Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Dreiunddreissigste Homilie.

VI.

Und was entgegnet nun Paulus? Er spannt das Netz noch weiter aus, und spricht: „Ich wünschte, daß nicht allein du, sondern alle Anwesenden Das würden, was ich bin, diese Bande ausgenommen.“1 Was sagst du, o Paulus: „Diese Bande ausgenommen?“ Was darfst du ferner dich noch zu sagen getrauen, wenn du dich der Bande schämest und sie fliehest, und zwar in Gegenwart eines so zahlreichen Volkes? Rühmst du dich derselben nicht überall in deinen Briefen, und nennest dich einen Gebundenen, und trägst aller Orten diese Kette herum, wie ein Diadem? Was ist denn geschehen, daß du jetzt mit den Banden Nichts zu thun haben willst? Ich selbst, will er sagen, verschmähe sie nicht, schäme mich ihrer nicht; sondern ich lasse mich nur zu ihrer Schwachheit herab: sie können es ja noch nicht fassen, warum ich mich derselben berühme. Von meinem Herrn aber bin ich belehrt worden, kein neues Stück auf ein altes Kleid zu setzen;2 darum habe ich diese Sprache geführt; denn unsere Lehre stand bei ihnen in üblem Rufe, und das Kreuz war ihnen verhaßt. Hätte ich nun auch noch die Bande hinzugethan, so wäre ihr Haß noch gestiegen. Darum wünschte ich die Bande weg, um leichter Eingang zu finden. Gebunden sein kam ihnen schimpflich vor, weil sie von Dem, was uns rühmlich erscheint, noch Nichts verkostet hatten. Darum muß man sich herablassen. Sobald sie aber die Weisheit (des Evangeliums) erkannt haben werden, dann werden sie auch die Schönheit dieser Ketten, den Glanz dieser Bande begreifen. Im Gespräche mit Andern nennt er es eine Gnade, und sagt: „Von Gott ist uns gnädig verliehen, nicht nur an ihn zu glauben, sondern [S. 584] auch für ihn zu leiden: „3 damals aber4 wünschte ich nur zu bewirken, daß sich die Zuhörer des Kreuzes nicht schämten. Er verfährt also ganz klug. Denn wer einen Andern in einen Palast führen will, läßt ihn zuerst die Propyläen beschauen, ehe er ihm das Innere zeigt. Erst wenn er vom Innern genaue Einsicht genommen, wird er auch das Äussere bewundern. So wollen auch wir mit den Heiden herablassend und liebevoll verfahren; denn die Liebe ist eine große Lehrerin: sie ist im Stande, vom Irrthume zu befreien, die Sitten zu mildern, zur Weisheit zu führen und aus Steinen Menschen zu machen. Und willst du die Macht derselben einsehen, so bringe mir einen furchtsamen und schüchternen Menschen, der sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet; oder einen wilden, zornmüthigen, der mehr einem wilden Thiere als einem Menschen gleicht; oder einen geilen und unzüchtigen, der von jeglichem Laster befleckt ist: und übergib ihn der Liebe, und führe ihn zu ihr in die Schule, und du wirft sehen, wie schnell dieser muthlose Feigling tapfer und muthig wird, und Alles ohne Schwierigkeit wagt. Und was dabei wunderbar ist: seine Natur wird dabei nicht geändert, sondern in eben dieser furchtsamen Seele zeigt die Liebe ihre Macht. Es ist gerade so, wie wenn Jemand ein bleiernes Schwert nicht in Eisen verwandelte, und doch mit diesem Blei die Wirkung eines eisernen Schwertes hervorvorbrächte. Betrachte: Jakob lebte zu Hause noch unerfahren, unkundig der Arbeit und Gefahr; er führte ein stilles, sorgenfreies Leben; gleich einer Jungfrau, die in ihrem Gemache verborgen bleibt, hütete er gewöhnlich das Haus, still und harmlos und fern von dem unruhigen Treiben des öffentlichen Lebens. Was nun? Als in ihm die Flamme der Liebe aufloderte, siehe, wie diese den Jüngling, der bisher unerfahren und an’s Haus gewöhnt war, tüchtig und arbeitsam [S. 585] machte! Vernimm Das nicht von mir, sondern vom Patriarchen selber; denn er sprach, als er dem Schwiegervater Vorwürfe machte: „Diese zwanzig Jahre war ich bei dir,“ — und wie er diese zwanzig Jahre verlebte, setzt er hinzu: „Bei Tage verzehrte mich die Hitze, und des Nachts der Frost; und der Schlaf floh von meinen Augen.“5 So sprach dieser zärtliche, an häusliche Stille und an ein ruhiges Leben gewöhnte Jüngling. Daß er aber wirklich furchtsam gewesen, erhellet daraus, daß er ob der Ankunft des Esau beinahe vor Schrecken starb. Sieh’ aber wieder andererseits, wie dieser Furchtsame durch die Liebe muthiger als ein Löwe geworden. Denn er stellt sich gleichsam als Vormauer vor die Andern, und war bereit, jenem Wilden und Mordschnaubenden, wie er sich ihn dachte, zuerst zu empfangen, und mit Gefahr seines eigenen Lebens seine Frauen zu schützen; er wollte zuerst und an der Spitze des Heeres Dem begegnen, vor dem er gezittert und sich gefürchtet hatte: die Liebe zu den Frauen überwand alle Furcht. Siehst du, wie der Furchtsame auf einmal kühn ward, nicht weil sich sein Wesen geändert, sondern weil ihn die Liebe gespornt. Daß er aber auch nachher noch furchtsam gewesen, erhellet daraus, weil er oft seinen Wohnort gewechselt. Jedoch Niemand soll Dieses also verstehen, als sei es eine Beschuldigung jenes Gerechten; denn furchtsam sein ist keine Sünde, weil es in der Natur liegt; wohl aber ist es Sünde, aus Furcht gegen die Pflicht handeln; es kann nämlich Jemand, der von Natur aus furchtsam ist, durch, Frömmigkeit tapfer und großmüthig werden. Wie aber? Floh nicht Moyses vor einem einzigen Ägypter und ging ins Ausland? Dennoch eilte dieser Flüchtling, den die Drohung eines einzigen Mannes verscheucht hatte, freiwillig und ohne jeglichen Zwang herbei, um mit dem geliebten Volke die Gefahren zu theilen, nachdem er die Süßigkeit der Liebe gekostet. „Wenn du ihnen die Sünde vergibst,“ [S. 586] — sprach er, — „so vergib sie; wenn nicht, so tilge auch mich aus deinem Buche, das du geschrieben hast.“6 Daß die Liebe den Rohen sanft, den Unzüchtigen keusch mache, dafür brauchen wir keine weiteren Beispiele anzuführen, denn es ist Jedem einleuchtend; mag auch Jemand wilder als ein rasendes Thier sein, durch die Liebe wird er zahmer als ein Lamm. Wer war wohl wilder und rasender als Saul? Da aber seine Tochter seinem Feinde zur Flucht verhalf, gab er ihr kein unwilliges Wort; er, der wegen David alle Priester hatte ermorden lassen, redete sie nicht einmal mit zornigen Worten an, als sie den David aus dem Hause entkommen ließ und eine solche List gegen den Vater ersann: etwas Mächtigeres hielt ihn zurück, nämlich die Liebe. Wie die Liebe sanft macht, so macht sie auch keusch; und wenn Jemand sein Weib so liebt, wie es sich ziemt, so wird er, wenn er auch noch so sehr zur Geilheit geneigt ist, aus Liebe zu seiner Gattin kein anderes Weib sehen wollen; „denn die Liebe,“ heißt es, „ist stark wie der Tod.“7 Die Unzucht hat also ihren Grund im Mangel an Liebe. Weil nun die Liebe die Urheberin aller Tugend ist, so laßt uns dieselbe in unser Herz pflanzen, damit sie uns viele Güter bringe, damit ihre Frucht beständig in uns reife und nimmer verwelke. Denn so werden wir auch die ewigen Güter erlangen, welche uns allen zu Theil werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem sammt dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre, Herrschaft und Ruhm jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 587]

1: Ebd. V. 29.
2: Matth. 9, 16.
3: Philipp. 1, 29.
4: D. h. vor jenem römischen Richterstuhle.
5: Gen. 31, 38 ff.
6: Exod. 32, 31.
7: Hoh. Lied 8, 6.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Fünfundzwanzigste ...
. Sechsundzwanzigste ...
. Siebenundzwanzigste ...
. Achtundzwanzigste Homi...
. Neunundzwanzigste Homi...
. Dreissigste Homilie. ...
. Einunddreissigste Homi...
. Zweiunddreissigste ...
. Dreiunddreissigste ...
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. . V.
. . VI.
. Vierunddreissigste ...
. Fünfunddreissigste ...
. Sechsunddreissigste ...
. Siebenunddreissigste ...
. Achtunddreissigste ...
. Neununddreissigste ...
. Vierzigste Homilie. ...
. Einundvierzigste Homilie. ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger