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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Vierundzwanzigste Homilie.

I.

13. Versuchung hat euch noch keine getroffen, als eine menschliche. Gott ist aber getreu und wird euch nicht versuchen lassen über euere Kräfte, sondern bei der Versuchung auch den Ausgang geben, daß ihr sie ertragen könnet.

I. Paulus hatte sie durch Erwähnung alter Beispiele genugsam erschreckt und durch die Worte geängstigt: „Wer da zu stehen glaubt, der sehe zu, daß er nicht falle!“ Sie hatten auch wirklich viele Drangsale ausgestanden und waren darin geübt; denn er sagt: „Ich war in Schwäche und in Furcht und in vielem Zittern bei euch.“1 Damit sie nun nicht sagen möchten: Was suchst du uns in Furcht und Schrecken zu setzen? Wir sind in diesen Verfolgungen nicht unerfahren; denn wir sind verbannt und verfolgt und haben viele und anhaltende Gefahren bestanden: so spricht er, um ihren Hochmuth wieder zu dämpfen: „Versuchung [S. 405] hat euch noch keine getroffen als eine menschliche,“ d. h. sie war gering, kurz und erträglich. „Menschlich“ bedeutet bei ihm das Schwache, wie er denn auch sagt: „Ich rede nach menschlicher Weise um der Schwachheit eures Fleisches willen.“2 Werdet also nicht hochmüthig, will er sagen, als hättet ihr den Sturm schon überstanden; denn noch hat euch keine Todesgefahr bedroht, noch keine Versuchung getroffen, die euch den Untergang verkündete. Das Nämliche sagt er auch den Hebräern: „Noch habt ihr im Kampfe wider die Sünde nicht bis auf’s Blut widerstanden.“3 Siehe nun, wie er sie jetzt wieder ermuntert, nachdem er sie eingeschüchtert und gelehrt hat, bescheiden zu sein, indem er sagt: „Gott ist getreu und wird euch nicht versuchen lassen über eure Kräfte.“ Es gibt also Versuchungen, die über unsere Kräfte sind. Und welche sind diese? So zu sagen alle; denn das Können hängt vom Winke Gottes ab, wir erlangen aber dasselbe durch die Gesinnung unseres Willens. Damit wir aber gründlich erkennen, daß wir nicht nur jene Versuchungen, die unsere Kraft überstehen, sondern auch nicht einmal die leichten ohne Gottes Hilfe zu überwinden vermögen, fügt er hinzu: „Sondern er wird bei der Versuchung auch den Ausgang geben, daß ihr sie ertragen könnet.“ Nicht einmal jene mäßigen Versuchungen, wie ich schon sagte, können wir durch eigene Kraft aushalten, sondern auch darin bedürfen wir der Hilfe Gottes, um sie zu ertragen und zu überwinden. Denn er gibt die Kraft zur Ausdauer und schnelle Befreiung, so daß die Versuchung erträglich wird; Dieses nämlich deutet er an mit den Worten: „Er wird den Ausgang geben, daß ihr (die Versuchung) ertragen könnet;“ das Ganze schreibt er Gott zu.

[S. 406] 14. Darum, meine Brüder, fliehet den Götzendienst!

Neuerdings besänftigt er sie durch den Ausdruck der Verwandtschaft und sucht sie dringend von diesem Laster abzuhalten; denn er sagt nicht einfach: Entfernt euch davon, sondern: „Fliehet!“ und nennt es Götzendienst. Auch nimmt er hier nicht den Schaden des Nebenmenschen zum Beweggrunde, sondern zeigt, daß die Sache schon an und für sich geeignet sei, großen Schaden zu stiften.

13. Ich rede zu euch als Verständigen; beurtheilet selbst, was ich sage!

Weil er von einem so wichtigen Gegenstand spricht und durch den Ausdruck „Götzendienst“ die Größe des Verbrechens aufzeigt, so überläßt er nun ihnen selbst das Urtheil und stellt sie — unter Ertheilung von Lobsprüchen— als Richter auf, um so den Schein der Bitterkeit und Gehässigkeit zu vermeiden. „Ich rede zu euch als Verständigen,“ sagt er; das heißt auf die Gerechtigkeit seiner Sache vollkommen vertrauen, wenn man den Angeklagten selbst zum Richter bestellt. Das weckt auch die Zuhörer mehr, wenn man nicht gebietend und vorschreibend auftritt, sondern gleichsam berathend und ihr Urtheil erwartend sich ausspricht. Mit den Juden, die thörichter und unverständiger waren, verfuhr Gott nicht also; nicht immer gab er den Grund an, warum er befehle, sondern befahl geradezu; jetzt aber, nachdem wir eine hohe Freiheit erlangt haben, werden wir auch seines Rathschlusses theilhaftig, und der Apostel redet wie mit Freunden und sagt: Ich bedarf keines andern Richters; ihr selbst möget über meine Worte richten, ich nehme euch als meine Richter an.

[S. 407] 16. Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht Theilnahme am Blute Christi?

Was sagst du da, o heiliger Paulus? Du willst die Zuhörer beschämen, indem du jene ehrwürdigen Geheimnisse erwähnest, und nennest jenen Schauder und Ehrfurcht erregenden Kelch „den Kelch der Segnung“? Ja freilich, sagt er; denn jene Worte sind von hoher Bedeutung; wenn ich nämlich die „Segnung“ nenne, enthülle ich den ganzen Schatz der Güte Gottes und erinnere an jene großen Gaben. Denn auch wir erzählen, wenn wir den Kelch opfern und genießen, die unaussprechlichen Wohlthaten Gottes und alle empfangenen Gnaden und danken Gott, daß er das Menschengeschlecht von dem Irrthum befreit hat; daß er Diejenigen, die ihm entfremdet waren, wieder an sich gezogen; daß er Diejenigen, welche hoffnungslos und ohne Gott lebten, zu seinen Brüdern und Miterben gemacht. Für diese und alle ähnliche Gnaden danken wir ihm, und so genießen wir den Kelch. Wie nun, ihr Korinther, thut ihr nicht das Gegentheil, indem ihr zwar Gott preiset, daß er euch von dem Götzendienste befreit hat, und dann doch wieder zu den Götzenopfern hineilet? „Der Kelch der Segnung, den wir segnen, ist er nicht Theilnahme am Blute Christi?“ Treffender und furchtbarer Ausspruch! Denn er will damit sagen: Das Blut in dem Kelche ist eben dasselbe, das aus der Seite geflossen ist, und das trinken wir. Er nennt ihn einen „Kelch der Segnung“, weil wir denselben in den Händen haltend Christum loben und preisen, mit Staunen bewundernd sein unaussprechlich Geschenk und ihm dankend, daß er dieses Blut nicht nur vergossen, um uns vom Irrthume zu erlösen, sondern auch, daß er uns dasselbe mitgetheilt hat. Willst du also Blut, sagt er, so opfere nicht das Blut von Thieren auf den Götzenaltären, sondern „röthe meinen Altar mit meinem Blute!“ Was ist schauerlicher als Das? was aber zugleich auch liebenswürdiger?

[S. 408]

1: I. Kor. 2, 3.
2: Röm. 6, 19.
3: Hebr. 12, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger