Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Sechsundzwanzigste Homilie.

I.

2. Ich lobe euch aber, Brüder, daß ihr in Allem meiner gedenket und, sowie ich es euch überliefert habe, ihr meine Vorschriften festhaltet.

I. Nachdem Paulus die Rede über die Götzenopfer nach Gebühr vollendet und mit den triftigsten Gründen unterstützt hat, geht er auf einen andern Gegenstand über, der zwar auch, wiewohl nicht in solchem Grade, Tadel verdiente. Denn wie ich schon früher bemerkte, pflegt der Apostel nicht Alles, was er ernstlich rügen will, der Reihe nach zu durchgehen, sondern er rügt Alles gehörigen Ortes und wechselt ab mit gelindern Dingen, um das Harte, was aus beständigem Tadel entstehen müßte, zu mildern. So redet er auch von der Auferstehung, in Betreff welcher sie die bittersten Vorwürfe verdienten, zuletzt und beschäftigt sich indeß mit einem geringern Fehler, indem er spricht: „Ich lobe euch, daß ihr in Allem meiner gedenket.“ Wo die Sünde eingestanden ist, da rügt er sie mit Ernst und Drohung; wo sie aber noch zweifelhaft ist, da beweist er sie erst, ehe er sie rügt; das offenkundige [S. 435] Vergehen zeigt er in seiner Größe, beim zweifelhaften beweist er die Wirklichkeit. So war es zum Beispiel bei der Unzucht eine ausgemachte Sache; daher war es nicht nöthig, zu beweisen, daß sie Sünde sei. Dort zeigte er also die Größe des Vergehens durch Vergleichung. Dagegen war es zwar auch Sünde, aber eine geringere, vor heidnischen Richtern Streithändel zu führen; darum thut er auch inzwischen Meldung davon und beweist die Sündhaftigkeit. So war auch der Genuß von Götzenopfern, obwohl die Sache zweifelhaft schien, ein sehr großes Übel; darum zeigt er auch, daß er Sünde sei, und zwar thut er Dieß in kräftigen Worten. Dadurch mahnt er nicht nur von den Lastern ab, sondern führt auch zu den entgegengesetzten Tugenden. Denn er lehrt nicht nur, daß man nicht Unzucht treiben dürfe, sondern auch, daß man einen hohen Grad von Heiligkeit an den Tag legen müsse, und darum setzt er hinzu: „Verherrlichet Gott an eurem Leibe und an eurem Geiste!“1 Und wieder, nachdem er gesagt hatte, man solle nicht weise sein in menschlicher Weisheit, begnügt er sich damit nicht, sondern fordert, daß man ein Thor werde. Und da, wo er den Rath gibt, nicht zu rechten vor heidnischen Obrigkeiten und kein Unrecht zu thun, geht er noch weiter und will, daß man gar nicht rechte; und er räth, nicht nur kein Unrecht zu thun, sondern sogar Unrecht zu leiden. Und wenn er von den Götzenopfern spricht, sagt er nicht bloß, man müsse sich des Verbotenen enthalten, sondern auch des Erlaubten, falls man durch den Genuß Ärgerniß geben würde; man dürfe weder den Mitchristen noch den Juden und Heiden Ärgerniß geben; er sagt: „Gebet weder Juden noch Heiden noch der Kirche Gottes Anstoß!“

Nachdem er über Dieß alles weitläufig gesprochen, geht er nun zu einem andern Fehler über. Was ist das für [S. 436] einer? Die Frauen beteten und weissagten2 unverschleiert und barhaupt (denn damals weissagten die Frauen); die Männer hingegen, die sich ja als Philosophen geberdeten, ließen das Haar wachsen und erschienen beim Gebete und wenn sie weissagten,3 mit bedecktem Haupte; — Beides war bei den Griechen so Sitte. Bei seiner Anwesenheit (zu Korinth) hatte er sie hierüber ermahnt; wahrscheinlich hatten die Einen gehorcht, die Andern aber den Gehorsam verweigert; darum sucht er als ein kluger Arzt durch die in diesen Brief eingeflochtene Rüge das Übel zu heben. Daß er sie bei seiner Gegenwart ermahnt hatte, erhellt schon aus dem Anfange dieses Abschnittes. Denn warum beginnt er, da doch im ganzen Brief nichts Ähnliches vorgekommen, sondern von ganz andern Fehlern die Rede war, sogleich mit den Worten: „Ich lobe euch aber, daß ihr in Allem meiner gedenket und, sowie ich es euch überliefert habe, ihr meine Vorschriften festhaltet“? Da siehst du, daß Einige ihm gehorchten, die er dann lobt. Andere aber ungehorsam blieben, die er im Folgenden zurechtweist mit den Worten: „Wenn aber Jemand streitsüchtig sein will, — wir haben diesen Gebrauch nicht.“4 Hätte er sie nämlich alle, sowohl die Gehorchenden als die Ungehorsamen, ohne Unterschied getadelt, so wären dadurch die Einen verwegener, die Andern aber nachlässiger geworden; da er nun aber den Einen mit freundlichem Lob, den Andern mit Tadel entgegen kommt, so spornt er die Erstern mehr zum Guten an und beschämt die Letztern. Die Rüge ist schon an und für sich geeignet, sie zu verwunden; allein sie wird dadurch noch mehr geschärft, daß nebenbei eine Vergleichung angestellt wird mit Andern, die wegen ihres guten Benehmens gelobt werden. Doch beginnt er hier nicht sogleich mit einem Tadel, sondern mit Lobsprüchen und zwar mit großen Lobsprüchen, indem er sagt: [S. 437] „Ich lobe euch aber, daß ihr in Allem meiner gedenket.“ Paulus pflegt nämlich auch minder erhebliche Leistungen mit großen Lobsprüchen zu erbeben, nicht aus Schmeichelei, Das sei ferne! Denn wie sollte er, der weder Geld noch Ruhm noch sonst etwas Derartiges sucht, sondern einzig auf ihr Heil bedacht ist, sich eine solche zu Schulden kommen lassen? Er ertheilt ihnen großes Lob, indem er spricht: „Ich lobe euch aber, daß ihr in Allem meiner gedenket.“ Was heißt dieses „in Allem“? Es war ja nur davon die Rede, daß sie nicht langes Haar tragen und das Haupt nicht bedecken sollten? Aber er ist, wie ich gesagt, mit Lobsprüchen freigebig, um sie desto mehr anzufeuern: darum sagt er: „Ich lobe euch aber, daß ihr in Allem meiner gedenket und, sowie ich es euch überliefert habe, ihr meine Vorschriften festhaltet.“ Also hatte er ihnen damals auch mündlich mehrere Vorschriften gegeben, was er auch an vielen andern Stellen andeutet; allein damals gab er sie einfach, nun aber fügt er auch die Ursache bei. Auf diese Weise befestigte er die Zuhörer um so mehr und schlägt den Hochmuth der Gegner zu Boden. Ferner sagt er nicht: Ihr wäret gehorsam, Andere aber ungehorsam, sondern er deutet Dieses so ganz unverfänglich aus seiner Lehre an, indem er spricht:

3. Ich will aber, daß ihr wisset, daß eines jeden Mannes Haupt Christus ist, Hauptaber des Weibes der Mann, Haupt aber Christi — Gott.

Dieses ist der Grund, den er deßwegen angibt, damit die Schwächern zu größerer Aufmerksamkeit erweckt würden. Wer getreu ist, wie es sich ziemt, und feststeht, bedarf wohl nicht, daß man ihm bei Geboten Grund und Ursache angebe, sondern er begnügt sich schon mit der bloßen Verordnung; der Schwächere aber wird, wenn man ihm auch die Ursache angibt, mit desto größerer Treue sich an [S. 438] die Vorschrift halten und mit großer Bereitwilligkeit dieselbe befolgen.

1: I. Kor. 6, 20.
2: Προεφήτευον.
3: Προφητεύοντες.
4: I. Kor. 11, 16.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis

Navigation
. Mehr
. Achtzehnte Homilie. ...
. Neunzehnte Homilie. ...
. Zwanzigste Homilie. ...
. Einundzwanzigste Homilie. ...
. Zweiundzwanzigste Homi...
. Dreiundzwanzigste Homi...
. Vierundzwanzigste Homi...
. Fünfundzwanzigste ...
. Sechsundzwanzigste ...
. . I.
. . II.
. . III.
. . IV.
. . V.
. . VI.
. . VII.
. . VIII.
. Siebenundzwanzigste ...
. Achtundzwanzigste Homi...
. Neunundzwanzigste Homi...
. Dreissigste Homilie. ...
. Einunddreissigste Homi...
. Zweiunddreissigste ...
. Dreiunddreissigste ...
. Vierunddreissigste ...
. Mehr

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger