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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Zweiundzwanzigste Homilie.

IV.

Zum Beweise, daß sein Verfahren keineswegs Verstellung war, — er war ja nicht genöthigt, Ähnliches zu sagen oder zu thun, — sondern daß er vielmehr seine Zuneigung und seine Freimüthigkeit an den Tag legt, höre, wie er spricht: „Weder Leben noch Tod, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwart noch Zukunft, weder Höhe noch Tiefe, noch irgend ein anderes Geschöpf wird im Stande sein, uns von der Liebe Gottes zu trennen, die da ist in Christus Jesus, unserm Herrn.“1 Siehst du da eine mehr als feurige Liebe? So sollen auch wir Chri- [S. 377] stum lieben, und es ist leicht, wenn wir nur wollen. Denn auch Paulus war von Natur aus nicht so; darum würde auch sein früherer Wandel ausgezeichnet, damit wir lernen sollen, daß es hier auf den freien Willen ankomme, und daß Denen, die da ernstlich wollen, Alles leicht sei.

Darum wollen wir nicht verzagen! Bist du ein Lästerer, ein Geizhals oder sonst ein großer Sünder, so bedenke, daß Paulus ein Gotteslästerer, ein Verfolger, ein Beschimpfer und der größte Sünder war, aber schnell auf den Gipfel der Tugend gelangte und ihm das frühere Leben dabei nicht hinderlich war. Mit solcher Wuth verfolgt wohl Niemand das Laster, wie er die Kirche verfolgte. Denn er gab damals selbst sein Leben preis und bedauerte, nicht tausend Hände zu haben, um mit allen den Stephanus zu steinigen; und doch fand er auch so ein Mittel, mit vielen Händen nach ihm zu werfen, nämlich durch die falschen Zeugen, deren Kleider er hütete. Wie ein rasendes Thier drang er auch in die Häuser, riß Männer und Frauen heraus und schleppte sie fort und erfüllte Alles mit Verwirrung, Schrecken und Krieg. Er war so schrecklich, daß die Apostel selbst nach seiner so glücklichen Bekehrung es nicht wagten, mit ihm zu verkehren. Und nach Diesem allen wurde er doch jener Mann, als den wir ihn kennen, und wir brauchen Nichts weiter zu sagen. Wo sind nun Diejenigen, welche der Willensfreiheit das zwingende Schicksal entgegenstellen? Sie mögen Dieses hören und verstummen! Denn wer sich bessern will, den hindert Nichts daran, und mochte er auch früher zu den Ruchlosesten zählen. Wir sind zum Guten tauglicher, weil die Tugend naturgemäß ist wie die Gesundheit, das Laster aber widernatürlich wie die Krankheit. Gott hat uns nämlich Augen gegeben, nicht daß wir unzüchtig umherblicken, sondern daß wir seine Werke bewundern und ihn, den Schöpfer, anbeten sollen. Daß wir aber die Augen dazu gebrauchen sollen, erhellt aus den Gegenständen, die wir schauen. Denn [S. 378] die Schönheit der Sonne und des Sternenhimmels sehen wir in einer unermeßlichen Entfernung; die schöne Gestalt eines Weibes aber würde Niemand in solcher Ferne erkennen. Siehst du also, wozu uns das Auge vorzugsweise geschenkt ist? So schuf Gott das Ohr nicht dazu, um damit Lästerworte, sondern um heilsame Lehren zu hören. Darum leiden auch Leib und Seele, wenn das Ohr etwas Mißtönendes vernimmt. „Die Rede des Schwörers macht, daß Einem die Haare zu Berge stehen,“2 heißt es. So erschaudern wir auch, wenn wir eine rohe, unmenschliche Sprache hören; wir werden aber heiter und fröhlich gestimmt, wenn wir harmonische und sanftmilde Töne vernehmen. Redet unser Mund Schändliches, so erröthen wir und schämen uns; redet er aber Anständiges, so darf er frei und unbefangen es sagen. Was naturgemäß ist, dessen hat sich der Mensch nicht zu schämen, wohl aber des Unnatürlichen. Wenn die Hände rauben, so verbergen sie sich und suchen Schutz; wenn sie aber Almosen geben, so werden sie dadurch verherrlicht. So haben wir nun, wenn wir nur wollen, von allen Seiten einen kräftigen Antrieb zur Tugend. Redest du mir aber von der Wollust, die aus dem Laster entspringt, so bedenke, daß wir größere Wonne aus der Tugend schöpfen! Denn ein gutes Gewissen haben, von Allen bewundert werden, in süßer Hoffnung leben, ist bei weitem das Angenehmste für den Menschen, welcher die Natur des Genusses erwägt; sowie das Gegentheil davon für Denjenigen, welcher die Natur des Schmerzes kennt, bei Weitem das Traurigste ist, wie z. B. von Allen beschimpft zu werden, sich selbst anklagen, zittern und Zukunft und Gegenwart fürchten.

1: Röm. 8, 38. 39.
2: Sir. 27, 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger