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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Vierunddreissigste Homilie.

I.

8. Seien es Weissagungen, sie werden abgethan; seien es Sprachen, sie werden aufhören; sei es Wissenschaft, sie wird abgethan werden.

I. Nachdem der Apostel den hohen Werth der Liebe dadurch gezeigt hat, daß sie neben den Geistesgaben und dem guten Lebenswandel unentbehrlich sei, dadurch, daß er alle ihre guten Eigenschaften aufgezählt und sie die Grundlage aller ächten Weisheit genannt hat: so sucht er nun auch noch aus einem andern, dritten Grunde, ihre Würde darzuthun. Damit will er einerseits Diejenigen, die sich als zurückgesetzt ansahen, überzeugen, daß sie das größte aller Zeichen besitzen könnten, und im Besitze desselben Denen nicht nachständen, welchen die Wundergaben zugetheilt worden, daß sie diese sogar weit überträfen; andererseits will er Diejenigen, die große Gnadengaben besaßen, und sich darob aufblähten, dadurch demüthigen, daß er ihnen zeigt, wie sie ohne die Liebe Nichts sind. War einmal der Neid und der Übermuth auf die Seite geschafft, so mußten sie sich unter einander wohl lieben und jene Leidenschaften mit der Wurzel vertilgen: „denn die Liebe eifert nicht, bläht [S. 588] sich nicht auf.“ So umgibt er sie rings mit einer unzerstörbaren Mauer und mit dem vielfach verschlungenen Bande der Eintracht, welches alle Krankheiten hebt, und eben dadurch selbst wieder an Stärke gewinnt. Darum sucht er so viele Gründe auf, ihren (der Gekränkten) Unmuth zu besänftigen. Er sagt: Es ist ein Geist, der die Gaben austheilt, und zwar zum Nutzen austheilt, und wie er will, und aus Gnade, nicht aus Schuldigkeit. Hast du auch wenig empfangen, so bist du doch ein Glied des Körpers, und genießest auch so große Ehre; und wer eine größere Gabe empfing, bedarf deiner, der du weniger hast: und die größte Gabe und der vortrefflichste Weg ist die Liebe. Das aber sagte er, um sie auf zweifache Weise an einander zu knüpfen, nämlich: Im Besitze der Liebe sollten sie sich nicht mehr als zurückgesetzt ansehen; wenn sie nach ihr strebten und sie einmal ergriffen, so könnte ihnen kein Unfall mehr schaden, und sie dürften, wenn sie auch ausser ihr Nichts hätten, nicht zanken. Denn wer einmal von der Liebe erfaßt ist, der ist frei von Zanksucht. Darum schildert er ihnen die Früchte der Liebe, um zu zeigen, welch große Güter ihnen aus derselben erwüchsen, und um durch diese Belobung derselben ihre Gebrechen zu heilen. Fast jeder Ausdruck ist ein linderndes Heilmittel für ihre Wunden. Darum sagt er gegen Diejenigen, welche zanken: „Die Liebe ist langmüthig;“ gegen Diejenigen, welche in Zwietracht und Feindseligkeit leben: „sie ist gütig;“ gegen Diejenigen, welche iiber den Vorzug Anderer neidisch sind: „sie eifert nicht;“ gegen Die, welche sich von einander trennen: „sie prahlt nicht;“ gegen Die, welche sich gegen Andere erheben: „sie bläht sich nicht auf;“ gegen Die, welche sich nicht herablassen wollen: „sie schämt sich nicht;“ gegen Diejenigen, welche Andere verachten: „sie sucht nicht das Ihrige;“ gegen Diejenigen, welche Andere beschimpfen: „sie läßt sich nicht erbittern; sie denkt nichts Arges;“ abermals gegen die Neidischen: „sie freut sich nicht über das Unrecht, hat aber Freude an der Wahrheit;“ gegen die Ausspäher: „sie bedeckt Alles;“ gegen Die, welche die Hoffnung aufgeben: „sie [S. 589] hofft Alles;“ gegen Diejenigen, welche leicht uneinig werden: „sie erträgt Alles, sie verfällt nie.“ — Nachdem er nun auf alle Weise und mit den stärksten Farben ihren hohen Werth geschildert hat, führt er abermal einen Hauptgrund an und erhebt ihre Würde durch einen andern Vergleich: „seien es Weissagungen, sie werden abgethan; seien es Sprachen, sie werden aufhören.“ Da beide um des Glaubens willen mitgetheilt wurden, so wird ihr Gebrauch aufhören, sobald der Glaube überall verbreitet sein wird. Aber die wechselseitige Liebe wird nicht aufhören, sondern im Gegentheile noch zunehmen in diesem, und mehr noch im künftigen Leben. Denn hienieden gibt es viele Dinge, welche die Liebe schlaff machen: Geld, Geschäfte, körperliche Leiden, Krankheiten der Seele; dort aber wird nichts Derartiges sein. Daß Weissagungen und Sprachen aufhören, ist nicht zu verwundern; daß aber auch die Erkenntniß aufhören soll, das erregt Zweifel; denn er fügt auch Das bei mit den Worten: „sei es die Wissenschaft, sie wird abgethan werden.“ Wie nun? Werden wir dann in der Unwissenheit hinleben? Das sei ferne! Vielmehr ist anzunehmen, daß alsdann die Erkenntniß in hohen Grade vermehrt werde; darum sprach er: „Dann aber werde ich erkennen, so wie auch ich erkannt worden bin.“1 Deßhalb, damit man nicht glaube, die Erkenntniß werde ebenso aufhören wie die Weissagungen und Sprachen, setzt er nach den Worten: „sei es die Wissenschaft, sie wird abgethan werden,“ hinzu, wie sie abgethan werde und sagt:

9. 10. Wir erkennen theilweise, und wir weissagen theilweise. Wenn aber das Vollkommene gekommen sein wird, wird das Theilweise abgethan werden.

Die Erkenntniß (Wissenschaft) wird also nicht aufhören, [S. 590] sondern wird bloß aufhören, eine unvollkommene zu sein; denn wir werden nicht nur eben so viel, sondern noch weit mehr erkennen. Ich will Das durch Beispiele anschaulich machen: Jetzt wissen wir, daß Gott überall ist, aber das Wie wissen wir nicht; daß er die Welt aus Nichts erschaffen hat, wissen wir, die Art und Weise aber kennen wir nicht; daß Christus aus einer Jungfrau geboren worden, wissen wir, wie aber, wissen wir nicht. Alsdann aber Werden wir davon mehr und Vollkommeneres wissen. Darauf zeigt er, wie groß der Unterschied sei, und daß uns hier noch Großes mangle, indem er sagt:

11. Als ich Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte ich wie ein Kind. Da ich aber Mann geworden, that ich ab, was des Kindes war.

Dasselbe deutet er durch ein anderes Beispiel an mit den Worten:

1: I. Kor. 13, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger