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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Achtundzwanzigste Homilie.

III.

Da wir Dieß alles vernommen, so wollen wir uns mit großer Sorgfalt der Armen annehmen, die Eßlust bezähmen, die Trunksucht verbannen, uns zum würdigen Empfang der heiligen Geheimnisse würdig bereiten und uns weder durch die eigenen Leiden noch durch die Anderer beunruhigen lassen, wie z. B. wenn uns frühzeitiger Tod oder langwierige Krankheiten treffen; denn dadurch werden wir von der (ewigen) Strafe befreit, belehrt und nachdrücklich zurechtgewiesen. Wer sagt Dieses? Der Mann, der Christum in sich trug, und zu dem Christus redete. Dessen unbeachtet gibt es noch jetzt viele Weiber, welche so stumpfsinnig sind, daß sie durch übermäßige Trauer selbst die Heiden übertreffen; die Einen thun Dieses, hingerissen von übermäßigem Schmerz, die Andern aber zum Scheine und um dem Tadel der Heiden zu entgehen, und diese, behaupte [S. 484] ich, begehen den unverzeihlichen Fehler. Sie wollen sagen: Damit nicht der Nächstbeste uns tadle, möge Gott es thun; damit nicht Menschen, die unvernünftiger sind als das Vieh, uns verdammen, soll das Gesetz des Allerhöchsten unter die Füße getreten werden! Welch rächende Blitze verdienet Das nicht? Ladet dich Jemand nach der Trauer zu einem Gastmahl ein, so verweigert Das Niemand, weil es so die Sitte der Menschen erheischt; wenn aber Gott gebietet, nicht maßlos zu jammern, so widersetzen sich Alle. Denkst du, o Weib, nicht an Job? Erinnerst du dich nicht an die Worte, die er bei der Nachricht über das Unglück seiner Kinder gesprochen, welche Worte jenes gesegnete Haupt mit zahllosen Kronen schmücken und dessen Ruhm lauter als viele Posaunen verkünden? Bedenkst du nicht die Größe des Unglücks, jenen unerhörten Unfall1 und jene neue ausserordentliche Trauerscene? Du hast vielleicht ein, zwei oder drei Kinder verloren, Jener aber so viele Söhne und Töchter; reich mit Kindern gesegnet wurde er Plötzlich kinderlos. Nicht langsam wurde ihm das Herz zerrissen, sondern die ganze Nachkommenschaft2 ward ihm plötzlich entrissen und nicht nach dem gewöhnlichen Lauf der Natur, nicht in hohem Alter, sondern durch frühen und gewaltsamen Tod, und zwar alle zugleich, ohne daß er bei ihnen war, ihnen helfen, ihre letzten Worte vernehmen und bei so bitterem Tode wenigst einigen Trost schöpfen konnte; ganz unerwartet, ohne daß er davon Etwas wußte, stürzte das Haus über ihnen zusammen und wurde ihnen zum Grab und zur Schlinge.3 Also nicht bloß der frühzeitige Tod, sondern auch noch viele andere Umstände vermehrten seinen Schmerz, nämlich daß sie alle in blühendem Alter, alle tugendhaft, liebenswürdig waren, daß sie alle miteinander ohne Unterschied des Geschlechtes umkamen; daß die- [S. 485] ses Leiden ihn traf gegen den gewöhnlichen Lauf der Natur und nach andern großen Unfällen, da er doch weder von seiner Seite noch von Seite seiner Kinder sich eines Fehltrittes bewußt war. Jeder Umstand war an sich schon genügend, Jemand ausser Fassung zu bringen; wenn sie nun aber alle zusammentreffen, so kannst du dir denken, welch gewaltiges Wogen, welch heftiger Sturm entsteht. Und was noch mehr war und härter als diese kläglichen Fälle: er wußte nicht, aus welchem Grunde Dieses geschah. Darum steigt er, da er keine Ursache dieses Unglückes auffinden kann, zum Willen Gottes empor und spricht: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen; wie es dem Herrn gefiel, so ist es geschehen. Der Name des Herrn sei gepriesen in Ewigkeit!“4 Und Dieses sprach er, als er sich in das tiefste Elend versetzt sah, er, der doch jede Tugend geübt hatte, während er sah, daß Bösewichte und Betrüger im Wohlstande lebten, im Überfluß schwelgten und allerwärts prunkten. Auch führte er nicht eine solche Sprache, wie jetzt mancher Schwache zu thun pflegt: „Habe ich dazu meine Kinder erzogen und mit aller Sorgfalt gebildet? Habe ich darum mein Haus Jedem, der einkehren wollte, geöffnet, daß ich nach so vielen Bemühungen fiir die Armen, die Nackten und Waisen Dieses zum Lohne erhalte?“ Anstatt einer solchen Sprache finden wir hier die Worte, die jedes Opfer an Werth übertreffen: „Nackt bin ich aus dem Mutterleibe hervorgegangen, nackt werde ich wieder zurückkehren.“ Darüber aber, daß er sein Kleid zerriß und sein Haupt schor, wundere dich nicht; denn er war Vater und ein liebevoller Vater, und das natürliche Gefühl mußte sich bei ihm ebenso äussern wie die hochherzige Gesinnung. Hätte er Dieß nicht gethan, so würde vielleicht Mancher geglaubt haben, diese Hochherzigkeit sei nur eine Folge von Gefühllosigkeit. Darum äusserte er sowohl sein gefühlvolles Herz als auch seine große Gott- [S. 486] seligkeit, ließ sich aber vom Schmerze nicht überwältigen, sondern erwarb sich im fernern Kampfe neue Siegeskränze durch jene Worte, die er zu seinem Weibe sprach: „Haben wir das Gute vom Herrn empfangen, sollen wir nicht auch das Schlimme ertragen?“5 Das Weib allein war ihm noch übrig geblieben: nachdem er Alles verloren — Kinder, Vermögen, Gesundheit, verblieb ihm das Weib noch allein zur Versuchung und Prüfung. Darum raubte sie ihm der Teufel nicht und trachtete nicht, sie mit den Kindern zu tödten, weil er hoffte, sie würde ihm gute Dienste leisten, um diesem heiligen Manne Fallstricke zu legen. Deßhalb bewahrte er sich dieselbe als ein recht geeignetes Werkzeug; denn er dachte: Habe ich durch das Weib den Mann aus dem Paradiese vertrieben, so werde ich ihn auf dem Misthaufen um so leichter zu Fall bringen können.

1: Wörtlich: ναυάγιον = Schiffbruch.
2: Ἅπας ὁ καρπός = die ganze Frucht.
3: Παγίς.
4: Job 1, 21.
5: Job 2, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger