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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Dreissigste Homilie.

IV.

Willst du aber auch sehen, wie die Wirksamkeit dadurch gehemmt wird, so nimm nur einen Finger weg, und du wirst finden, daß auch die übrigen erschlaffen und fürder nicht mehr in gleicher Weise ihren Dienst leisten. Da nun der Verlust eines Gliedes eine allgemeine Häßlichkeit verursacht und die Erhaltung desselben zur allgemeinen Schönheit beiträgt, so lasset uns weder hochmüthig werden noch den Nächsten verspotten; denn durch jenes unansehnliche Glied ist auch das größere schön und ansehnlich, und die Wimpern dienen dem Auge zur Zierde. Wer also mit dem Bruder streitet, der kämpft gegen sich selber; denn der Schaden trifft nicht nur den Bruder, sondern auch der Streitende erleidet dadurch keinen geringen Verlust. Damit also Das nicht geschehe, lasset uns nicht nur für uns sorgen, sondern auch für unsere Brüder! Lasset uns nun Das, was bildlich vom Körper gesagt worden, auf die Kirche anwenden und für Alle, als wären es unsere eigenen Glie- [S. 523] der, besorgt sein. Denn auch in der Kirche gibt es vielerlei und verschiedene Glieder; die einen sind vorzüglicher, die andern minder ansehnlich. So gibt es Chöre von Jungfrauen, Schaaren von Wittwen und wieder Andere, die in keuscher Ehe leben; es gibt eben vielerlei Stufen von Tugenden. So ist es auch in Betreff der Wohlthätigkeit; denn der Eine hat sich von Allem losgesagt; Andere begnügen sich mit dem Nothwendigen und verlangen Nichts weiter, als was unentbehrlich ist; Andere geben von ihrem Überflusse, und doch helfen sich diese alle unter einander, und wenn der Größere den Kleineren verachtet, so schadet er sich selber am meisten; denn wenn eine Jungfrau einer Verheiratheten mit Geringschätzung begegnet, so beraubt sie sich eines großen Theiles ihrer Belohnung; und wenn Derjenige, welcher sein ganzes Vermögen verschenkt hat, einen Andern, welcher Dieses nicht gethan, lästert, so verliert er viel von seinem eigenen Werke. Doch was rede ich von Jungfrauen und Wittwen und Solchen, die auf alles Eigenthum verzichten? Was ist geringer als die Bettler? Und doch sind diese der Kirche sehr nützlich; an den Pforten des Tempels lagernd, geben sie der Kirche das größte Ansehen, und ohne sie erschiene die Kirche nicht in ihrer ganzen Vollendung. Dieses sahen die Apostel gleich Anfangs und gaben, wie in allem Andern, so auch in Bezug auf die Wittwen eine eigene Satzung, und die Sache war ihnen so angelegen, daß sie für dieselben sieben Diakonen aufstellten. Denn gleichwie ich unter den Gliedern der Kirche Bischöfe, Priester, Diakonen, Jungfrauen und Enthaltsame zähle, so finde ich auch Wittwen. Und sie verwalten auch kein geringes Amt; denn du kommst nach Belieben zur Kirche, diese aber sind Tag und Nacht zugegen und singen Psalmen, und Das thun sie nicht nur der Almosen wegen; denn geschähe es darum, so stünde es ihnen ja frei, auf dem Markte und in den Straßen zu betteln; aber sie thun es aus großer Frömmigkeit. Betrachte nun, in welch drückender Armuth sie leben; dennoch wirst du nie hören, daß sie lästern oder sich beschweren, [S. 524] wie Das manche reiche Wittwen zu thun pflegen. Einige von ihnen gehen oft hungrig zu Bette, andere werden von beständiger Kälte geplagt, und doch verharren sie in Dankgebeten und Lobgesängen. Gibt man ihnen einen Heller, so danken sie und wünschen dem Geber alles erdenkliche Gute; und gibt man ihnen Nichts, so werden sie nicht aufgebracht, sondern segnen und sind zufrieden mit dem täglichen Brode. „Ja, sagst du, sie müssen es ertragen, wenn sie es auch nicht wollen.“ Und warum? sage mir; warum hast du dieses harte Wort gesprochen? Gibt es denn nicht schlechte Künste, die den Greisen und alten Frauen Gewinn bringen könnten? Könnten nicht auch diese, wollten sie unehrlich leben, darin ein reichliches Auskommen finden? Siehst du nicht, wie Viele in diesem Alter Kuppler und Hurenwirthe geworden oder durch andere schlechte Dienste sich nähren und schwelgen? Nicht so diese; lieber würden sie Hungers sterben, als ihr Leben mit Schande bedecken und ihr Seelenheil auf das Spiel setzen; den ganzen Tag sitzen sie da und bereiten dir Heilmittel. Kein Arzt, der seine Hand ausstreckt und die faulen Theile der Wunde mit dem Messer wegschneidet, ist zu vergleichen mit dem Armen, der seine Hand zum Empfang eines Almosens ausstreckt und die Geschwulst der Wunde beseitigt; und zwar gelingt, was zu verwundern ist, diese herrliche Kur ohne jeglichen Schmerz. Und jener Arme, der da vor der Kirchtthüre sitzt, predigt durch sein Schweigen, durch seinen Anblick eben so rührend als wir, die Vorsteher, die wir euch lehren, was zum Heile gereicht. Denn tagtäglich rufen wir euch zu: Sei nicht aufgeblasen, o Mensch! Vergänglich und wandelbar ist das Wesen des Sterblichen; die Jugend eilt zum Alter, die Schönheit wird häßlich, die Kräfte erschlaffen, die Ehre wird zur Schmach, die Gesundheit geht über in Krankheit, der Ruhm in Verachtung, der Reichthum in Armuth. Was wir besitzen, gleicht einem reissenden Strome, der nirgends verweilt, sondern der Tiefe zurollt.

[S. 525] Eben Dasselbe und noch mehr lehren Diese durch ihren Anblick und durch die Erfahrung, welche eine weit bessere Lehrmeisterin ist. Wie Viele von Denen, die draussen sitzen, waren in ihrer Jugend in blühendem Glückszustande und haben große Thaten verrichtet? Wie Viele, die jetzt häßlich aussehen, übertrafen manche Andere an Stärke und Schönheit? Haltet Das nicht für unglaublich und spottet nicht darüber; denn das Leben ist voll von zahllosen Beispielen ähnlicher Art. Denn wenn Manche von geringer und armer Herkunft oft Könige wurden, was Wunder, wenn große und ruhmgekrönte Männer in Niedrigkeit und Armuth berabsinken? Und doch ist Jenes weit wunderbarer und außerordentlicher, Dieses hingegen ereignet sich sehr oft. Darum darf man es nicht in Zweifel ziehen, daß Einige aus Diesen durch Kunstwerke, durch Kriegsthaten, durch Reichthum ausgezeichnet gewesen; im Gegentheile sollen wir mit ihnen inniges Mitleiden haben, sollen für uns selber besorgt sein, daß uns nicht etwa ein Gleiches begegne. Denn auch wir sind Menschen und diesem raschen Wechsel unterworfen. Vielleicht möchte irgend ein unverständiger Witzling meine Worte belächeln und mir spöttelnd entgegnen: „So willst du denn in deiner Rede ohne Ende von armem Gesindel und von Bettlern handeln, uns Unglück weissagen, Armuth verkünden, und darauf bedacht sein, uns zu Bettlern zu machen?“ Nicht um euch zu Bettlern zu machen, sage ich Dieses, mein Lieber! sondern ich möchte euch die Schätze des Himmels eröffnen. Wenn Jemand in Gegenwart eines Gesunden der Kranken erwähnt und von ihren Schmerzen erzählt, so thut er es ja nicht in der Absicht, jenen krank zu machen, sondern ihn vor Krankheit zu schützen, damit er, Ähnliches für sich befürchtend, nicht gleichgiltig werde. Ihr fürchtet schon und bebet zurück vor dem vor dem bloßen Namen der Armuth; denn darum sind wir arm, weil wir die Armuth fürchten, selbst wenn wir tausend Talente besäßen; denn nicht Derjenige ist arm, der Nichts besitzt, sondern der die Armuth fürchtet. Auch bei großen Unglücksfälleu beweinen wir und halten für unglücklich [S. 526] nicht Diejenigen, welche große Übel ertragen, sondern Diejenigen, die auch ein kleines Unglück nicht zu ertragen vermögen; denn nur wer dasselbe geduldig erträgt, verdient Preis und Ehre. Und daß sich Dieß also verhalte, — nun, welche Kämpfer rühmen wir denn? Diejenigen, welche viele Schläge empfangen und sich doch den Schmerz nicht anmerken lassen, sondern mit stolzem Nacken dastehen, oder Diejenigen, die schon nach den ersten Hieben entfliehen? Wir krönen Jene als muthvolle und tapfere Männer, Diese hingegen verspotten wir als feige und muthlose Memmen. So sollen wir es auch machen in Betreff der gegenwärtigen Dinge; Denjenigen, der Alles willig erträgt, wollen wir krönen wie jenen muthigen Kämpfer; den Feigling aber, der da vor dem Unglücke bebt und schon vor Empfang eines Schlages aus Furcht sterben will, laßt uns beweinen! Denn gleichwie im Kampfspiele Derjenige, welcher, ohne eine Hand aufzuheben, ohne einen Hieb erhalten zu haben, die Flucht ergreift, sobald er den Gegner die Hand ausstrecken sieht, sich als ein muthloser Weichling und unerfahren in solchen Spielen lächerlich macht, so ergeht es auch denjenigen Leuten, welche die Armuth fürchten und nicht einmal ihren Anblick zu ertragen vermögen. Nicht also wir machen euch unglücklich, sondern ihr selber thut Dieses. Wie mag nun der Teufel über dich lachen, wenn er sieht, wie du, ehe du noch getroffen bist, schon vor der bloßen Drohung dich fürchtest und zitterst! Ja, wenn du Das für eine Drohung ansiehst, so braucht er dich weiter nicht mehr anzugreifen; er läßt dir deinen Reichthum, und durch die bloße Angst, er könnte dir entrissen werden, macht er dich weicher als irgend ein Wachs. Denn wir sind, um mich so auszudrücken, von Natur aus also beschaffen, daß wir die überstandenen Übel nicht mehr für so schrecklich erachten, als vorher und ehe wir dieselben erfuhren. Um dir nun diese Stärke zu rauben, hält er dich in der größten Furcht, und ehe du noch arm wirst, schmilzt er dich schon durch die Furcht vor der Armuth wie Wachs; denn ein solcher Mensch ist weicher als irgend ein Wachs und führt [S. 527] ein unglückseligeres Leben als Kain, indem er besorgt ist um Das, was er in Fülle besitzt, und sich um Das grämt, was er nicht hat; er hält aus Furcht seinen Reichthum wie einen undankbaren Sklaven versperrt und wird von mancherlei thörichten Begierden bestürmt. Denn wie stürmische Wogen treiben ihn die unordentliche Begierde, vielfältige Sorgen, Furcht und Angst hin und her; er gleicht einem Schiffe, das von widrigen Winden und gewaltigen Wogen umhergezerrt wird. Um wie viel besser wäre es für einen solchen Menschen, zu sterben, als beständig umstürmt zu sein? Wäre es doch auch für Kain besser gewesen, zu sterben, als immer zu zittern. — Damit uns also nicht etwa Ähnliches begegne, laßt uns die Arglist des Teufels verlachen, seine Bande zerreissen, die tödtliche Spitze seines Geschoßes zerstören und ihm allen Zugang verwehren. Denn wenn du das Geld verlachest, so weiß er dir nicht mehr zu nahen; denn du hast die Wurzel des Übels zerstört; ist aber keine Wurzel mehr da, so sprießt auch keine schlimme Frucht mehr hervor. Dieses wollen wir immerfort sagen und ohne Unterlaß wiederholen; ob wir aber durch diese Sprache irgend einen Nutzen erzielen. Das wird der Tag zeigen, der sich im Feuer offenbaren wird, der eines Jeden Werk prüfet, der da zeigen wird, wessen Lampe leuchte und wessen nicht: da wird auch offenbar werden, wer Öl in seiner Lampe hat und wer nicht. Doch es sei ferne, daß Einer dieses Trostes ermangle; Alle mögen reichliche Werke der Barmherzigkeit bringen und den Bräutigam mit brennenden Lampen (zur Hochzeit) begleiten. Nichts ist härter und schrecklicher als jene Stimme, welche Diejenigen, die ohne reichliche Milde erscheinen, alsdann von dem Bräutigam vernehmen werden: „Ich kenne euch nicht!“1 Es sei ferne, daß wir diese Stimme hören, sondern jene so süße und heißersehnte: „Kommet, ihr Gebenedeiten meines Vaters, besitzet das Reich, welches euch bereitet ist vom [S. 528] Anbeginn der Welt!“2 Denn so werden wir ein seliges Leben führen und aller jener Güter theilhaftig werden, die alle Begriffe, des Menschen übersteigen. Mögen wir alle diese erlangen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus u. s. w. [S. 529]

1: Matth. 25, 12.
2: Matth. 25, 34.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger