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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Einundzwanzigste Homilie.

V.

Das, Geliebte, wollen auch wir uns gesagt sein lassen:, wir wollen Diejenigen, die Aergerniß nehmen (die Schwachen) nicht verachten, dem Evangelium Christi kein Hinderniß bieten, unser eigenes Heil nicht verscherzen. Sage mir nicht, wenn der Bruder Ärgerniß nimmt: Dieses oder Jenes, worüber derselbe sich ärgert, ist nicht verboten, sondern erlaubt! Denn ich sage dir etwas Größeres: Wenn Christus selbst es erlaubt hätte, du sähest aber Einen daran Ärgerniß nehmen, so stehe davon ab und mache von jener Erlaubniß keinen Gebrauch! Das hat nun auch Paulus gethan, der Nichts annahm, obwohl Christus die Annahme zuließ. Da der Herr gütig ist, so verband er große Milde mit seinen Gesetzen, damit wir nicht nur auf Befehl, sondern Vieles aus freier Wahl thun möchten. Denn wäre nicht Dieses seine Absicht gewesen, so hätte er seine Gebote verschärfen und sagen können: Wer nicht beständig fastet, soll gestraft werden; wer die Jungfräulichkeit nicht bewahrt, soll gezüchtiget werden; wer sich nicht seiner ganzen Habe entäussert, soll der schrecklichsten Strafe verfallen! Allein Das that er nicht, weil er die Gelegenheit bieten wollte, dir, wenn du nur willst, Lohn zu verdienen. Daher sagte [S. 357] er, als er über den jungfräulichen Stand sprach: „Wer es fassen kann, der fasse es!“1 Und in Betreff der Reichen hat er Einiges geboten, das Andere aber der freien Wahl überlassen: denn er sagt nicht: Verkaufe, was du hast! sondern: „Willst du vollkommen sein, so verkaufe, was du hast!“2 Wir aber, weit entfernt, uns zu bemühen, dieser Ehre würdig zu werden, erfüllen nicht einmal das Maaß des streng Gebotenen. Paulus litt Hunger, um dem Evangelium kein Hinderniß in den Weg zu legen; wir aber wagen es nicht einmal, unsern Vorrath anzugreifen, obwohl wir doch sehen, daß zahllose Menschen (vor Mangel) umkommen. Mag die Motte dran nagen, sagt man, aber ja nicht der Arme; mögen die Würmer es verzehren, kein Armer soll es erhalten: möge die Zeit Alles zerstören, Christus, der hungernde Christus, wird nicht gespeist. Wer führt denn eine solche Sprache? Das ist eben das Schlimme, daß Dieses nicht mit dem Munde, sondern durch die That ausgesprochen wird; denn es wäre weniger böse, wenn es nur gesagt und nicht auch gethan würde. Ruft denn nicht die Geldliebe, diese unmenschliche und grausame Tyrannin, ihren Sklaven von Tag zu Tag zu: Den Sykophanten,3 den Räubern und Schmeichlern diene das Eure, damit sie schwelgen können, nicht aber den Hungernden und Armen zur Nahrung? Bildet nicht ihr die Räuber? Nähret nicht ihr das Feuer des Neides? Machet nicht ihr die Menschen zu Niederträchtigen und Schmeichlern, da ihr ihnen eueren Reickthum zum Verprassen hingebt? Was ist das für ein Wahnsinn! Ja, Wahnsinn und offenbare Verrücktheit ist es, die Schränke mit Kleidungsstücken zu füllen, den Men- [S. 358] schen aber, der nach Gottes Bild geschaffen ist und der nackt und zitternd vor Frost kaum aufrecht zu stehen vermag, nicht zu beachten.

Aber, sagt man, er stellt sich nur so, als litte er Hunger und Frost. Fürchtest du nicht, daß ob dieser Worte vom Himmel der Blitz niederfährt? Verzeiht mir! Ich kann mich vor Unwillen nicht fassen. Glaubst du denn, du werdest der Strafe entgehen, indem du dem Bauche fröhnend und dich mästend bis in die tiefe Nackt Trinkgelage hältst und dich auf weichen Polstern wiegst und die Gaben Gottes so schändlich mißbrauchst? Der Wein ist doch nicht dazu vorhanden, um uns zu berauschen, die Speise uns nicht dazu gegeben, um den Magen bis zum Platzen zu füllen. Von einem Armen und Unglücklichen, der dem Tode nahe ist, forderst du so strenste Rechenschaft und fürchtest nicht jenen schrecklichen und furchtbaren Richterstuhl Christi? Denn wenn er sich verstellt, so verstellt er sich aus Armuth und Noth wegen deiner Gefühllosigkeit und Unmenschlichkeit, die sich nicht zum Mitleid bewegen läßt und solche Künste der Verstellung veranlaßt. Denn wo ist ein Mensch so elend und bejammerungswürdig, daß er, ohne von Noth gezwungen zu sein, um ein Stücklein Brod sich so unanständig gebärde und sich so schlagen und mißhandeln ließe? Ist Das Verstellung, so verkündet diese ringsum deine Unmenschlichkeit. Vielleicht hat er diesen Kunstgriff erfunden, weil er ganze Tage bittend und flehend, jammernd und weinend und klägliche Worte redend umherging und doch nicht einmal die nothwendige Nahrung erhielt; und dann gereicht diese Verstellungskunst mehr dir selber als ihm zur Schande und zum Tadel. Jener verdient es, daß wir uns seiner erbarmen, weil er in solche Armuth versunken ist; wir aber machen uns der größten Strafe schuldig, daß wir die Armen so zu thun zwingen. Wären wir zum Mitleid geneigt, so würde Jener nicht Solches auszustehen haben. Und was rede ich da von Blöße und Zittern? Ich will noch etwas Gräßlicheres sagen. Manche [S. 359] sahen sich genöthiget, ihre zarten Kinder zu blenden, um auf unser stucmpfes Gefühl Eindruck zu machen. Da sie sehend und nackt herumgingen und weder durch ihr Alter noch durch den kläglichen Zustand die Unbarmherzigen zu rühren vermochten, häuften sie, um ihren Hunger zu stillen, auf so viele Übel noch eine andere Trauerfcene und meinten, es sei leichter, dieses gemeinschaftliche Licht und die Sonnenstrahlen zu entbehren, als beständig mit dem Hunger zu kämpfen und eines jammervollen Todes zu sterben. Weil ihr Nichts von Mitleid gegen die Armen wisset, sondern euch an ihrem Unglücke weidet, so erfüllen diese euere unersättliche Gier und schüren sich selbst und euch eine Flamme, die schrecklicher ist als die Hölle. Und damit ihr einsehet, daß Dieses und Ähnliches aus diesem Grunde geschehe, so will ich euch dafür einen unumstößlichen Beweis liefern, dem Niemand zu widersprechen vermag. Es gibt unter den Armen Manche, die leichtsinnig und hochfahrend sind, und die lieber Alles ausstehen, als Hunger leiden wollen. Da sie euch oft fruchtlos mit kläglichen Gebärden und Bitten angegangen, verließen sie das Betteln und wurden die gewiegtesten Gaukler: Einige verschlingen altes Schuhleder; Andere treiben sich spitze Nägel in den Kopf; wieder Andere stürzen sich nackt in frierendes Wasser; Andere unternehmen noch läppischere und tollere Wagestücke, um so ein elendes Schauspiel zu bieten.

1: Matth. 19, 12.
2: Ebend. V. 21.
3: Συκοφάντες — wörtlich: Feigenzeiger, der Diejenigen ausspürt und anzeigt, welche wider das Verbot Feigen aus Attika zum Verkaufe ausführten, d. h. ein Jeder, der aus Bosheit oder Gewinnsucht Andere angibt, ein ränkevoller Ankläger, Verleumder, falscher Ankläger. (Amn. d. Übers.)

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger