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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Sechsunddreissigste Homilie.

II.

Damit du aber erkennest, daß er das Zeichen hier nicht als etwas allgemein Nützliches anführt, so zeigt er, was daraus erfolgt. Was ist nun Das? Die Antwort lautet: „Sie werden sagen: ihr seid von Sinnen.“ Das sagt er aber nicht in Bezug auf die Natur des Zeichens, sondern in Bezug auf ihren thörichten Sinn. Wenn du aber von Ungläubigen hörst, so darfst du dir nicht immer einerlei Menschen vorstellen, sondern einmal Unheilbare, die nicht mehr zu bessern sind, ein andermal Solche, die noch gebessert werden können, wie Kornelius und Diejenigen, die zu den Zeiten der Apostel die Großthaten Gottes bewunderten. Er will damit sagen: Die Weissagung ist sowohl bei den Ungläubigen als bei den Gläubigen vielvermögend: die Ungläubigen und Unverständigen aber, die in Sprachen reden hören, ziehen nicht nur keinen Vortheil daraus, sondern verlachen sogar die Sprechenden als Wahnsinnige; denn diese Gabe ist ihnen bloß zu einem Zeichen, d. h. um sie in Erstaunen zu setzen; jedoch die Vernünftigen zogen auch einen Gewinn aus dem Zeichen, das ihnen gegeben worden. Denn ausser Denjenigen, welche den Aposteln vorwarfen, sie seien berauscht, gab es auch Viele, die sich verwunderten, da sie dieselben die Großthaten Gottes verkündigen hörten: die da spotteten, waren also Unverständige. Daher spricht Paulus nicht geradezu: „Sie werden sagen: ihr seid von Sinnen,“ sondern er fügt bei: „die Laien und Ungläubigen.“ Die Weissagung ist aber nicht einfach zu einem Zeichen vorhanden, sondern auch zum Glauben und Gemeinnutzen, beiden Theilen ersprießlich und nützlich. Hierüber erklärt er sich nicht gleich Anfangs, aber doch im Folgenden deutlicher, indem er spricht: „Er wird von Allen überwiesen, von Allen gerichtet; es wird das Verborgene seines Herzens offenbar, und so hinsinkend auf sein Angesicht, wird er Gott anbeten, eingestehend, daß Gott wahrhaft in euch sei.“ Also hat die Weissagung nicht allein darin den Vorzug, daß sie sowohl bei Gläubigen und Ungläubigen [S. 634] viel vermag, sondern auch darin, daß sie die Unverschämteren1 unter den Ungläubigen für sich gewinnt. Denn es war nicht dasselbe Wunder, als Petrus die Sapphira überführte, was im Bereiche der Weissagung lag, und als er in Sprachen redete. Damals geriethen Alle in Schrecken; als er aber in Sprachen redete, hielt man ihn für verrückt. Nachdem er nun gesagt, daß die Sprachengabe Nichts nütze, und diesen Ausspruch dadurch gemildert hat, daß er die Schuld davon den Juden beimaß, zeigt er nun weiter, daß sie sogar schädlich sei. Denn wozu ward sie gegeben? Damit sie mit der Auslegung Hand in Hand gehe; denn ohne dieselbe bewirkt sie bei den Unkundigen das Gegentheil von Dem, was sie zu wirken bestimmt war. Denn „wenn Alle,“ heißt es, „in Sprachen reden, es kommen aber auch Laien hinein oder Ungläubige, so werden sie sagen, daß ihr von Sinnen seid,“ wie man denn auch die Apostel für Betrunkene hielt; denn das Volk sprach: „Sie sind voll süßen Weines.“2 Jedoch daran war das Zeichen nicht Schuld, sondern die Unwissenheit und der Unglaube jener Menschen. Darum setzt auch der Apostel hinzu: „Laien und Ungläubige.“ Denn er will, wie er früher bemerkt, die Sprachengabe nicht eigentlich als tadelnswürdig hinstellen, sondern nur sagen, daß sie nicht großen Nutzen gewähre, um die Korinther zu demüthigen und ihnen die Nothwendigkeit eines Auslegers fühlbar zu machen. Weil Viele sich um keine Auslegung kümmerten, sondern die Gabe zur Prahlerei und Ehrsucht mißbrauchten, so sucht er sie vor Allem davon abzulenken und zeigt, wie sie bei diesem Jagen nach Ehre sich selbst im Wege stehen und für wahnsinnig gelten. Das ist der Weg, den Paulus einzuschlagen gewohnt ist, wenn er Jemanden von Etwas abschrecken will; er zeigt nämlich, daß eben Dasjenige, wornach er strebt, ihm zum Verderben ge- [S. 635] reiche. Thue auch du so; willst du Jemanden von der Wollust abhalten, so zeige ihm, daß sie etwas Bitteres sei; willst du ihn von eitler Ehrsucht entfernen, so zeige ihm, daß sie etwas Schmachvolles sei! So hat es auch Paulus gemacht. Wenn er nämlich die Reichen von der Liebe zum Gelde abbringen will, so sagt er nicht bloß, der Reichthum sei schädlich, sondern auch, daß er in Versuchungen führe; denn er sagt: „Welche reich werden wollen, fallen in Versuchung.“3 Weil man nämlich wähnte, der Reichthum mache von Versuchungen frei, so schreibt er ihm das Gegentheil von Dem zu, was die Reichen meinten. Andere verlegten sich auf die Weltweisheit, um dadurch die Lehre des Evangeliums zu bekräftigen. Diesen beweiset er nun, daß sie die Lehre von dem Gekreuzigten nicht nur nicht bekräftige, sondern vielmehr vereitle. Sie zogen es vor, sich von heidnischen Richtern, als wären diese weiser, Recht sprechen zu lassen, indem sie es für unwürdig hielten, von den ihrigen gerichtet zu werden; und da zeigt er ihnen, daß es eine Schmach sei, vor Heiden zu rechten. Sie nahmen Antheil an den heidnischen Opfermahlen und wollten dadurch zu erkennen geben, daß sie eine vollkommene Einsicht besäßen; da zeigte er, daß es eine schwache Einsicht verrathe, wenn man für das Wohl des Nebenmenschen keine Rücksichten nimmt. So zeigt er auch hier, weil sie aus der Sprachengabe so viel Aufhebens machten und nach eitelem Ruhme geizten, daß diese Gabe ihnen zur größten Schande gereiche, sie nicht nur der Ehre beraube, sondern sogar Anlaß gebe, daß man sie für wahnsinnig halte. Jedoch das sagt er nicht gleich, sondern er pflegt meistentheils so zu verfahren, daß er sich vorerst für seine Worte ein geneigtes Gehör verschafft und dann erst das Unerwartete vorträgt. Denn wer ein eingewurzeltes Vorurtheil abschwächen und ausrotten will, darf nicht sogleich mit der entgegengesetzten Meinung hervortreten; er würde ja bei [S. 636] den von Vorurtheilen eingenommenen Menschen sich lächerlich machen. Das Neue und Ungewöhnliche findet nicht sogleich Anfangs Gehör; man muß vorerst auf andern Wegen die falsche Meinung untergraben und dann die neue aufstellen.

1: Τοὺς ἀναισχυντοτέρους.
2: Apostelg. 2, 13.
3: I. Tim. 6, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger