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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Einundzwanzigste Homilie.

VII.

Ich sage also Das nicht, um euch zu nöthigen, eure Spende hierher zu bringen, noch auch aus Unwillen darüber, daß man den Priestern Übles nachredet. Wenn ich zürnen [S. 363] und mich grämen sollte, so müßte es über euch geschehen, die ihr Andern Übles nachredet; denn Diejenigen, denen ohne allen Grund Übles nachgesagt wird, haben eine größere Belohnung zu hoffen, die Verleumder hingehen ein strengeres Gericht und eine härtere Strafe zu fürchten; darum sage ich Dieses nicht wegen Jener, sondern aus Kummer und Sorge für euch. Was Wunder, wenn in unsern Tagen Einige in den Verdacht kommen, da selbst zur Zeit jener Heiligen, welche die Engel nachahmten, die Nichts eigen besaßen, nämlich zur Zeit der Apostel, ein Murren entstand bezüglich der Versorgung der Wittwen, darüber, daß die Armen übersehen würden, da doch Keiner von seinem Vermögen Etwas als Eigenthum ansah, sondern ihnen Alles gemeinschaftlich war? Führen wir nicht als Vorwand an und entschuldigen wir uns nicht mit dem Umstand, daß die Kirche viele Güter besitze! Denn siehst du die Größe ihres Besitzes, so erwäge auch die Schaar der verzeichneten Armen, die Menge der Kranken, erforsche und durchsuche die zahllosen Anlässe zu Ausgaben; Niemand wird dir Das wehren, wir sind vielmehr bereit, euch darüber Rechnung zu legen. Allein ich will mich noch kräftiger ausdrücken. Wenn wir euch Rechnung gelegt und gezeigt haben, daß die Ausgabe der Einnahme gleich kommt und manchmal dieselbe sogar übersteigt, so möchte ich euch wohl fragen: Was werden wir antworten, womit uns entschuldigen dürfen, wenn nach unserm Hinscheiden Christus uns sagt: „Ihr sahet mich hungernd, und habt mich nicht gespeist; ihr sahet mich nackt, und habt mich nicht bekleidet“?1 Werden wir uns wohl auf den Einen und den Andern berufen, der diesen Befehl nicht befolgt hat, und auf einige Priester, die in Verdacht sind? Aber was hilft Das dir? Denn ich klage dich an über Sünden, die du selber begangen; willst du dich vertheidigen, so mußt du diese auslöschen, nicht aber dich darauf stützen, daß Andere dieselben [S. 364] Sünden begangen. Die Kirche ist wegen euerer Kargheit gezwungen, ihr gegenwärtiges Besitzthum zu wahren. Geschähe Alles nach apostolischer Vorschrift, so beständen ihre Einkünfte in eurem milden Sinne; dieser wäre eine sichere Vorrathskammer und ein unerschöpflicher Schatz. Da nun aber ihr Schätze für diese Erde sammelt und Alles in euere Vorrathshäuser verschließt, die Kirche aber für die Menge der Wittwen, für die Chöre der Jungfrauen, für ankommende Fremdlinge, für bedrängte Reisende, für unglückliche Gefangene, für Kranke und Verstümmelte zu sorgen und andern Bedürfnissen zu steuern genöthiget ist: was soll sie da thun? Soll sie diese alle abweisen und ihnen den großen Rettungshafen verschütten? Wer würde da nach dem Schiffbruche die Unglücklichen aufnehmen? wer alle Thränen und Klagen und das allseitige Jammergeschrei zu stillen vermögen? Laßt uns also nicht unbesonnene Reden führen, wie sie uns in den Sinn kommen! Denn wie gesagt, wir sind ja bereit, euch Rechenschaft abzulegen. Und verhielte sich die Sache auch anders, und hättet ihr verkommene Lehrer (Priester), die Alles an sich rissen und geizig wären, so diente ihre Ruchlosigkeit dennoch nicht zu eurer Entschuldigung. Denn der gütige und allweise, der eingeborne Sohn Gottes, der Alles sieht und weiß, daß in einem so großen Zeitraume und auf der weiten Welt schlechte Priester aufstehen werden, hebt alle Entschuldigung der Trägheit auf und verhütet, daß die Untergebenen durch das Beispiel der Vorsteher lässiger werden, indem er sagt: „Auf Moysis Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer; Alles nun, was sie euch sagen, daß ihr es thun sollt, Das thuet; aber nach ihren Werten sollt ihr nicht thun!“2 Dadurch zeigt er, daß es dir Nichts nützen wird, wenn dein Lehrer schlecht ist, du aber auf seine Worte nicht achtest. Denn Gott wird dich richten nicht nach dem Wandel des Lehrers, sondern nach Dem, was [S. 365] du gehört und nicht befolgt hast. Thust du nun, was befohlen ist, so wirst du mit großer Zuversicht vor deinem Richter erscheinen; gehorchest du aber der Lehre nicht, so wird dich Das nicht entschuldigen, wenn du dich auch auf unzählige schlechte Priester berufst. Denn auch Judas war ein Apostel, und dennoch ist Das keine Entschuldigung für Tempelräuber und Geizige; noch dürfte sich ein Solcher vertheidigen und sagen: Jener Apostel war ja auch ein Dieb, ein Räuber des Heiligen und ein Verräther; allein gerade Das macht uns besonders schuldig und strafbar, daß wir uns durch das Verderben Anderer nicht bessern ließen; denn darum ist Dieses aufgeschrieben, daß wir uns hüten, ihnen (ihren Werken) zu folgen. Schauen wir also nicht auf Diesen oder Jenen, sondern nur auf uns selbst; denn Jeder aus uns wird für sich Gott Rechenschaft ablegen müssen! Damit wir uns nun bei dieser Rechenschaft gehörig ausweisen können, so laßt uns darnach unsern Wandel einrichten und die Armen mit freigebiger Hand unterstützen, wohl wissend, daß Dieß allein und nichts Anderes uns zu schützen vermag, wenn wir nämlich zeigen können, daß wir die Gebote getreulich erfüllten! Wenn wir Das nachweisen können, so werden wir jenen unerträglichen Qualen der Hölle entrinnen und die zukünftigen Güter erlangen, deren, wir alle theilhaftig werden mögen durch die Gnade und Menschenfreundlichkeit unseres Herrn Jesus Christus, dem zugleich mit dem Vater und dem hl. Geiste sei Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

[S. 366]

1: Matth. 25, 42.
2: Matth. 23, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger