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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Dreiundzwanzigste Homilie.

I.

24. Wisset ihr nicht, daß Diejenigen, die in der Rennbahn laufen, zwar alle laufen, aber nur Einer den Preis erhält?

I. Nachdem Paulus gezeigt, daß es sehr ersprießlich sei, sich zu Andern herabzulassen, und daß darin die höchste Vollkommenheit bestehe, und daß er selbst mehr als die Andern zu dieser Vollkommenheit emporgestiegen sei, ja sogar dieselben übertroffen, indem er Nichts (zum Unterhalte) angenommen und uns gelehrt habe, wie man zur rechten Zeit diese Vollkommenheit und diese Herablassung ausüben solle: greift er sie jetzt heftiger an, indem er zu verstehen gibt, daß Das, was sie thun, nur eine scheinbare Vollkommenheit, ja eine unnütze Arbeit sei. Jedoch drückt er Dieses nicht so deutlich aus, um sie nicht ganz zu beschämen, läßt es aber im Verlaufe der Beweisführung wohl merken. Nachdem er nun dargethan, daß sie sich gegen Christus versündigen, daß sie die Brüder verderben, daß ihnen die bessere Einsicht ohne die Liebe Nichts nütze: beruft er sich auf ein allgemein bekanntes Beispiel und sagt: „Wisset ihr nicht, daß Diejenigen, die in der Rennbahn laufen, [S. 384] zwar alle laufen, aber nur Einer den Preis erhält?“ Damit will er aber nicht sagen, daß auch hier unter den Vielen nur Einer gerettet werde, nein! sondern daß wir großen Eifer anwenden sollen. Denn gleichwie dort, Viele die Rennbabn betreten, aber nicht Viele gekrönt werden, sondern nur Einer den Preis erhält, und gleichwie es nicht genug ist, sich zum Wettlaufe einzufinden und vorzubereiten1 und mitzulaufen, so genügt es auch hier nicht, nur zu glauben und auf Gerathewohl zu kämpfen. Wenn wir nicht so laufen, daß wir uns untadelig halten und uns dem Ziele nähern, so haben wir Nichts zu erhoffen. Wenn du auch meinst, eine vollkommene Kenntniß zu besitzen, so wirst du doch das Ganze nicht gewinnen, was Paulus mit den Worten andeutet: „Laufet so, daß ihr den Preis gewinnet!“ Sie hatten ihn also noch nicht gewonnen. Nach diesen Worten lehrt er auch die Art und Weise:

25. Jeder aber, der sich im Wettkampfe übt, enthält sich von Allem.

Was heißt Das: „von Allem“? Er darf nicht von dem Einen sich enthalten, das Andere aber sich erlauben, sondern der beherrscht die Schwelgerei, die Geilheit, die Trunksucht, kurz, alle Leidenschaften. Das geschieht auch, sagt er, beim irdischen Wettlauf; denn um die Zeit des Kampfes wird den Kämpfern nicht gestattet, sich zu betrinken, Hurerei zu treiben, damit sie ihre Kräfte nicht schwächen; auch dürfen sie keinem andern Geschäfte obliegen, sondern sie enthalten sich von Allem und beschäftigen sich nur mit gymnastischen Übungen. Wenn nun Das dort geschieht, wo nur Einer den Preis gewinnt, um so mehr soll es hier geschehen, da eine weit größere Ehre zu gewinnen ist: denn nicht Einer nur wird gekrönt, und der Preis über- [S. 385] wiegt bei weitem die Mühe. — Darum sagt er zu ihrer Beschämung: „Und Das thun Jene, um eine vergängliche Krone zu empfangen, wir aber, um eine unvergängliche zu gewinnen.“

26. Ebenso laufe nun ich, aber nicht auf’s Ungewisse hin.

Da er sie durch das Beispiel der heidnischen Kampfspiele belehrt hat, führt er sich selber als Vorbild an, und das ist die beste Art der Belehrung. Wir finden daher, daß er Das überall thut. Was will aber Das sagen: „nicht auf’s Ungewisse hin“? Es heißt: ich schaue auf’s Ziel und laufe nicht gleichgiltig und auf Gerathewohl wie ihr. Denn was frommt es euch, in die Götzentempel zu gehen und da euere bessere Einsicht zur Schau zu tragen? Nichts. Nicht so mache ich es, sondern Alles, was ich thue, thue ich zum Besten des Nächsten; seinetwegen zeige ich meine vollkommenere Einsicht; seinetwegen lasse ich mich herab; um ihn nicht zu ärgern, thue ich mehr als Petrus und nehme Nichts an; um keinen Anstoß zu geben, lasse ich mich tiefer als die Andern herab, indem ich mich der Beschneidung bediene und mein Haupt scheeren lasse. Das heißt: „Nicht auf’s Ungewisse hin.“ Du aber, sage mir, warum genießest du von den Götzenopfern? Du wirst mir dafür keinen vernünftigen Grund anführen können. Die Speise gibt dir bei Gott keinen Werth; denn du wirst nicht mehr gelten, wenn du issest, und nicht weniger gelten, wenn du nicht issest. Du laufst also unbedachtsam und fruchtlos; das heißt „auf’s Ungewisse hin“.

„So kämpfe ich, aber nicht um bloß Luftstreiche zu thun.“ Damit deutet er abermals auf jenes thörichte und fruchtlose Kämpfen hin; ich kenne den Feind, den ich bekämpfe, nämlich den Teufel; du aber gehst nicht auf ihn los, sondern vergeudest deine Kraft nutzlos. Weil er ihnen nämlich im Vorhergehenden heftig zugesetzt hatte, [S. 386] so mildert er die Rüge und spart den heftigsten Schlag bis zum Schlusse der Rede. Denn hier sagt er, daß sie thöricht und unbedachtsam handeln, später zeigt er, daß sie sich selber großes Unheil bereiten, und daß sie bei diesem Wagniß, auch abgesehen vom Verderben der Brüder, selbst straffällig seien.

27. Sondern ich züchtige meinen Leib und bringe ihn in die Dienstbarkeit, damit ich nicht etwa, nachdem ich Andern geprediget habe, selbst verworfen werde.

Hier zeigt er, daß sie dem Bauche fröhnen und unter dem Vorwande besserer Einsicht nur ihren Hang zum Schwelgen befriedigen, was er auch oben im Sinne hatte, als er sprach: „Die Speise ist für den Magen und der Magen für die Speise.“ Weil nämlich das Wohlleben zur Hurerei und diese zur Abgötterei führt, so bekämpft er mit Recht dieses Übel an mehreren Stellen. Eben Dieses begreift er mit, wenn er sagt, wie viel er um des Evangeliums willen gelitten habe; denn gleichwie ich, spricht er, mehr that, als mir aufgetragen war, wiewohl Dieses keineswegs leicht war, — denn wir ertragen Alles, sagt er, — so gebe ich mir auch jetzt große Mühe, nüchtern zu leben. Obgleich tyrannische Lust und Begierde schwer zu bändigen sind, so bezähme ich sie doch und lasse mich von der Leidenschaft nicht beherrschen, sondern gebe mir alle Mühe, von ihr nicht überwunden zu werden.

1: Wörtlich: sich zu salben — ἀλείψασθαι.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger