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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Einundzwanzigste Homilie.

I.

Kap. IX.

1. Bin ich nicht ein Apostel? Bin ich nicht frei? Habe ich nicht Jesum Christum, unsern Herrn, gesehen? Seid ihr im Herrn nicht mein Werk?

I. Paulus hatte gesagt, daß er in Ewigkeit kein Fleisch essen würde, wenn diese Speise dem Bruder Ärgerniß gäbe. Da er nun Dieses nicht wirklich vollbracht, sondern nur — für den Fall der Noth — versprochen hatte, so konnte leicht Jemand entgegnen: „Du rühmst dich ohne Grund und preisest in Worten deine Tugend und machst nur Versprechungen, was ich und jeder Andere ebenso gut kann. Ist es dir Ernst damit, so zeige durch die That, was du dir versagst, um den Bruder nicht zu ärgern!“ Dadurch wird Paulus gedrängt, hiefür den Beweis anzutreten und zu zeigen, wie er sich, um kein Ärgerniß zu geben, auch von erlaubten Dingen enthielt, obwobl kein Gesetz ihm Dieses vorschrieb. Wiewohl nun Das etwas Großes ist, so ist es doch nicht darum bewunderungswürdig, daß er sich, um kein [S. 344] Ärgerniß zu geben, von erlaubten Dingen enthielt, sondern daß er Dieses mit Gefahr und großer Anstrengung that. Was soll ich, sagt er, von den Götzenopferspeisen reden? Denn obwohl Christus verordnet hat, daß der Lehrer des Evangeliums von den Unterrichteten auch Etwas erhalte, so habe ich Dieß doch nicht gethan, sondern ich beschloß, wenn es nöthig wäre, lieber Hungers zu sterben und den bittersten Tod zu erleiden, als von den Katechumenen Etwas entgegen zu nehmen; Das geschah hauptsächlich darum, weil sie dadurch erbaut wurden, daß er Nichts annahm. Er fordert Jene selbst als Zeugen auf, unter denen er lebte, mit Hunger und Noth kämpfend und von Andern seinen Unterhalt nehmend, um sie nicht zu ärgern. Zwar hätten sie ohne Grund daran Anstoß genommen; denn er hätte ja nur die Anordnung (Christi) erfüllt; jedoch er schonte ihrer aus überschwänglicher Liebe. Wenn er nun aber, um keinen Anstoß zu geben, mehr that, als das Gesetz forderte, und sich sogar des Erlaubten enthielt, um sie zu erbauen: was verdienen dann Diejenigen, welche sich nicht einmal der den Götzen geopferten Speisen enthalten, da sogar Viele dadurch verloren gehen? Auch abgesehen von dem Ärgernisse müßte man sich derselben doch enthalten, weil es ein Tisch der Dämonen ist. Das ist nun der Inhalt des ganzen Kapitels, den er in vielen Versen darstellt. Jedoch wir müssen etwas weiter ausholen; denn Paulus drückt die Sache, wie ich schon sagte, nicht so offen mit Worten aus und fängt nicht sogleich damit an, sondern macht von einem andern Gegenstande den Übergang und spricht: „Bin ich nicht ein Apostel?“ Nebst dem Gesagten kommt auch viel darauf an, daß Paulus es ist, der Dieses thut. Denn damit sie nicht etwa behaupten, er, der sie getauft habe, dürfe doch wohl von diesen Speisen genießen, läßt er sich vorerst darauf nicht ein, sondern sagt, daß, wenn es auch erlaubt wäre, man es doch nicht thun dürfe, weil es den Brüdern nachtheilig wäre; zuletzt aber beweiset er auch, daß es nicht erlaubt sei. Nun aber beweist er das Erstere aus Dem, was seine eigene Person angeht, und nicht sogleich [S. 345] drückt er Das aus, daß er von ihnen Nichts angenommen habe, sondern nennt zuerst seine Würde: „Bin ich nicht ein Apostel? Bin ich nicht frei?“ Damit sie nicht sagen könnten: „Wenn du Nichts angenommen hast, so ist es geschehen, weil Dieß nicht erlaubt war,“ darum gibt er zuerst die Gründe an, daß er Dieses, falls er es gewollt, mit Recht hätte thun können. Um aber ferner den Schein zu vermeiden, als wolle er dadurch gegen Petrus und seine Begleiter einen Tadel aussprechen, weil diese den Unterhalt von den Gläubigen nahmen, so zeigt er zuerst, daß es Diesen erlaubt war; dann aber kommt er mit den Lobeserhebungen seiner selbst dem Vorurtheile zuvor, daß Dieß wohl dem Petrus, aber nicht ihm erlaubt war. Da es ihm zur Besserung der Korinther nothwendig schien, sich selber zu loben, und er doch nicht von sich selber großsprechen wollte, so rühmte er sich nur, insoweit es die Absicht seiner Rede erheischte, nicht aber insoweit er sich preiswürdiger Thaten bewußt war. Er hätte sagen können: Ich durfte eher als Alle, ja eher als Jene (Petrus und seine Genossen) den Unterhalt annehmen, weil ich mehr als sie gearbeitet habe; das sagt er aber nicht, obgleich es rühmlicher war, sondern er erwähnt Dasjenige, wodurch die andern Apostel groß waren und mit Recht den Unterhalt annehmen durften, indem er sagt: „Bin ich nicht ein Apostel? Bin ich nicht frei?“ Das heißt: Bin ich nicht mein eigener Herr? Stehe ich in der Gewalt eines Andern, der mich zur Annahme zwingen oder sie mir verbieten könnte? Aber die Andern haben doch Etwas voraus, nämlich daß sie mit Christus umgingen? Allein ich stehe ihnen auch hierin nicht nach. Darum sagt er: „Habe ich nicht Jesum Christum, unsern Herrn, gesehen? Denn zuletzt von Allen erschien er auch mir, wie einer unzeitigen Geburt.“1 Und Das war kein geringer Vorzug: „Denn viele Propheten und Gerechte verlangten zu sehen, was ihr sehet, und haben es nicht gesehen,“ [S. 346] spricht der Herr.2 Und: „Es wird die Zeit kommen, wo ihr wünschen werdet, einen dieser Tage zu sehen.“3 Wie aber, wenn du auch ein Apostel und frei bist und Christum gesehen hast, aber kein apostolisches Werk aufweisen kannst: wie dürftest du den Unterhalt annehmen? Darum setzt er dann bei: „Seid ihr im Herrn nicht mein Werk?“ Das ist nun etwas Großes; denn jene Vorzüge können ohne Dieses Nichts nützen. War ja auch Judas ein Apostel, war frei und hatte Christum gesehen; weil er aber kein Apostelwerk hatte, brachte ihm Das keinen Gewinn. Darum setzt er Dieß bei und fordert sie selber als Zeugen auf. Und weil er etwas Großes aussprach, sieh’, wie er es mildert, indem er sagt: „im Herrn“, d. h. es ist Gottes Werk, nicht das meine.

1: Kap. 15, 8.
2: Matth. 13, 17.
3: Luk. 17, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger