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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Dreissigste Homilie.

I.

22. Denn gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder aber des Leibes, wiewohl sie viele sind, dennoch ein Leib sind, so auch Christus.

I. Nachdem Paulus sie durch die Bemerkung getröstet, daß die Gnadengabe ein Gottesgeschenk sei, daß ein und derselbe Geist Allen mittheile, daß Jedem zu seinem Nutzen gegeben werde, daß auch in den geringen Gaben der Geist offenbar werde; nachdem er sie zum Schweigen gebracht durch die Lehre, daß man dem Geiste gehorchen müsse („denn Dieß alles,“ spricht er, „wirkt ein und derselbe Geist, indem er den Einzelnen mittheilt, so wie er es will,“ weßhalb man auch nicht vorwitzig darüber nachgrübeln darf): so tröstet er sie nun weiter durch ein anderes allgemeines Beispiel, das er nach seiner Gewohnheit aus der Natur nimmt. Denn als er über den Haarwuchs der Männer und Frauen redete, bediente er sich nebst anderen auch dieses Mittels zu ihrer Belehrung, indem er spricht: „Lehrt euch nicht selbst die Natur, daß, wenn ein Mann das Haar lang trägt, es ihm Unehre ist; wenn aber das Weib das [S. 514] Haar lang trägt, es ihr zur Zierde gereicht?“1 Und als er von den Götzenopfern sprach und dieselben zu berühren verbot, so bekräftigte er Dieses durch Beispiele aus der heidnischen Welt, indem er die olympischen Spiele erwähnt und sagt: „Die in der Rennbahn laufen, laufen zwar Alle, Einer aber erlanget den Kampfpreis,“2 und zeigte Dieses an dem Beispiele der Hirten, der Krieger und Landleute. So stellt er auch hier ein allgemeines Beispiel auf, wodurch er sich bestrebt, zu beweisen, daß Keiner hintangesetzt sei, und — was wunderbar und auffallend ist — er weiß nämlich durch Das, was er vom Körper sagt, die Sache so darzustellen, daß darin auch die Schwächeren Ermunterung finden; denn Nichts tröstet und erbebt den Niedergeschlagenen und minder Beglückten so sehr, als wenn er vernimmt, daß er Andern keineswegs nachsteht. Darum sucht er Dieses zu zeigen, indem er spricht: „Denn gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat.“ Siehst du da seinen scharfen Verstand? Er zeigt, daß Dasselbe Eines und Vieles sei. Darum fügt er bei, indem er auf die Thesis noch tiefer eingeht: „Alle Glieder aber des Leibes, wiewohl sie viele sind, sind dennoch ein Leib.“ Er sagt nicht: Wiewohl es viele Glieder sind, so gehören sie einem Körper an, sondern: sie sind ein Ganzes; es gibt der Glieder viele, und die vielen Glieder machen das eine Ganze aus. Wenn nun aber die vielen Glieder eins sind und das eine Ganze viele Glieder hat, wo ist da der Unterschied? Welches ist größer, welches kleiner? Alle sind eins, und wenn man sie im Allgemeinen betrachtet, so wird man finden, daß sie eins sind, weil sie einen Körper bilden. Betrachtet man sie aber theilweise, so sind sie verschieden und zwar alle: denn keines derselben kann für sich allein einen Körper ausma- [S. 515] chen, sondern jedes ist in Bezug auf den Körper mangelhaft und bedarf der Verbindung; denn wenn viele in eins verbunden sind, dann bilden sie einen Körper. Darauf deutet er hin mit den Worten: „Alle Glieder aber des Leibes, wiewohl sie viele sind, sind dennoch ein Leib.“ Er sagt nicht: welche größer, und welche kleiner sind, sondern: „wiewohl sie viele sind,“ was allen gemeinschaftlich ist. Wie können sie aber einen Leib bilden? Dieß findet man, wenn man den Körper betrachtet, ohne auf die Verschiedenheit der Glieder zu sehen; denn das Auge ist, insofern es ein Glied ist und den Körper bilden hilft, eben soviel als der Fuß. Man kann nicht behaupten, das eine bilde schon an sich einen Körper, das andere aber nicht; denn hierin sind sie alle gleich, weil sie alle ein Körper sind. Nachdem er Dieses nach dem einstimmigen Urtheil Aller deutlich gezeigt hat, fügt er hinzu: „so auch Christus“. Er hätte eigentlich sagen sollen: so auch die Kirche (denn Das war folgerichtig); Das sagt er nun nicht, sondern setzt dafür „Christus“, um so den Eindruck seiner Rede zu steigern und die Zuhörer mehr zu beschämen. Er will damit sagen: So verhält es sich auch mit dem Leibe Christi, welcher die Kirche ist. Denn gleichwie der Leib und das Haupt einen Menschen ausmachen, so, sagt er, sei auch Christus und die Kirche eins. Darum setzte er auch statt der Kirche „Christus“ und nannte sie so seinen Leib. Gleichwie nun unser Leib eins ist, sagt er, obwohl er aus vielen Gliedern besteht, so machen wir in der Kirche, obwohl Viele, doch nur einen Leib aus. Denn obgleich dieselbe aus vielen Gliedern besteht, so machen doch die vielen nur einen Körper aus. Nachdem er nun Diejenigen, die sich zurückgesetzt glaubten, durch dieses allgemeine Beispiel getröstet und aufgerichtet hat, wendet er sich von dieser gemeinschaftlichen Verbindung zu einem Hauptgegenstande geistiger Art, woraus sich mehr Trost schöpfen und die Gleichheit der Ehre besser nachweisen läßt. Was ist das für einer?

[S. 516] 13. Denn in einem Geiste, sagt er, sind wir alle zu einem Leibe getauft worden, gleicheviel ob Juden oder ob Heiden, ob Knechte, ob Freie.

Das heißt: Es ist ein Geist, der da bewirkt, daß wir einen Leib bilden, und der uns wiedergeboren hat; denn es ist nicht etwa der Eine in diesem, der Andere in einem andern Geiste getauft worden. Es ist aber nicht nur ein Geist, der uns getauft hat, sondern es ist auch eins, worauf, das heißt wozu er uns getauft hat. Denn wir sind nicht getauft worden, damit wir verschiedene Körper ausmachen, sondern daß wir alle unter einander genau die Einheit des Körpers bewahren, d. h. dazu sind wir getauft worden, auf daß wir alle einen Leib ausmachen sollen.

1: I. Kor. 11, 14. 15.
2: Ebend. 9, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger