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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Vierundzwanzigste Homilie.

IV.

Es wagt ja Niemand, einen König unehrerbietig zu empfangen; ja, was sage ich, einen König? Nicht einmal das königliche Gewand erkühnt sich Jemand mit schmutzigen Händen zu berühren, obgleich er sich allein befindet und das Kleid nichts Anderes ist als ein Raupengewebe. Und wenn du die Farbe bewunderst, so ist auch diese Nichts als Blut einer getödteten Muschel;1 und doch dürfte Keiner es wagen, sie mit unsaubern Händen zu berühren. Wenn nun aber Niemand es wagt, das Kleid eines Menschen achtungslos zu behandeln, wie dürften wir dann den Leib des Gottmenschen, der über Alles ist, diesen reinen und mackellosen Leib, der mit jener göttlichen Natur vereinigt [S. 415] ist, durch den wir Odem und Leben haben, durch den die Pforten der Hölle gebrochen und der Himmel geöffnet worden; — wie dürften wir diesen Leib mit so großem Unglimpf behandeln? Lasset uns, ich bitte euch, nicht selbst uns tödten durch Unverschämtheit, sondern mit Furcht und großer Reinheit wollen wir ihm nahen; und wenn du ihn vor dir daliegen siehst, so sprich zu dir selber: Durch diesen Leib bin ich nicht mehr Staub und Asche, nicht mehr ein Gefangener, sondern frei; durch diesen Leib hoffe ich den Himmel zu erlangen und alle Güter desselben — das ewige Leben, das Loos der Engel, den Umgang mit Christus. Diesen mit Nägeln durchbohrten und gegeißelten Leib konnte der Tod nicht behalten; vor diesem gekreuzigten Leib hüllte sich die Sonne in Dunkel; um seinetwillen zerriß damals der Vorhang des Tempels, die Felsen spalteten sich und die ganze Erde erbebte; das ist der Leib, der mit Blut bedeckt, mit der Lanze durchbohrt wurde, der für die ganze Welt zwei Heilquellen — Blut und Wasser — ausströmte. Willst du auch anderswoher seine Kraft kennen lernen? Frage das Weib, das am Blutflusse litt und nicht ihn selbst, sondern nur sein Kleid, ja nur den Saum seines Kleides berührte! Frage das Meer, das ihn auf seinem Rücken trug! Frage selbst den Teufel und sprich: Woher hast du diese unheilbare Wunde? Woher kömmt es, daß du jetzt so ohnmächtig bist? woher, daß du gefangen bist? Von wem wurdest du denn auf der Flucht ergriffen? — Und er wird dir nichts Anderes nennen als diesen gekreuzigten Leib. Durch diesen ward sein Stachel vernichtet, durch diesen sein Kopf zertreten, durch diesen wurden die Mächte und Gewalten zu Schanden gemacht; denn es heißt: „Er entwaffnete die Mächte und Gewalten, führte sie getrost auf, offenkundig triumphirend über sie in sich selber.“2 Frage auch den Tod und sprich: Wodurch ward dir dein Stachel benommen und dein Sieg entrissen? wodurch deine [S. 416] Kraft gelähmt? Wie wurdest du, einst furchtbar den Tyrannen und allen Gerechten — jetzt lächerlich für Knaben und Mädchen? Und er wird die Ursache hievon diesem Leibe zuschreiben. Denn als er gekreuziget wurde, da erstanden die Todten, da ward jener Kerker geöffnet, die ehernen Thore gesprengt; die Todten kehrten wieder in’s Leben zurück und es erbebten die Wächter der Hölle. Wäre er ein Leib wie andere Leiber gewesen, so hätte das Gegentheil stattfinden und der Tod stärker sein müssen; so aber geschah es nicht, denn er war kein Leib wie die andern; darum ward der Tod überwunden. Und gleichwie Diejenigen, die eine Speise zu sich genommen haben, welche sie nicht verdauen können, auch das früher Genossene zurückgeben müssen, so erging es auch dem Tode. Weil er den Leib, den er empfing, nicht auflösen konnte, so spie er auch die andern aus, die er schon verschlungen hatte; denn sobald er diesen verschlungen, ward er von Wehen und Schmerzen gefoltert, bis er ihn wieder von sich gab. Darum spricht der Apostel: „Gott hat gelöst die Schmerzen des Todes.“3 Denn kein schwangeres Weib kann in Geburtsnöthen solche Wehen empfinden wie die, wodurch der Tod, nachdem er den Leib des Herrn aufgenommen, gefoltert wurde. Und wie der babylonische Drache barst, nachdem er die Speise verschlungen, so auch dieser. Denn Christus stieg aus dem Grabe nicht wie aus dem Rachen des Todes, sondern wie aus dem zerborstenen und zerrissenen Leibe des Drachen, glänzend und strahlend bis zum Himmel, bis zum Throne der Gottheit empor; bis dahin erhöhte er diesen Leib. Diesen Leib gab er uns anzufassen und zu genießen, was ein Beweis der innigsten Liebe ist. Diejenigen, welche wir heiß lieben, pflegen wir oft auch zu beissen. Daher sagt Job, um die Liebe seiner Sklaven zu bezeichnen, sie hätten oft aus Liebe zu ihm geäussert: „Wer wird es uns verstatten, [S. 417] sein Fleisch zu verzehren?“4 So gab uns auch Christus sein Fleisch zur Speise, um uns zu einer innigeren Freundschaft anzulocken.

1: Wörtlich: eines getödteten Fisches = νεκρωθέντος ἰχθύος, der Purpur -schnecke.
2: Kol. 2, 15.
3: Apostelg. 2, 24.
4: Job 31, 31.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger