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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Zweiundzwanzigste Homilie.

V.

Um Das, was ich sage, deutlicher zu machen, wollen wir uns einen Ehemann denken, der dem Weibe seines [S. 379] Nächsten nachstellt und sich des verstohlenen Genusses seiner Buhlerin freut. Andererseits denken wir uns einen Gatten, der nur seine eigene Gattin liebt, ja wir wollen, damit sein Sieg noch herrlicher werde, annehmen, dieser zeige sich sogar gegen die Ehebrecherin liebevoll, enthalte sich aber dabei von jeder unreinen Liebe und thue nichts Böses, wiewohl auch Dieses noch nicht reine Enthaltsamkeit ist. Ich habe dieses Beispiel erdichtet, um dir zu zeigen, wie groß die Wonne der Tugend ist. Vergleichen wir nun Beide mit einander und fragen wir sie, wessen, Leben angenehmer sei; du wirst hören, wie dieser ob des Sieges über die unordentliche Begierde sich freuet und jubelt. Jener aber, — du darfst nicht erwarten, von ihm Etwas zu hören, wird, wenn er’s auch tausendmal läugnet, weit übler daran sein als ein Gefangener. Denn er fürchtet Alle, hegt gegen Alle Verdacht, gegen sein eigenes Weib, den Gatten der Ehebrecherin und die Ehebrecherin selbst; er fürchtet Bekannte, Freunde und Verwandte, den Schatten und sich selbst und, was das Schlimmste ist, sein Gewissen ruft und schreit ohne Unterlaß. Und wenn er an das Gericht Gottes denkt, so wird er sich kaum mehr aufrecht erhalten. Die Wollust währt nur einen Augenblick, der Schmerz aber ewig; denn am Abend und in der Nacht, in der Einsamkeit und in der Stadt, überall folgt ihm der Ankläger nach und zeigt ihm das scharfe Schwert und die unerträgliche Folter und reibt ihn durch Furcht auf. Der Enthaltlame hingegen ist von all Dem unbehelligt und frei; furchtlos sieht er seine Gattin, seine Kinder, seine Freunde an und kann Allen kühn in’s Auge schauen. Wenn nun schon Derjenige, welcher liebt, dabei aber in den Schranken bleibt, einer solchen Wonne genießt, muß die Seele Dessen, der nicht liebt, sondern in reiner Enthaltsamkeit lebt, sich nicht wonniger und ruhiger fühlen als in einem sicheren Hafen? Daher sieht man denn auch wenige Ehebrecher, hingegen viele Enthaltsame. Wäre Jenes angenehmer, so würden gewiß Mehrere ein solches Leben wählen. Nenne mir nicht die Furcht vor den Gesetzen; denn nicht diese [S. 380] hält Jene zurück, sondern die Abscheulichkeit der Sache und der Umstand, daß darin mehr Bitteres als Angenehmes zu finden ist, und wohl auch die Stimme des Gewissens. So verhält es sich mit dem Ehebrecher.

Wollet ihr, so werde ich auch den Geizigen vorführen, und wir werden da eine andere sträfliche Liebe entdecken. Wir werden sehen, wie auch dieser von ähnlicher Furcht gequält wird und sich keines ungetrübten Vergnügens erfreut. Denn so oft er an die von ihm Beeinträchtigten denkt und an Diejenigen, die sich ihrer annehmen, und an das Urtheil, welches Alle über ihn fällen, so wird er von endlosen Stürmen umhergetrieben. Und das ist noch nicht alles Bittere: er kann auch den geliebten Gegenstand nicht genießen; denn mit den Geizigen ist es so: sie besitzen nicht, um zu genießen, sondern um sich den Genuß zu versagen. Kommt dir Dieses räthselhaft vor, so höre noch Etwas) was noch schlimmer und unbegreiflicher ist. Sie entbehren nämlich nicht nur alles Vergnügens, indem sie es nicht wagen, das Ihrige nach Wunsch zu gebrauchen, sondern sie werden auch nie satt und dürsten immer noch mehr. Kann es wohl eine größere Plage neben? Nicht so der Gerechte; dieser ist frei von Furcht und Haß und jenem unersättlichen Durst; und gleichwie Jenen Alle verwünschen, so segnen sie Diesen; gleichwie Jener keinen Freund hat, so hat Dieser keinen Feind. — Da nun Dieses ausgemacht ist, was kann wohl unangenehmer sein als das Laster, was angenehmer als die Tugend? Ja, was man auch immer sagen mag, Niemand kann die Bitterkeit des Lasters und die Wonne der Tugend mit Worten beschreiben, solange er sie nicht verkostet hat. Wenn wir einmal den Honig der Tugend verkosten, dann wird uns das Laster bitterer schmecken als Galle. Schon jetzt ist das Laster unangenehm, beschwerlich und hart; Das können auch Jene nicht leugnen, welche ihm fröhnen; haben wir aber einmal demselben entsagt, dann erst leben wir recht ein, wie hart seine Befehle gewesen. Daß aber Viele demselben nachlaufen, [S. 381] ist nicht zu verwundern; greifen doch auch die Kinder oft nach solchen Dingen, die weniger angenehm sind, und verschmähen das Angenehme; geben doch die Kranken um eine augenblickliche Lust ein dauerhaftes und zuverlässiges Wohlsein dahin. Da liegt die Schuld an der Sckwachheit und am Unverstande der Lüsternen, nicht an der Natur. Wer der Tugend nachstrebt, der lebt wahrhaft wonniglich, ist wahrhaft reich und frei. Wollte Jemand der Tugend zwar andere Vorzüge einräumen, z. B. daß sie Freiheit, Ruhe, Sorglosigkeit gewähre, daß sie vor Furcht und Verdacht schütze, nicht aber, daß sie Wonne gewähre, so müßte ich darüber laut auflachen. Denn was ist die Wonne denn Anderes, als frei sein von Sorge, Furcht und Muthlosigkeit und allerwärts unbesiegt dastehen? Sage mir, wer lebt denn in Wonne? Ist es, wer da stiehlt und von vielen Begierden herumgetrieben und gefoltert wird und nicht einmal bei Sinnen ist? Oder ist es Der, welcher ferne von allen diesen Stürmen im Hafen der Nüchternheit und Selbstbeherrschung dahinlebt? Ist es nicht offenbar dieser? Und Das ist der Tugend eigen. Das Laster hat nur den Namen der Wollust, nicht aber die Sache; denn vor dem Genusse ist es Wahnsinn, nicht Wonne, nach dem Genusse hört sie ja auf. Wenn man nun weder vor noch nach dem Genusse eine Wonne darin entdecken kann, wo und wann soll man dieselbe dann finden? Damit du aber Das, was ich sage, leichter begreifest, so wollen wir die Sache durch ein Beispiel deutlicher machen. Ist Jemand in ein schönes und wohlgebildetes Frauenzimmer verliebt, so gleicht er, bevor er das Ersehnte erreicht hat, einem Verrückten und Wahnsinnigen; hat er aber dasselbe erreicht, so erlischt damit auch die Lust. Wenn nun weder im Anfang eine Wollust empfunden wird, indem sie Wahnsinn ist, noch nachher, weil durch den Genuß die Liebeswuth aufhört, wo sollen wir denn die Wonne noch finden? So verhält es sich nicht mit der Tugend: diese ist Anfangs frei von aller Verwirrung und bleibt bis zum Ende eine fortwährende Wonne; ja [S. 382] hier gibt es für uns kein Ende der Wonne, das Gute hat keine Gränze, die Wonne verfliegt nicht. Das wollen wir Alles bedenken und, wenn die Wonne uns lieb ist, die Tugend erweisen, damit wir die gegenwärtigen und zukünftigen Güter erlangen. Möge diese uns allen zu Theil werden durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit u. s. w.

[S. 383]

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger