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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Einundzwanzigste Homilie.

IV.

11. Wenn wir euch das Geistige gesäet haben, ist es denn etwas Großes, wenn wir euer Fleischliches ernten?

Siehe, da gibt er einen vierten Grund an, daß sie verpflichtet seien, ihnen die Nahrung zu reichen. Denn nachdem er gesagt hat: „Wer dient wohl als Soldat auf eigene Kosten?“ und: „Wer pflanzt, einen Weinberg?“ und: „Wer weidet eine Heerde?“ und nachdem er des dreschenden Ochsen erwähnt, zeigt er einen andern sehr vernünftigen Grund, warum ihnen der Unterhalt von Rechtswegen zukomme, da sie nämlich nicht bloß gearbeitet, sondern ihnen weit Größeres mitgetheilt hätten. Was ist nun das für ein Grund? „Wenn wir euch das Geistige gesäet haben, ist es denn etwas Großes, wenn wir euer Fleischliches ernten?“ Siehst du, wie höchst gerecht dieser Grund ist und die frühern an Vernünftigkeit noch übertrifft? Denn dort heißt es: Die Aussaat ist für den Leib, die Ernte für den Leib; hier aber nicht so, sondern: Die Aussaat ist geistig, der Lohn aber leiblich. Damit aber Diejenigen, welche den Lehrern den Unterhalt boten, sich darob nicht selber gefielen, sagt er, was sie empfangen, habe größern Werth, als was sie gewährten. Der Landmann erntet dieselbe Frucht, deren Samen er ausgestreut hat; wir aber streuen in euere Herzen geistigen Samen und ernten bloß Leibliches, denn solches ist es, was ihr uns bietet. Hierauf beschämt er sie noch mehr:

[S. 354] 12. Wenn Andere des Anrechtes an euch theilhaftig sind, warum nicht vielmehr wir?

Sieh’, wieder ein anderer Grund, der auch aus Beispielen, aber nicht ähnlichen entnommen ist. Denn er redet hier nicht von Petrus, noch von andern Aposteln, sondern von gewissen Afterlehrern, die er in der Folge bekämpft und von denen er sagt: „Wenn man euch aufzehrt, wenn man euch das Eure nimmt, wenn man sich überhebt, wenn man euch in’s Angesicht schlägt“1 (so duldet ihr es). Hier beginnt er nun schon das Vorspiel zum Kampfe gegen diese Menschen. Darum sagt er nicht: Wenn Andere von euch empfangen, sondern: „Wenn Andere des Anrechtes an euch theilhaftig sind,“ womit er ihre Tyrannei, ihre Anmaßung und Gewinnsucht bezeichnet. Wenn sie über euch herrschen, — will er sagen, — wenn sie über euch gebieten, euch als Sklaven gebrauchen und nicht nur von euch annehmen, sondern Dieß auch mit vieler Pünktlichkeit und mit Anmaßung thun. Darum setzt er bei: „Warum nicht vielmehr wir?“ was er nicht gesagt hätte, wenn von den Aposteln die Rede wäre. Es ist klar, daß er damit auf gewisse Verführer und Betrüger hindeutet. So habt ihr also nebst dem Gesetze Moysis selbst ein Gesetz gemacht, daß man (den Lehrern) den Unterhalt gewähren müsse. Die Worte: „Warum nicht vielmehr wir?“ beweist er nicht weiter, sondern überläßt den Beweis ihrem Gewissen; denn er will sie abschrecken und noch mehr beschämen. „Doch wir haben uns dieses Anrechtes nicht bedient,“ d. h. wir haben Nichts angenommen. Nachdem er vorher durch viele Gründe bewiesen, daß es nicht verboten sei, Etwas anzunehmen, sagt er erst: Wir nehmen Nichts an, damit es nicht scheine, als enthalte er sich davon, weil es unerlaubt sei. Nicht darum, sagt er, nehme ich Nichts, als wenn Die- [S. 355] ses untersagt wäre; denn es ist erlaubt, wie ich Das vielfach bewiesen habe, aus dem Verfahren der Apostel, aus Beispielen des täglichen Lebens, vom Soldaten, vom Winzer und Hirten, aus dem Gesetze Moysis’, aus der Natur der Sache, da wir für euch Geistiges ausgesäet haben, aus Dem, was ihr gegen Andere gethan. Gleichwie er aber, um nicht die Apostel, welche sich dieses Rechtes bedienten, zu beschämen, Dieses schrieb und zu ihrer Beschämung zeigte, daß er sich von einer sonst erlaubten Sache enthalte, so verbessert er wieder die Rede, um den Schein zu vermeiden, als wolle er durch die ausführlichen Beweise und vielen Beispiele, wodurch er gezeigt, daß ihm dieses Recht zustehe, wirklich von ihnen Etwas verlangen. Noch klarer drückt er sich später aus mit den Worten: „Ich schreibe Dieses nicht, damit es so mit mir gehalten werde;“ hier aber sagt er: „Wir haben uns dieses Anrechtes nicht bedient;“ ja, was noch mehr ist, Niemand wird behaupten können, daß wir es darum gethan hätten, weil wir selbst im Wohlstande lebten, sondern wir waren bedrängt und wichen doch nicht der Noth. Das sagt er auch im zweiten Briefe: „Andere Kirchen habe ich ausgebeutet, indem ich Sold annahm, um euch zu dienen; und während ich bei euch war und Mangel litt, lag ich Keinem zur Last;“2 ferner auch in diesem Briefe: „Wir leiden Hunger und Durst, sind entblößt und werden geschlagen und haben keine bleibende Stätte.“3 Und wiederum deutet er hier das Nämliche an mit den Worten: „Wir ertragen Alles“. Darunter versteht er stillschweigend Hunger und Noth und alles Übrige. Aber auch dadurch ließen wir uns nicht bewegen, das Gesetz, das wir uns selbst aufgelegt hatten, zu übertreten. Warum? „Damit wir nicht irgend ein Hinderniß bereiten dem Evangelium Christi.“ Denn da die Korinther noch zu schwach waren, so sagt er: Um auf euch keinen üblen Eindruck zu machen, wollte ich [S. 356] lieber mehr thun, denn befohlen war, als dem Evangelium, d. h. eurem Unterrichte ein Hinderniß in den Weg legen. Wenn nun aber wir, da es uns erlaubt war, da wir Noth litten und das Beispiel der Apostel vor uns hatten, Dieß nicht gethan haben, um dem Evangelium nicht hinderlich zu sein (er sagt nicht: um das Evangelium zu stürzen, sondern: um ihm ganz und gar kein Hinderniß in den Weg zu legen); wenn also wir, sagt er, eine solche Sorgfalt anwenden, um wie viel mehr ziemt es sich, daß ihr euch enthaltet, die ihr tief unter den Aposteln steht und kein Gesetz anführen könnet, welches euch Dieses gestattet, sondern im Gegentheile das Verbotene berührt, was dem Evangelium großen Nachtheil bringt und wozu euch keinerlei Noth zwingt? Dieß alles sagt er um Jener willen, die durch die Opferspeisen den schwächern Brüdern Ärgerniß gaben.

1: II. Kor. 11, 20.
2: II. Kor. 11, 8.
3: I. Kor. 4, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger