Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Einunddreissigste Homilie.

II.

Darauf sagt er, um dabei stehen zu bleiben:

24. Das Anständige aber an uns bedarf Nichts.

Damit nämlich Niemand einwenden möchte: „Aus welchem Grunde vernachlässigt man die Glieder, die uns wohl anstehen, und schmücket die unansehnlichern?“ sagt er: Wir thun Dieses nicht aus Verachtung, sondern weil jene des Schmuckes ja nicht bedürfen. Sieh, wie er hier mit wenigen Worten sehr zweckdienlich den hohen Werth (dieser Glieder) angibt, ja, damit nicht zufrieden, auch noch die Ursache beifügt mit den Worten: „Jedoch Gott hat den Leib ausgeglichen, da er Demjenigen, welchem es gebrach, reichlichere Ehre verlieh,“

25. damit nicht Spaltung sei in dem Leibe.

Wenn aber (Gott den Leib) ausgeglichen hat, so wollte er, daß die unedleren Theile nicht sichtbar würden; denn was unter einander ausgeglichen oder vermischt wird, wird eins, und es erscheint nicht mehr in seiner alten Gestalt; ja man kann es nicht einmal als etwas Ausgeglichenes bezeichnen. Siehe, wie Paulus das Fehlerhafte beständig umgeht, indem er sagt: „Demjenigen, welchem es gebrach.“ Er sagt nicht: dem unanständigen und schmählichen (Theile), sondern: „Demjenigen, welchem es gebrach.“ [S. 533] Dem es gebrach? Wie denn? In Bezug auf die Natur. „Indem er (ihr) reichlichere Ehre verlieh.“ Warum? „Damit nicht Spaltung sei in dem Leibe.“ Denn da auch Diejenigen, die unzählige Vortheile genossen, dennoch sich grämten, als wären sie (Andern) nachgesetzt, so zeigt er, daß ihnen größere Ehre zugetheilt geworden. „Da er Demjenigen, welchem es gebrach, reichlichere Ehre verlieh,“ sagt er. Darauf gibt er die Ursache an und zeigt, daß Gott es sehr zweckmäßig also gefügt, daß diese Theile bedürftiger und mit größerer Ehre begabt seien. Und welches ist diese Ursache? „Damit,“ sagt er, „nicht Spaltung sei in dem Leibe.“ Er sagt nicht: In den Gliedern, sondern: „Im Leibe.“ Denn der Abstand wäre gar zu bedeutend, wenn der eine Theil von der Natur und durch Unsere sorgfältige Pflege besonders ausgezeichnet, der andere hingegen von beiden vernachlässigt wäre: sie würden sich dann von einander trennen und in keiner Verbindung bestehen können; diese Trennung aber würde auch den übrigen Gliedern, zum Verderben gereichen. Siehst du, wie er beweist, daß den bedürftigen Theilen nothwendig größere Ehre zugewiesen sei? Denn wäre Das nicht der Fall, sagt er, so würde daraus ein allgemeines Verderben aller Glieder entstanden sein. Denn hätten wir dieselben nicht mit vieler Sorgfalt gepflegt, so würden sie, weil von der Natur mehr verwahrlost, Schaden gelitten haben; durch diesen Schaden würden sie aber zerstört worden sein, und hätten so Unordnung in den Körper gebracht; durch diese Unordnung wäre dann der Untergang viel edlerer Theile herbeigeführt worden. Siehst du, wie die Sorgfalt für die einen von der Sorgfalt für die andern abhängt? Denn das Dasein liegt micht so in ihrer Natur, wie das Einssein im Körper. Daher kann die Gesundheit der einzelnen Glieder Nichts helfen, wo der Körper zu Grunde geht. Bleibt das Auge oder die Nase unversehrt, so dienen sie zu keinem Gebrauche mehr, sobald das gemeinschaftliche Band aufgelöst ist. Sind sie aber verletzt? und es bleibt dieses Band, so dienen sie ferner und werden bald wieder heil. Aber es möchte Jemand er- [S. 534] erwidern: Dieß gilt wohl in Bezug auf den Körper, daß die unansehnlicheren Theile größere Ehre haben; wie aber mag Das an den Menschen offenbar werden? An dem Menschen kann man Dieses ganz vorzüglich sehen; denn Jene, welche um die eilfte Stunde kamen, erhielten ihren Lohn zuerst; und wegen eines verirrten Schafes verließ der Hirt die neunundneunzig, um dem einen nachzugehen und trug es heim, anstatt es zu verlassen; der verlorene Sohn wurde mit größerer Ehre empfangen als Derjenige, der sich rechtschaffen aufgeführt hatte, und der Schächer wurde von den Aposteln gekrönt und gerühmt. Ebenso geschah es, wie du weißt, mit den Talenten; denn Derjenige, welcher die fünf, und der Andere, der die zwei Talente empfangen, wurden dergleichen Ehre gewürdigt, und eben darum, daß Dieser nur zwei Talente erhielt, war für ihn viel besser gesorgt. Denn hätte er fünf Talente empfangen und wäre nicht im Stande gewesen, sie zu verwalten, so wäre er um Alles gekommen; da er aber nur zwei empfangen und sie gut verwendet hatte, erhielt er denselben Lohn wie Jener, dem fünf anvertraut waren; ja sein Lohn war um so größer, da er durch geringere Anstrengung dieselbe Belohnung empfing. Und dennoch war auch er ein Mensch wie der mit den fünf Talenten; aber der Herr verfährt mit ihm nicht nach der ganzen Strenge und fordert von ihm nicht so Viel, als von seinem Mitknechte; er sagt nicht: Warum kannst du keine fünf Talente daraus machen? — Er hätte Das mit Fug sagen können, — sondern er belohnet auch ihn.

Da ihr Dieses nun wisset, ihr, die ihr höher begabt seid, so beschimpfet nicht die Minderbegabten, damit ihr nicht euch selbst mehr schadet als ihnen; denn trennen sich jene von euch, so geht der ganze Körper zu Grunde. Denn was ist der Körper anders, als die Vereinigung der vielen Glieder? wie auch der Apostel sagt: „Der Leib ist nicht ein einziges Glied, sondern viele.“1 Wenn also Das der [S. 535] Körper ist, so lasset uns auch Sorge tragen, daß die vielen Glieder viele bleiben; werden diese nicht erhalten, so wird den vorzüglichern selbst eine tödtliche Wunde geschlagen. Darum fordert er auch, daß sie sich von einander nicht nur nicht trennen, sondern sich mit einander innigst verbinden. Denn nachdem er gesagt: „Damit nicht Spaltung sei in dem Leibe,“ fügt er, damit noch nicht zufrieden, hinzu, „sondern die Glieder für einander gleichmäßig sorgen.“ Damit gibt er wieder einen andern Grund an, warum die unansehnlicheren Glieder eine größere Ehre erhalten. Gott hat es also gefügt, nicht allein, daß sich die Glieder von einander nicht trennen, sondern daß unter ihnen große Liebe und Übereinstimmung herrsche. Wenn das Wohlergehen eines jeden Gliedes vom Wohlergehen des nächstgelegenen abhängt, so nenne mir nicht mehr die Worte mehr oder weniger; denn hier gibt es kein Mehr und kein Weniger. So lange der Körper fortbesteht, kann man den Unterschied bemerken, nicht mehr aber, wenn er zu Grunde gerichtet ist; er wird aber zu Grunde gehen, wenn die unansehnlicheren Glieder nicht bewahrt werden.

1: V. 14.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Dreiundzwanzigste Homi...
. Vierundzwanzigste Homi...
. Fünfundzwanzigste ...
. Sechsundzwanzigste ...
. Siebenundzwanzigste ...
. Achtundzwanzigste Homi...
. Neunundzwanzigste Homi...
. Dreissigste Homilie. ...
. Einunddreissigste Homi...
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. Zweiunddreissigste ...
. Dreiunddreissigste ...
. Vierunddreissigste ...
. Fünfunddreissigste ...
. Sechsunddreissigste ...
. Siebenunddreissigste ...
. Achtunddreissigste ...
. Neununddreissigste ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger