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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Einunddreissigste Homilie.

IV.

Wir alle wollen nun Dieses erwägen und die Liebe dieser Glieder nachahmen, nicht aber das Gegentheil thun, indem wir über das Unglück des Nächsten spotten und ihn in seinem Glücke beneiden; denn das verriethe Wahnsinn und Raserei. Denn wer sich ein Auge ausreißt, zeigt ja ganz klar, daß er wahnsinnig sei, und wer sich eine Hand abreißt, liefert den Beweis einer offenbaren Raserei. Wenn aber Dieses von den Gliedern gilt, so verdient es ebensowohl den Namen des Wahnsinns, wenn es gegen Brüder geschieht, und stiftet nicht geringes Verderben. So lange der Mitbruder leuchtet, erglänzt auch deine Gestalt, und dein ganzer Körper wird dadurch verherrlicht; denn er schmückt sich nicht allein, sondern verherrlicht auch dich. Wenn du aber ihn auslöschest, so verfinsterst du den ganzen Körper und bringst Unheil über alle Glieder; gleichwie du hinwieder den ganzen Körper in seiner Schönheit erhältst, wenn du ihn in seinem Glanze belassest. Niemand sagt ja: „Das Auge ist schön,“ sondern: „Diese oder Jene ist schön;“ wird auch das Auge gerühmt, so geschieht Dieses erst nach dem allgemeinen Lobe des Ganzen. So geschieht es auch in der Kirche. Denn gibt es einige Glieder, die eines hohen Rufes genießen, so erntet das Ganze den Ruhm; denn die Feinde trennen die Lobsprüche nicht, sondern vereinigen sie, und wenn Einer durch Beredsamkeit [S. 539] glänzt, so rühmen sie nicht ihn allein, sondern die gesammte Kirche. Denn sie sagen nicht bloß: „Das ist ein wunderbarer Mann,“ sondern was? „Die Christen haben einen wunderbaren Lehrer,“ und machen so die Sache gemeinschaftlich. Die Heiden verbinden die Glieder; du aber, trennst sie und führst Krieg gegen deinen Leib und bekämpfst deine eigenen Glieder? Weißt du nicht, daß dadurch Alles zerstört wird? „Denn ein Reich,“ heißt es, „das in sich selber getheilt ist, wird nicht bestehen.“1 Nichts aber stiftet mehr Trennung und Zwist als Mißgunst und Neid, diese böse Krankheit, die gewissermaßen noch unverzeihlicher und schlimmer ist, als die Habsucht, die Wurzel alles Bösen. Denn der Geizhals freut sich dann, wenn er Etwas empfängt, der Neidische aber erfreut sich nicht, wenn er Etwas erhält, sondern wenn ein Anderer Nichts empfängt; denn nicht seinen eigenen Wohlstand, sondern das Unglück Anderer sieht er als sein eigenes Glück an. Was ist wohl rasender als ein solcher Mensch, der als allgemeiner Feind des Menschengeschlechtes umherschleicht und die Glieder Christi verwundet? Der Teufel beneidet wohl auch, aber die Menschen, allein keinen der Teufel; du aber, ein Mensch, beneidest die Menschen, stellst deinem eigenen Geschlechte nach, was nicht einmal der Teufel thut. Wie unverzeihlich! Welche Vergebung verdienst du wohl, der du zitterst und erblassest, wenn du siehst, daß es deinem Bruder wohl ergehet, da du dich darob bekränzen, dich freuen und frohlocken solltest? Willst du mit ihm aber wetteifern, so verbiete ich Das nicht; wetteifere nur, aber thue es nur, um dich ihm gleich in guten Ruf zu versetzen; nicht um ihn hinabzudrücken, sondern um dich zur gleichen Höhe aufzuschwingen, und gleiche Tugend zu zeigen wie Jener. Das ist ein löblicher Wetteifer, ihm nachahmen, nicht aber ihn bekriegen, nicht über sein Glück Schmerzen empfinden, sondern über das eigene Unglück sich grämen. Der Neid thut [S. 540] gerade das Gegentheil: er übersieht sein eigenes Unglück, und härmt sich ab über das Glück Anderer. Denn auch dem Armen thut die eigene Noth nicht so wehe, als der Reichthum des Nächsten; gibt es wohl etwas Schlimmeres? Hierin ist, wie ich schon oben gesagt, der Neidische verdammlicher als der Geizhals; denn dieser freut sich doch, wenn er Etwas gewinnt; jener aber hat seine Freude daran, wenn der Nächste leer ausgeht. Darum bitte ich euch, diesen bösen Weg zu verlassen und euch jenem schönen Wetteifer zuzuwenden, (denn dieser ist heftig und brennender als jegliches Feuer), damit ihr daraus großen Gewinn ziehen könnet. So hat auch Paulus die Juden für den Glauben zu gewinnen gesucht, indem er sprach: „Ob ich etwa zum Eifern anrege mein Fleisch,2 und erretten möge Einige aus ihnen.3 Wer nämlich so wetteifert, wie Paulus es will, der härmt sich nicht, wenn er sieht, wie der Nächste geehrt wird, sondern, wenn er sieht, daß er hinter demselben zurückbleibt. Nicht so der Neidische: Dieser grämt sich, wenn er sieht, daß dem Andern Alles gelingt; er gleicht einer Drohne, die fremde Arbeit verzehrt; er selbst will nie aufstehen, weint aber, wenn er einen Andern dastehen sieht, und versucht Alles, um ihn zum Falle zu bringen. Womit soll man diese Leidenschaft vergleichen? Mir kommt die Sache vor, wie wenn ein träger und durch seine Feistigkeit schwerfälliger Esel mit einem feurigen Roße zusammengespannt, selbst nicht aufstehen will, sondern noch dazu durch seine fleischige Last das Pferd zu Boden zu ziehen bemüht ist. Denn auch der Neidische denkt und sinnet nicht nach, wie er diesen tiefen Schlaf überwinde, und setzt als ein genauer Nachahmer des Teufels, Alles daran, um Den, der sich zum Himmel aufschwingt, in seinem Fluge zu lahmen und nieder zu ziehen. Denn auch der Teufel, wie er den [S. 541] Menschen im Paradiese sah, bemühte sich nicht, sich selber zu bessern, sondern jenen aus dem Paradiese zu vertreiben; und da er jetzt sieht, wie der Mensch im Himmel wohnt, und wie Andere sich hinzudrängen, so sinnt er auf ähnliche List und stellt Denjenigen nach, die dem Himmel zu eilen, und bereitet dadurch sich eine größere Strafe. Und so geht es allüberall: Denn der Beneidete, wenn er weise ist, gewinnt größeren Ruhm; der Neider aber häuft sich größere Strafe. So wurde auch Joseph beühmt, so Aaron der Priester; denn die Nachstellungen der Neider gaben Anlaß, daß Gott jenem wiederholt den Vorrang zuerkannte, und daß Aaron’s Stab grünte. So ward Jakob reich und in Allem gesegnet. So verstricken sich die Neidischen in tausendfältiges Unglück.

Da wir nun alles Dieß wissen, so lasset uns den Neid fliehen! Denn sage mir, warum beneidest du doch deinen Bruder? Etwa, weil er einen geistigen Vorzug empfing? Von wem, sage mir, hat er denn diesen empfangen? Nicht von Gott? Du kehrst also deinen Haß gegen Den, der die Gnade gespendet. Siehst du, wo dieses Übel hinaus will, welche Last von Unheil es bringt, in welchen Abgrund des Verderbens es stürzt? Lasset uns also, Geliebte, diese Leidenschaft fliehen, seien wir selber nicht neidisch, sondern lasset uns für die Neidischen beten und alles Mögliche thun, um ihre Leidenschaft zu ersticken; lasset uns nicht die Thoren nachahmen, die eben dadurch, daß sie sich an Andern rächen wollen, Alles thun, ihr Feuer noch mehr zu entzünden. Nicht also wir, sondern wir wollen weinen und sie beklagen. Denn eben sie leiden dabei, indem sie einen Wurm in sich tragen, der beständig ihr Herz benagt, und (in sich) eine Giftquelle sammeln, bitterer als Galle. Bitten wir also den barmherzigen Gott, sowohl daß er ihren Sinn ändere, und uns von dieser Krankheit bewahre. Denn der Himmel ist unzugänglich für Den, welcher an diesem Krebsschaden leidet; ja schon das gegenwärtige Leben (eines Solchen) ist unerträglich. Denn ärger als die Schabe in [S. 542] der Wolle und der Wurm im Holze nagt der Neid am Gebein und zerstört die Nüchternheit der Seele. Damit wir nun uns und Andere von unzähligen Übeln bewahren, so lasset uns dieses verderbliche Fieber, ärger als Beinfraß, vertreiben, damit wir in verjüngter Kraft des Geistes den Kampf hienieden bestehen und die künftigen Kronen erlangen, die uns allen zu Theil werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesu Christi, dem sammt dem Vater und dem heiligen Geiste sei Ehre, Herrschaft und Ruhm, jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 543]

1: Matth. 12, 25.
2: D. i. „Die Juden, die immer noch meine Stammgenossen sind gemäß leiblicher Geburt.“ Vgl. Röm. 9, 3.
3: Röm. 11, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger