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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Dreiunddreissigste Homilie.

I.

4. Die Liebe ist langmüthig, ist gütig ; sie eifert nicht, prahlet nicht, bläht sich nicht auf.

I. Nachdem nun Paulus den Ausspruch gethan, daß ohne die Liebe der Glaube, die Gabe der Wissenschaft, der Weissagung, der Sprachen, der Krankenheilung, daß ein strenges Leben und der Martertod keinen erheblichen Nutzen gewähren: so schildert er nun in natürlicher Folge ihre unbeschreibliche Schönheit, und schmückt das Bild aus, indem er einzelne Theile dieser Tugend gleichsam im Farbenschmelz darstellt, und dann alle Glieder genau zu einem Ganzen verbindet. Aber du darfst, o Geliebter, über Das, was gesagt wird, nicht flüchtig hinwegeilen, sondern du sollst auf das Genaueste in’s Einzelne eingehen, um den kostbaren Schatz und die Kunst des Malers bewundern zu können. Betrachte mir also, womit er gleich Anfangs beginnt, und wie er die Quelle alles Guten zuerst nennt. Welches ist aber diese? Die „Langmuth;“ diese ist die Wurzel aller Weisheit; daher sagte auch ein weiser Mann: „Der Langmüthige beweist großen Verstand; der Zornmüthige aber [S. 569] ist höchst unverständig.“1 Er vergleicht diese Tugend mit einer festen Stadt, und behauptet, sie sei fester als eine solche; denn sie ist eine unverwüstliche Waffenrüstung, ein unüberwindlicher Thurm, der jedem Angriffe Trotz bietet. Und gleichwie ein Feuerfunke, der in das Meer fällt, diesem Nichts schadet, sondern vielmehr bald selber erlischt: so kann auch ein unvorgesehenes Mißgeschick die Seele des Langmüthigen nicht in Verwirrung versetzen, sondern wird bald verschwinden. Denn die Langmuth ist das festeste Bollwerk, und du magst mir Kriegsheere, Reichthum, Mauern, Rosse, Waffen und was irgend der Art nennen: du wirst Nichts finden, was der Langmuth gleich käme. Denn wer mit jenen Gegenständen sich rüstet und wappnet, der wird oft wie ein schwächlicher Knabe durch den Zorn besiegt und zu Boden gestürzt, und erfüllt Alles mit Sturm und Verwirrung; der Langmüthige dagegen genießt, wie in einem Hafen geborgen, einer tiefen Ruhe. Du magst Unglück über ihn bringen, du erschütterst den Fels nicht; du magst ihn mit Schmähungen anfallen, diesen Thurm erschütterst du nicht; du magst ihm mit Schlägen zusetzen, diesen Diamant verletzest du nicht. Denn darum heißt er langmüthig, weil er eine hohe und große Seele hat; denn lang heißt auch soviel als groß. Dieses Gut ist aber eine Frucht der Liebe, und bringt Denjenigen, die sie besitzen, großen Nutzen. Nenne mir da nicht die Verzweifelten, die dadurch noch schlimmer werden, daß man ihnen bei ihrem Unrecht nicht Gleiches mit Gleichem vergilt; denn daran ist nicht die Langmuth schuld, sondern der Mißbrauch, den sie davon machen. Nenne mir also nicht Diese, sondern die Bessern, welche daraus großen Nutzen ziehen; denn wenn sie Andern Unrecht thun, und sehen, daß der Beleidigte es ihnen nicht wieder vergilt, so bewundern sie seine Sanftmuth und ziehen daraus eine große Lehre der Weisheit.

[S. 570] Der Apostel begnügt sich aber nicht mit Diesem allein , sondern schildert auch ihre anderen Vorzüge, indem er fortfährt: „sie ist gütig.“ Weil es nämlich Menschen gibt, welche die Langmuth nicht zu ihrer eigenen Besserung gebrauchen, sondern um sich in ihrer Wuth an Denjenigen, von denen sie beleidiget worden, zu rächen: so sagt er: daß die Liebe an diesem Laster nicht kranke; und darum fügt er bei: „sie ist gütig.“ Denn die Liebenden fachen das Feuer des Zornes im Gegner nicht noch heftiger an, sondern suchen es zu dämpfen und auszulöschen, indem sie (die Beleidigungen) nicht nur großmüthig zu ertragen, sondern auch die Wunde des Zornes zu besänftigen und zu heilen bemüht sind.

„Sie eifert nicht.“ Es kann Jemand langmüthig, aber dabei eifernd (neidisch) sein; da verdirbt dann das Laster die Tugend; aber die Liebe fliehet auch dieses. „Sie prahlet nicht,“ d. h. sie ist nicht verwegen; denn sie macht den Liebenden klug, ernsthaft und gesetzt. Das Eifern ist eine Eigenschaft der schändlichen Liebe; wer aber die ächte Liebe besitzt, ist von all Dem vollkommen frei; denn ist im Innern kein Zorn vorhanden, so ist auch alle Unbescheidenheit und der Übermuth ferne; denn sitzt die Liebe im Innern des Herzens, so läßt sie, gleich einem vortrefflichen Landwirth, solche Dornen nicht aufkommen. „Sie bläht sich nicht auf.“ Wir sehen Viele, die sich auf diese Vorzüge viel einbilden, z. B. nämlich, daß sie nicht neidisch, nicht boshaft, nicht engherzig, nicht unbescheiden sind; denn das Laster wird nicht nur durch Reichthum und Armuth veranlaßt, sondern auch durch Handlungen, die von Natur gut sind. Aber die Liebe macht Alles vollkommen rein. Nun habe Acht! Der Langmüthige ist nicht immer ganz gütig; ist er nicht gütig, so ist das ein Fehler, und er läuft dann Gefahr, auf rachsüchtige Gedanken zu kommen. Darum bietet die Liebe das wahre Heilmittel dar, — die Güte (Milde), und bewahrt so die Tugend in ihrer Reinheit. Ferner wird der Gütige oft gleichgiltig: aber die Liebe steuert [S. 571] auch diesem Fehler; „denn die Liebe,“ heißt es, „prahlet nicht, bläht sich nicht auf.“ Der Gütige und Langmüthige wird oft übermüthig; allein die Liebe verhindert auch Dieses.

1: Sprichw. 14, 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger