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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Vierundvierzigste Homilie. Kap.XII,V.46-Kap.XIII,V.9.

5.

. Wundere dich auch nicht, daß Christus die böse Lust mit dem Ausdruck "Dornen" bezeichnet. Du verstehst dies allerdings nicht, weil du von die ser Leidenschaft trunken bist; die Gesunden wissen aber, daß sie noch mehr sticht als ein Dorn; daß die böse Lust die Seele noch mehr erschöpft als Sorgen, und dem Leibe und der Seele heftige Schmerzen verursacht. Sorgen bringen einen ja nicht so herunter, wie ein schwelgerisches Leben. Denn wenn Schlaflosigkeit, Hämmern der Schläfen, Kopfweh und Leibschmerzen einen solchen Menschen plagen, so bedenke, um wieviel schmerzlicher dies ist, als viele Dornen. Und wie die Dornen, von welcher Seite man immer sie anrühren mag, die Hände verwunden, die sie anfassen, so schadet auch ein schwelgerisches Leben den Füßen, den Händen, dem Haupte, den Augen, mit einem Worte allen Gliedern des Leibes; es ist saftlos und unfruchtbar gleich einem Dorn und verursacht weit mehr Schmerzen als dieser und zwar gerade an den wichtigsten Stellen. Das üppige Leben macht frühzeitig alt, stumpft das Gefühl ab, verfinstert den Geist, lähmt selbst einen scharfblickenden Verstand, macht den Körper schlaff, verursacht zu häufigen Stuhlgang, bringt eine Menge Übel zugleich mit sich, erhöht über Gebühr das Gewicht und macht die Last, die man zu tragen hat, zu groß. Darum sind auch die Zusammenbrüche häufig und zuahlreich und leiden vielen Schiffbruch.

Ja, sag mir doch, warum mästest du so deinen Leib? Glaubst du, wir müßten dich als Schlachtopfer darbringen, oder gar für die Mahlzeit zubereiten? Bei den Hühnern ist es ganz gut, wenn du sie mästest. Ja eigentlich ist es nicht einmal da recht am Platz; denn wenn sie fett geworden, so ist ihr Genuß nicht mehr ganz gesund. Solche Nachteile bringt eben ein schwelgerisches Leben mit sich; selbst in den Tieren schadet sie noch. Denn werden sie zu sehr gemästet, so macht man sie für sich und für uns unbrauchbar. Das Überflüssige wird eben nicht mehr verarbeitet und das Übermaß von Flüssigkeit verursacht Fäulnis, und das alles kommt von jenem Fett. Die Tiere hingegen, die nicht in dieser Weise gemästet werden, sondern sozusagen nüchtern leben und mit Maß, die arbeiten und sich abmühen, die sind für sich und für andere am geeignetsten, sowohl zur Nahrung, als auch für jeden anderen Zweck. Wer mit diesen Tieren sich nährt, erfreut sich großer Gesundheit; wer aber mit den anderen1 sich gütlich tut, der wird selber wie sie, wird schwerfällig und kränklich und macht sich seine Gefangenschaft nur noch schwerer. Es gibt eben nichts, was dem Leibe so gefährlich und schädlich wäre, als ein üppiges Leben; nichts zerreißt, verstopft und verdirbt ihn so sehr, wie Schwelgerei.

Darum muß man sich wohl am allermeisten über die Torheit solcher Leute wundern, die sich selbst nicht einmal soviel Schonung angedeihen lassen wollen, als wie andere ihren Weinschläuchen. Denn die Weinhändler lassen ihre Schläuche auch nicht über das Maß anfüllen, damit sie nicht zerreißen; diese dagegen haben für ihren unglücklichen Bauch nicht ebensoviel Vorsicht; wenn sie ihn angefüllt haben bis zum Platzen, dann gießen sie auch noch alles ganz und gar voll, bis an die Ohren, bis an die Nase und die Kehle, und beengen dadurch nicht bloß den Geist, sondern hemmen auch die Kraft, die den Organismus lenkt. Oder hast du dazu deine Kehle erhalten, damit du sie bis oben an den Mund mit übelriechendem Wein und anderem Unrat anfüllst? Nein, nicht deshalb, o Mensch, sondern damit du vor allem Gott Lob singest, heilige Gebete zum Himmel emporsendest, die göttlichen Gesetze lesest und deinem Nebenmenschen nützliche Ratschläge erteilst. Du aber tust, als hättest du sie nur für jenen Zweck erhalten, gönnst ihr nicht einmal kurze Zeit zum Gottesdienst und beugst sie das ganze Leben lang unter dieses elende Joch.

Diese Menschen handeln geradeso wie einer, der eine mit goldenen Saiten bespannte und gutgestimmte Zither in die Hand nimmt und,anstatt ei ne harmonische Melodie ihr zu entlocken, sie über und über mit Kot und Schmutz bedeckt. Kot nenne ich aber nicht die Nahrung, sondern die Überernährung und die maßlose Schwelgerei. Was über die Bedürfnisse hinausgeht, ist eben nicht mehr Nahrung, sondern nur noch Verderben. Nur der Magen ist eben zur Aufnahme der Speisen bestimmt und auch er nur dafür; der Mund hingegen, die Kehle, die Zunge haben noch andere viel notwendigere Bestimmungen als diese. Ja selbst der Magen ist nicht einfach nur zur Aufnahme der Speisen da, sondern nur zur maßvollen Aufnahme derselben. Das gibt er uns selber schon dadurch zu erkennen, daß er ein gewaltiges Wehklagen wider uns anstimmt, wenn wir ihm durch solches Übermaß Schaden zufügen; ja er klagt nicht bloß, sondern legt und auch zur Sühne für dieses Unrecht die allerschwerste Buße auf. Zuerst straft er die Füße, die uns zu jenen verderblichen Gastmählern trugen und führ ten, dann bindet er die Hände, die dabei Dienste leisteten und uns so viele und so ausgesuchte Speisen zuführten; ja vielen hat es sogar den Mund, die Augen und den Kopf verdreht. Und gleichwie ein Sklave, dem man etwas aufgetragen, was über seine Kraft geht, gar oft die Fassung verliert und gegen den schmäht, der ihm den Befehl gegeben, so macht es auch der Magen, dem man Gewalt angetan; er verdirbt und greift nicht bloß diese Glieder an, sondern oft sogar noch das Gehirn selbst. Es ist auch ganz gut, daß Gott es so eingerichtet hat, daß aus dem Übermaß solche Nach teile entstehen; denn wer nicht gutwillig Einsicht üben will, der soll wenigstens unfreiwillig durch die Furcht vor solchem Schaden Maß halten lernen.

Aus diesem Grunde wollen wir also das üppige Leben fliehen und auf die Einhaltung des rechten Maßes bedacht sein, damit wir uns nicht bloß der leiblichen Gesundheit erfreuen, sondern auch die Seele von jeglicher Krankheit befreien und so der zukünftigen Güter teilhaftig werden können durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem die Ehre und die Macht gebührt in alle Ewigkeit. Amen!

1: gemästeten

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger