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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Fünfunddreissigste Homilie.

I.

Kap. XIV.

1. Strebet nach der Liebe, beeifert euch um das Geistige, mehr jedoch, daß ihr weissaget.

I. Nachdem ihnen der Apostel die ganze Tugend der Liebe geschildert, so ermahnt er sie schließlich, derselben mit Eifer nachzustreben. Darum sagt er auch: „Strebet;“1 denn wer einer Sache nachjagt, schaut einzig auf dieselbe hin und sucht sie zu ergreifen, und ruhet nicht, bis er dieselbe erreicht hat. Wer einen Andern verfolgt, sucht den Flüchtling, falls er selber ihn nicht zu ergreifen vermag, durch seine Vormänner ergreifen zu lassen, und ruft Denen, die ihm schon nahe sind, mit Anstrengung zu, daß sie ihn greifen und festhalten, bis er selber erscheine. Das wollen auch wir thun: So lange wir die Liebe noch nicht erreicht haben, wollen wir sie durch Diejenigen, welche in ihrer Nähe sind, [S. 608] festhalten lassen, bis wir selber zu ihr gelangen; haben wir sie dann erreicht, so wollen wir sie nimmer loslassen, damit sie uns nicht mehr entfliehe. Denn fortwährend entweicht sie von uns, weil wir sie nicht gebrauchen, wie wir es sollten, sondern ihr alles Andere vorziehen. Daher ist es unsere Pflicht, Alles zu thun, um sie sorgfältig festzuhalten. Denn geschieht Das, so bedarf es keiner großen, ja nicht einmal einer kleinen Anstrengung mehr, sondern wir werden voll Wonne und Jubelfeste begehend, auf dem schmalen Pfade der Tugend einherschreiten. Darum spricht er: „Jaget ihr nach! Damit sie aber nicht glaubten, als habe er so von der Liebe geredet, um die Gnadengaben in’s Dunkel zu stellen, so fährt er fort mit den Worten: „Beeifert euch um das Geistige (die Geistesgaben), mehr jedoch, daß ihr weissaget.“

2. 3. Denn der Sprachenredner redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn Niemand vernimmt es, aber im Geiste redet er Geheimnisse. Wer aber weissagt, redet für Menschen Erbauung, Zuspruch und Trost.

Hier vergleicht er die Gnadengaben2 mit einander, weist der Sprachengabe einen niedrigeren Platz an und zeigt, daß diese weder ganz unnütz, noch an sich besonders vortheilhaft sei. Denn die Korinther hielten diese Gabe für etwas Großes, und bildeten sich viel darauf ein. Sie hielten sie darum für groß, weil die Apostel zuerst diese und zwar auf eine so glänzende Weise empfangen hatten. Sie übertraf aber darum die andern nicht. Warum empfingen denn aber die Apostel dieses Charisma vor den übrigen? Weil sie in alle Länder der Erde sich zerstreuen sollten. Gleichwie zur Zeit des Thurmbaues3 die eine Sprache in viele zerfiel, so gingen damals die vielen oft auf einen Einzigen über, und [S. 609] derselbe Mensch redete die Sprache der Perser und der Römer und der Inder und viele andere Sprachen, je nachdem sie ihm der Geist eingab; und dieses Charisma wurde „Sprachengabe“ genannt, weil man dadurch viele Sprachen zugleich reden konnte. Siehe nun, wie er dieselbe Gnadengabe sowohl erhebt als herabsetzt. Denn durch die Worte: „Der Sprachenredner redet nicht für Menschen, sondern für Gott, denn Niemand vernimmt es,“ setzt er sie herab, indem er zeigt, daß ihr Nutzen nicht groß sei; durch den Beisatz aber: „Im Geiste redet er Geheimnisse,“ erhebt er sie wieder, damit es nicht scheine, sie sei ein überflüssiges, unnützes und zweckloses Geschenk. „Wer aber weissagt, redet für Menschen Erbauung, Zuspruch und Trost.“ Siehst du, woher er die Vortrefflichkeit dieser Gabe beweiset? Daher, daß sie gemeinnützig ist, wie er denn überall Das obenan setzt, was Vielen zum Nutzen gereicht. — Sage mir aber, reden denn Jene nicht für Menschen? Ja wohl; aber nicht solche Erbauung, solchen Zuspruch und Trost. Die Eingebung des Geistes haben Beide gemein, sowohl der Weissagende als der Sprachenredner; wer aber weissagt, hat darin den Vorzug, daß er seinen Zuhörern auch einen Nutzen verschafft. Denn Diejenigen, welche die Sprachengabe nicht besaßen, verstanden die Sprachenredner nicht. Wie also? Erbauten diese nun Keinen? Ja wohl, aber nur sich allein, und darum fügt er bei:

4. Der Sprachenredner erbauet sich selber.

Wie kann er Das, wenn er nicht weiß, was er sagt? Paulus spricht hier nur von Denen, die zwar selber verstehen, was sie sagen, aber es Andern nicht mittheilen können. „Wer aber weissagt, erbauet die Kirche.“ Wie groß aber der Unterschied ist zwischen einem Menschen und der ganzen Kirche, so groß ist der Unterschied [S. 610] zwischen dem Sprachenredner und dem Propheten. Siehst du da seine Weisheit, wie er die Gabe nicht ganz als nichtig erklärt, sondern zeigt, daß sie zwar Nutzen gewähre, aber geringen und bloß für den Besitzer. Damit sie aber nicht auf die Vermuthung geriethen, als setze er aus Neid die Sprachengabe herab (denn die Mehrzahl von ihnen besaß diese Gabe), so tritt er diesem Verdachte entgegen und spricht:

3. Ich wünsche aber, daß ihr alle in Sprachen reden möget, aber mehr, daß ihr weissagen möget; denn wer weissagt, ist größer, als wer in Sprachen redet, ausser wenn Dieser auslegt, damit die Kirche Erbauung habe.

Das Mehr und das Weniger bezieht sich hier nicht auf Gegensätze, sondern auf das Vorzüglichere.

1: Διώκετε = jaget nach …, wie auch Meßmer übersetzt a. a. O. S. 254.
2: Χαρίσματα = πνευματικά, Gaben des hl. Geistes.
3: Gen. 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger