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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Dreiunddreissigste Homilie.

IV.

Wenn du mir aber entgegnest, daß dabei Jeder seinen eigenen Vortheil im Auge habe, so stimme ich dir bei, aber darum, weil Jeder in dem Vortheil des Andern den seinigen [S. 577] findet. Denn wenn der Soldat nicht für Denjenigen kämpft, der ihn ernährt, so hat er Niemand, der ihm die Nahrung verschafft; der Bürger hingegen wird an dem Krieger keinen Vertheidiger finden, wenn er ihn nicht ernährt. Siehst du, wie die Liebe sich über Alles erstreckt und überall wirkt? Doch du darfst nicht ermüden, diese ganze goldene Kette zu schauen. Denn nach den Worten: „sie sucht nicht das Ihrige;“ schildert er wieder das Gute, welches hieraus erwächst. Und welches sind diese Güter? „Sie wird nicht erbittert, sie denkt nichts Arges.“ Da siehst du abermal, wie die Liebe nicht nur über das Böse siegt, sondern es nicht einmal aufkommen läßt; denn es heißt nicht: sie wird zwar erbittert, besiegt aber die Erbitterung, sondern: sie wird nicht einmal erbittert. Auch heißt es nicht: sie thut nichts Arges, sondern: sie denkt nicht einmal Arges. Nicht nur thut sie dem Geliebten nichts Böses, sie läßt es sich nicht einmal in den Sinn kommen. Wie sollte sie Böses thun, wie sollte sie sich erbittern lassen, da sie nicht einmal einem argen Verdachte Raum geben will? Und Das ist doch die Quelle der Liebe.

6. Sie hat nicht Freude am Unrecht,

d. h. sie freut sich nicht, wenn Andern Unrecht geschieht, sondern, was noch mehr ist, „sie hat Freude an der Wahrheit:“ sie freut sich mit Denen, die in gutem Rufe stehen. Das nennt Paulus: „Sich freuen mit den Fröhlichen, und weinen mit den Weinenden.“1 Darum eifert sie auch nicht und bläht sich nicht auf, denn das Glück Anderer sieht sie als ihr eigenes an. Siehst du, wie die Liebe ihren Zögling allmälig zum Engel macht? Denn wenn er von Erbitterung ferne, von Mißgunst rein, und von jeder tyrannischen Leidenschaft frei ist: so denke, daß er über die menschliche Natur erhaben und zur Leidenschafts- [S. 578] losigkeit der Engel gelangt sei. Jedoch der Apostel begnügt sich damit noch nicht, sondern er hat noch etwas Gewichtigeres als dieses zu sagen; denn das Wichtigste setzt er zuletzt; darum sagt er:

7. Sie bedeckt2 Alles.

Mit Langmuth und Milde duldet sie Lästiges und Beschwerliches, Schimpf und Schläge und Alles, ja selbst den Tod. Das kann man wieder an dem seligen David ersehen. Denn was ist für einen Vater wohl schmerzlicher, als sehen zu müssen, daß der eigene Sohn sich wider ihn auflehnt, nach der Herrschaft strebt, und nach dem Blute des Vaters dürstet? Aber auch Dieses bedeckte der heilige Mann, und duldete kein hartes Wort gegen den Vatermörder, sondern gab den Feldherren Befehl, seines Lebens zu schonen, während er ihnen sonst Alles erlaubte; denn seine Liebe war gar tief gegründet. Darum „bedeckt sie auch Alles;“ womit der Apostel auf ihre Macht, im Folgenden aber auf ihre Vortrefflichkett hinweist: „Sie hofft Alles, sie glaubt Alles, sie erträgt Alles.“ Was heißt Das: „sie hofft Alles?“ Es heißt: sie hofft alles Gute von dem Geliebten und gibt die Hoffnung nicht auf; und wenn er auch schlecht ist, so hört sie nicht auf, ihn zurecht zu weisen, sich seiner anzunehmen, für ihn zu sorgen. „Sie glaubt Alles“: sie hofft nicht nur, will er sagen, sondern, weil sie sehr liebt, glaubt sie auch Alles, wenngleich das Gute, was sie gehofft, nicht erfolgt ist; ja ist auch der Geliebte ihr lästig, — sie duldet es, „denn sie erträgt Alles.“

8. Die Liebe verfällt nie (hört nicht auf).

Siehst du, welche Krone Paulus der Liebe aufsetzt und ihr damit den höchsten Vorzug verleiht? Denn was will [S. 579] es sagen: „Die Liebe verfällt nie?“ sie wird nicht zertheilt, nicht aufgelöst dadurch, daß sie (Alles) erträgt; denn sie umfaßt Alles. Was dem Liebenden auch immer begegnet, — er ist des Hasses nicht fähig; und das ist der höchste Vorzug der Liebe. Ein solcher Mann war Paulus, welcher darum auch sprach: „Ob ich etwa zum Eifern anlege mein Fleisch,“3 und in dieser Hoffnung verharrte er. Und den Timotheus ermahnte er mit den Worten: „Ein Diener des Herrn aber darf nicht streiten, sondern milde muß er sein gegen Alle, die Widerstrebenden mit Sanftmuth zurecht weisen, ob ihnen nicht Gott Sinnesänderung verleihe zur Erkenntniß der Wahrheit.“4 Wie aber, wird man entgegnen, wenn sie Feinde und Heiden sind, soll man sie nicht hassen? Hassen darf man wohl ihre Lehre, nicht aber die Menschen; hassen die böse That, den verderbten Sinn, nicht die Person; denn der Mensch ist Gottes Werk, der Irrthum aber das Werk des Teufels. Vermische also nicht, was Gottes und was des Teufels ist. Die Juden lästerten, verfolgten und beschimpften Jesum, und redeten ihm vielerlei Böses nach: hat sie darum Paulus, der Christum am meisten liebte, gehaßt? Mit nichten! vielmehr liebte er dieselben und that Alles für sie. Einmal sagt er: „Mein Wunsch und Gebet zu Gott betrifft ihr (der Israeliten) Heil;“5 ein anderes Mal: „Ich wünschte für sie Bann-Opfer zu sein, hinweg von Christus.“6 So sprach auch Ezechiel, als er sie hinmorden sah: „Ach Herr! vertilgst denn du die Überbleibsel von Israel?“7 Und Moses: „Vergibst du ihnen ihre Sünden, so vergib!“8 Was sagt denn David? „Ich hasse, Herr! die dich hassen, ich verabscheue deine Feinde, vollkommen haß’ ich sie.“9 Und doch spricht David, was er sagt, nicht Alles in Bezug auf seine Person; denn er sagt ja: „Ich wohnte bei den Gezelten [S. 580] Kedar’s;“10 und: „An Babylons Flüssen saßen wir und weinten;“11 und doch hat er weder Babylon gesehen, noch Kedar’s Gezelte. Übrigens wird auch von uns jetzt ein größeres Maß von Tugend erfordert. Darum antwortete Christus den Jüngern, die da wünschten, daß wie zu Seiten des Elias Feuer vom Himmel falle: „Ihr wisset nicht, wessen Geistes Kinder ihr seid.“12

1: Röm. 12, 15.
2: Πάντα στέγει.
3: Röm. 11, 14.
4: Tim. 2, 24. 25.
5: Röm. 10, 1.
6: Ebd. 9, 3.
7: Ezech. 9, 8.
8: Exod. 32, 31.
9: Ps. 138, 21.
10: Ps. 119, 15.
11: Ebd. 136, 1.
12: Luk. 9, 55.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger