckt wird, so schweige du! Denn wie er oben in Betreff der Sprachen gefordert, daß man der Reihe nach spreche, so auch hier, aber in einem erhabeneren Sinne. Er sagt nicht: Der Reihe nach, sondern: „Wenn einem Andern Geoffenbartes zugekommen.“ Denn warum sollte der Eine noch fortfahren, wenn der Andere zum Weissagen erweckt wird? Aber es sollten Beide vortragen? [S. 641] Nun da gäbe es eine abgeschmackte Verwirrung. Aber der Erstere? Auch Das wäre ungereimt; denn eben darum hat der Geist den Zweiten erweckt, damit auch Dieser Etwas rede. Dann fährt er fort zur Beruhigung Desjenigen, dem er zu schweigen befohlen: „Denn ihr könnet alle, Einer nach dem Andern, weissagen, damit Alle lernen und Alle ermuntert werden.“ Siehst du, wie er überall seine Absicht an den Tag legt? Wenn er durchaus verbietet, in Sprachen zu reden, falls kein Ausleger da ist, weil es dann keinen Nutzen gewährt, so befiehlt er auch mit Recht, das Weissagen zu unterbrechen, wenn es keinen Vortheil, sondern Verwirrung, Unordnung und unschicklichen Lärm verursacht.

32. Und die Geister der Propheten sind den Propheten Unterthan.

Siehst du, wie drohend und schrecklich er Jene beschämt? Auf daß nämlich kein Mensch zanke und Aufruhr errege, zeigt er, daß selbst die Geistesgabe sich der Ordnung fügen müsse. Unter „Geist“ versteht er die Gnadenwirkungen des Geistes. Wenn nun der Geist selber sich fügt, so ziemt es sich um so mehr, daß du, der du ihn empfangen, nicht zankest. Hierauf zeigt er, daß Dieses auch Gott angenehm sei, indem er die Worte beifügt:

33. Denn Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern des Friedens; so lehre ich in allen Kirchen der Heiligen.

Siehst du, wie er durch mancherlei Beweggründe den Einen zum Schweigen bringt und Den tröstet, der dem Andern Platz macht? Erstens und vorzüglich dadurch, daß Dieser (vom Vortrage) nicht ausgeschlossen werde: „Denn ihr könnet,“ sagt er, „Einer nach dem Andern weissagen.“ Zweitens dadurch, daß er sagt, Dieses sei der Wille des Geistes: „Denn die Geister der Propheten sind [S. 642] den Propheten Unterthan.“ Ferner sei Dieses auch Gottes Anordnung: „Denn Gott ist kein Gott der Unordnung, sondern des Friedens,“ heißt es. Viertens endlich, weil diese Vorschrift in der ganzen Welt befolgt und ihnen damit nichts Ungewöhnliches auferlegt werde: „Denn so,“ heißt es, „Lehre ich in allen Kirchen der Heiligen.“ Wie ehrwürdig sind doch diese Dinge! Denn damals war die Kirche der Himmel selbst, indem der heilige Geist Alles lenkte und alle Kirchenvorsteher beseelte und mit Begeisterung erfüllte. Wir aber besitzen dermalen nur noch die Symbole jener Gnadenwirkungen. Auch jetzt noch reden unser Zwei oder Drei nach einander, und wenn der Eine aufhört, so beginnt der Andere; aber das sind nur Zeichen und Erinnerungen an jene Dinge. Darum, wenn wir jetzt sprechen, antwortet das Volk: „Mit deinem Geiste,“ anzeigend, daß man vor Alters so sprach, aber nicht nach eigener Weisheit, sondern vom Geiste getrieben; aber jetzt — ich rede von mir — ist es nicht mehr so.

1: I. Kor. 7.
2: I. Kor. 11, 34.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Achtundzwanzigste Homi...
. Neunundzwanzigste Homi...
. Dreissigste Homilie. ...
. Einunddreissigste Homi...
. Zweiunddreissigste ...
. Dreiunddreissigste ...
. Vierunddreissigste ...
. Fünfunddreissigste ...
. Sechsunddreissigste ...
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. . V.
. . VI.
. Siebenunddreissigste ...
. Achtunddreissigste ...
. Neununddreissigste ...
. Vierzigste Homilie. ...
. Einundvierzigste Homilie. ...
. Zweiundvierzigste Homi...
. Dreiundvierzigste Homi...
. Vierundvierzigste Homi...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger