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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)

Vierundvierzigste Homilie. Kap.XII,V.46-Kap.XIII,V.9.

1.

V.46: "Während er aber noch zu der Menge sprach, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und verlangten mit ihm zu reden.

V.47: Jemand aber sagte zu ihm: Siehe, Deine Mutter und Deine Brüder ste hen draußen und verlangen mit Dir zu reden.

V.48: Er aber antwortete und sagte zu dem, der sprach: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?

V.49: Und er wies mit der Hand auf seine Jünger hin und sagte: Siehe da meine Mutter und meine Brüder."

Was ich schon früher gesagt habe, das zeigt sich auch jetzt wieder klar und deutlich: daß nämlich ohne Tugend alles andere nichts nützt. Ich habe gesagt, das Alter, die Natur, das Leben in der Einsamkeit und alle anderen Dinge dieser Art helfen nichts, wenn die rechte Absicht nicht da ist. Heute erfahren wir noch etwas mehr, daß nämlich nicht einmal Christi Mutter zu sein und ihn auf jene wunderbare Weise geboren zu haben Nutzen bringt, wenn die Tugend fehlt. Das ergibt sich besonders aus den Worten: "Während er noch zu der Menge sprach, sagte ihm jemand: Deine Mutter und Deine Brüder fragen nach Dir." Der Herr aber erwiderte: "Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?" Das sagte er aber nicht, als ob er sich seiner Mutter schämte, oder diejenige verleugnen wollte, die ihn geboren. Hätte er sich ihrer schämen müssen, so hätte er sie nicht zu sei ner Mutter erwählt; vielmehr wollte er damit zeigen, daß ihr auch das nichts nützt, wenn sie nicht alle Gebote getreulich erfüllt. Denn das, was sie tat, entsprang allzu großer Eitelkeit. Sie wollte vor dem Volke zeigen, daß sie Macht und Autorität über ihren Sohn besitze, obgleich sie noch nicht die geringste Ahnung von seiner Größe besaß. Deshalb kam sie, auch zu einer Unzeit daher. Beachte jedoch, wie aufdringlich sie und die anderen sich benehmen. Sie hätten entweder nach ihrem Eintreffen mit dem Volke zuhören sollen, oder, wenn sie das nicht wollten, warten müssen, bis der Herr seine Rede beendet hatte, und dann erst hinzu gehen. Statt dessen riefen sie ihn hinaus, und zwar vor allen Leuten, und bekunden damit ihre allzu große Eitelkeit, daß sie zeigen wollten, daß sie genug Autorität besäßen, um ihm Befehle zu erteilen. Das zeigt auch der Evangelist durch seinen Tadel. Denn gerade darauf deutet er hin mit den Worten: "Noch während er zum Volke redete"; gerade als wollte er sagen: Hätten sie nicht auch eine andere Zeit wählen können? Hätten sie nicht auch privatim mit ihm reden können? Was wollten sie ihm auch sagen? Woll ten sie über die Lehren der Wahrheit unterrichtet werden, so mußten sie dies öffentlich und vor allem Volke tun, damit auch die anderen davon Nutzen hätten; wollten sie aber von anderen Dingen reden, die nur sie allein angingen, so durften sie sich nicht in dieser Weise vordrängen. Wenn der Herr schon nicht erlaubte, den eigenen Vater zu begraben, damit der Eintritt in seine Jüngerschaft keinen Aufschub erleideMt 8,2122 , so dürfte man um so weniger seine öffentlichen Predigten unterbrechen mit Dingen, die gar nicht dahin gehörten.

Daraus ergibt sich klar, daß sie dies nur aus Ehrgeiz taten. Das gibt auch Johannes zu verstehen mit den Worten: "Nicht einmal seine eigenen Brüder glaubten an ihn"Joh 7,5 . Er zitiert auch ihre Worte, die ihre ganze Torheit bekunden, und sagt, sie hätten den Herrn nach Jerusalem bringen wollen, aus keinem anderen Grunde, als damit auch sie selber durch seine Wundertaten noch etwas Glanz und Ehre fänden. "Denn", sagten sie, "wenn du solche Dinge vollbringen kannst, so zeige Dich doch der Welt: niemand tut ja etwas im Verborgenen, wenn er berühmt sein will"Joh 7,4 . Das hat ihnen denn auch der Herr selbst verwiesen und ihnen ihre irdische Gesinnung vorgeworfen. Weil nämlich die Juden höhnten und sagten: "Ist nicht dieser der Sohn des Zimmermannes; wissen wir etwa nicht, wer sein Vater und seine Mutter ist; und sind nicht seine Brüder unter uns?"Mt 13,5556 ; Mk 6,3 , so wollten sie damit ihre niedrige Abkunft verdecken, und forderten ihn deshalb auf, seine Wunderkraft zu zeigen. Darum weist er sie auch ab, um sie von dieser Krankheit zu heilen. Hätte er jedoch seine Mutter verleugnen wollen, so hätte er sie damals verleugnet, als die Ju den über ihn höhnten. Nun aber sehen wir Christus so sehr für sie besorgt, daß er sogar noch am Kreuze sie dem Jünger anvertraute, den er von allen am meisten liebte, und daß er gar große Sorge um sie an den Tag legte. Hier macht er es dagegen nicht so; aber nur aus Fürsorge für sie und sei ne Brüder. Da sie ihn nämlich wie einen bloßen Menschen ansahen und dazu nur aus Eitelkeit gekommen waren, so heilt er ihre Krankheit, nicht in der Absicht, sie zu beschämen, sondern sie zu bessern.

Du aber sollst nicht bloß auf die Worte sehen, die einen angemessenen Tadel enthalten, sondern auch auf den Unverstand und die Zudringlichkeit, die seine Brüder an den Tag legten, und darauf, wer derjenige war, der den Tadel aussprach: nicht ein bloßer Mensch, sondern der eingeborene Sohn Gottes. Und was beabsichtigte er mit seinem Tadel? Er wollte ja seine Mutter nicht in Verlegenheit bringen, sondern nur von der gewalttätigsten aller Leidenschaften befreien und sie langsam dahin bringen, daß sie die rechte Ansicht über ihn bekäme, und die Überzeugung gewänne, er sei nicht bloß ihr Sohn, sondern auch ihr Herr. Da wirst du auch sehen, daß sein Tadel nicht bloß am Platze war, sondern ihr auch wirklich Nutzen brachte, und daß er außerdem noch sehr milde gehalten war. Er erwiderte ja nicht: Geh und sage der Mutter: du bist nicht meine Mutter, sondern fährt, zu dem Sprecher gewendet, fort: "Wer ist meine Mutter?" Er will mit diesen Worten auch noch auf etwas anderes vorbereiten. Und worauf? Daß weder sie noch die anderen, die auf ihre Abstammung vertrauen, die Tugend vergessen dürften.Denn wenn es nicht einmal ihr genügt hätte, seine Mutter zu sein, ohne daß sie auch Tugend besaß, so dürfte wohl kaum überhaupt jemand infolge bloßer Abstammung gerettet werden. Es gibt eben nur einen wahren Adel, nämlich den Willen Gottes zu tun: diese Art Adel ist besser und vornehmer als jene.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger