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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Sechsunddreissigste Homilie.

III.

So macht es Paulus auch dort, wo er über die Ehe redet. Viele sahen die Ehe als einen formlosen und glücklichen Stand an; er aber wollte zeigen, daß die Ehelosigkeit diese Ruhe gewähre; und Das suchte er nach vielen vorausgeschickten Gründen den Zuhörern beizubringen, weil sie ihm, hätte er es gleich Anfangs gesagt, nicht so leicht geglaubt haben würden. Dasselbe thut er auch in Betreff des jungfräulichen Standes; denn nachdem er Vieles vorausgeschickt hatte, spricht er endlich: „Ich schone eurer“ und: „Ich wünsche, daß ihr ohne Sorgen seiet.“1 Dasselbe thut er denn auch bezüglich der Sprachen, indem er zeigt, daß sie Denjenigen, welche dieses Charisma besitzen, nicht nur keinen Ruhm bringen, sondern von Seite der Ungläubigen sogar Verunglimpfung zuziehen. Dagegen ist die Weissagung frei von allem Unglimpf von Seite der Ungläubigen und gewährt die größte Ehre und den größten Nutzen. Denn hier wird Niemand behaupten, daß Diejenigen, die da weissagen, wahnfinnig seien; Niemand wird „sie verlachen, sondern im Gegentheil sie anstaunen und bewundern. „Denn sie werden,“ heißt es, „von Allen überwiesen,“ d. h. das Innerste ihres Herzens wird aufgedeckt und Allen offenbar. Gewiß ist es nicht einerlei, wenn Einer hineintritt und Diesen persisch, Jenen aber syrisch reden hört; und wenn er hineintritt und sieht, wie das Innerste des Herzens aufgedeckt wird, und ob Einer als Späher und in böser Absicht oder aber mit redlichem Herzen gekommen sei, und was er gethan, was er zu thun beschlossen habe: Das gebietet offenbar größere Ehrfurcht und [S. 637] gewährt größern Nutzen als Jenes. Darum sagt er nun in Bezug auf die Sprachen: „Ihr seid von Sinnen;“ jedoch ist das nicht seine eigene Ansicht, sondern das Urtheil der Ungläubigen; es heißt ja: „Sie werden sagen: Ihr seid von Sinnen.“ Bei der Weissagung hingegen legt er das größte Gewicht auf die Sache an sich und auf den Nutzen: denn es heißt: „Er (der Ungläubige oder Laie) wird von Allen überwiesen, von Allen gerichtet; es wird das Verborgene seines Herzens offenbar, und so hinsinkend auf sein Angesicht, wird er Gott anbeten, eingestehend, daß Gott wahrhaft in euch sei.“ Siehst du, wie hier Alles klar ist? Denn dort weiß man nicht, was man von der Sache halten soll, und ein Ungläubiger möchte leicht versucht werden, sie für Wahnsinn zu halten; hier aber wird er ohne Bedenken bewundern und anbeten, wird erst durch seine Haltung, dann aber auch mit Worten sein Bekenntniß ablegen. So betete auch Nabuchodonosor Gott an, da er sprach: „Wahrhaftig, euer Gott ist der Gott, der die Geheimnisse aufdeckt, weil du dieses Geheimniß aufdecken konntest!“2 Siehst du die Macht der Weissagung, wie sie jenen rohen Mann umwandelte, belehrte und zum Glauben hinführte?

26. Was ist es demnach, Brüder? Wenn ihr zusammenkommet, hat Jeglicher von euch einen Psalm, er hat einen Lehrvortrag, hat eine Offenbarung, hat eine Sprache, hat eine Auslegung: — Alles geschehe zur Erbauung!

Siehst du da die Grundlage und die Richtschnur des Christenthums? Gleichwie es nämlich dem Baumeister zusteht, zu bauen, so ist es des Christen Pflicht, dem Nächsten [S. 638] in Allem zu nützen. Weil er aber die Sprachengabe, um ihren Hochmuth zu dämpfen, sehr herabgesetzt hatte, so zählt er sie jetzt dennoch, damit sie nicht ganz überflüssig erscheine, wieder mit den andern auf und spricht: „Er hat einen Psalm, hat einen Lehrvortrag, hat eine Sprache.“ Denn in der Begeisterung stimmten sie ehemals Lobgesänge (Psalmen) an und hielten Lehrvorträge; aber Dieß alles, sagt der Apostel, soll den einen Zweck haben, nämlich die Besserung des Nebenmenschen; Nichts soll zwecklos geschehen. Wenn du nicht kommst, um den Bruder zu erbauen, warum kommst du denn? ich setze keinen besondern Werth auf die Verschiedenheit der Geistesgaben; um das Eine nur ist mir zu thun, und nur auf das Eine bin ich bedacht, daß Alles zur Erbauung geschehe. Wird dieser Zweck erreicht, so übertrifft Derjenige, welcher ein geringeres Charisma besitzt, Den, welcher sich eines höhern erfreut; denn dazu sind die Gaben vorhanden, daß Jeder erbaut werde; geschieht Dieses nicht, so wird die Gabe Dem, der sie besitzt, zum Verderben. Denn sage mir: was nützt es, weissagen, Todte erwecken, wenn dabei Keiner Etwas gewinnt? Ist nun aber Das der Zweck der Charismen und kann dieser auch auf eine andere Weise ohne Charismen erreicht werden, so bilde dir auf die Zeichen nichts Großes ein und halte dich auch nicht für unglücklich, wenn dir die Geistesgaben versagt sind.

27. 28. Sei es, daß Jemand in Sprachen redet, je zu Zweien oder höchstens zu Dreien (geschehe es), und nach einander, und Einer lege es aus! Ist aber kein Ausleger da, so schweige Jener in der Gemeinde; für sich und vor Gott mag er reden.

Was sagst du, o Paulus? Nachdem du so viel über das Sprachenreden gesagt und gezeigt hast, daß es ohne Ausleger unnütz und vergeblich sei, willst du wieder, daß man in Sprachen rede? Ich gebiete es nicht, will er sa- [S. 639] gen, und verbiete es nicht, gerade so wie er oben gesagt: „Wenn Jemand von den Ungläubigen euch einladet, und ihr wollet hingehen,“ wodurch er sie weder zwingt, zu gehen, noch auch zurückhält, so auch hier: „Für sich und vor Gott mag er reden.“ Das will sagen: Wenn er nicht schweigen kann, sondern so ehrsüchtig und eitel ist, so mag er für sich reden. So hat er es denn eben auch dadurch verboten, daß er es auf diese beschämende Weise gestattet.

1: I. Kor. 7, 28. 32.
2: Dan. 2, 47.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger