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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther
Einundzwanzigste Homilie.

III.

Er begnügt sich aber nicht mit einem einzigen Beispiel. Denn der gemeine und ungebildete Mann wird dadurch am leichtesten zur Ruhe gebracht, wenn er sieht, daß der gewöhnliche Gebrauch mit den Gesetzen Gottes übereinstimmt. Darum bringt er ein anderes Beispiel und sagt:

[S. 350] „Wer pflanzt einen Weinberg und ißt nicht von dessen Frucht?“ Durch Jenes deutete er die Gefahren an, durch Dieses die Mühsale, Arbeiten und Sorgen. Er führt auch ein drittes Beispiel an: „Wer weidet eine Heerde und genießt nicht von der Milch derselben?“ Er beweiset als Lehrer große Sorgfalt gegen seine Untergebenen. Die Apostel waren nämlich Kämpfer und Winzer und Hirten, hatten es aber nicht mit der natürlichen Erde, nicht mit vernunftlosen Thieren, nicht mit wirklichen Kriegen zu thun, sondern mit vernünftigen Seelen und waren Streiter gegen die Dämonen. Auch ist zu bemerken, wie er überall das rechte Maß zu beobachten weiß, indem er nur das Nützliche und nicht das Überflüssige sucht. Denn er sagt nicht: Wer dient als Soldat und ist nicht reich? sondern: „Wer dient als Soldat auf eigene Kosten?“ Auch sagt er nicht: Wer pflanzt einen Weinberg und sammelt nicht Gold oder pflückt nicht die ganze Frucht? sondern: „Wer ißt nicht von seiner Frucht?“ Auch sagt er nicht: Wer weidet eine Heerde und treibt mit den Lämmern nicht Handel? sondern: „Und genießt nicht von der Milch derselben?“ andeutend, daß der Lehrer mit einer kleinen Erquickung und mit der nothwendigen Lebensnahrung sich begnügen soll. Das sei Denen gesagt, die Alles aufzehren und die ganze Frucht für sich nehmen wollen. Diese Vorschrift hat auch der Herr gegeben, indem er sprach: „Der Arbeiter ist seines Lohnes werth.“1 Allein nicht nur Dieses beweist er durch Beispiele, sondern zeigt auch, wie der Priester beschaffen sein solle. Er soll die Tapferkeit des Kriegers, den Fleiß des Winzers und die Sorgfalt des Hirten besitzen und nach all Dem nur das Unentbehrliche suchen. Nachdem er nun aus dem Verfahren der Apostel und aus Beispielen des gemeinen Lebens gezeigt hat, daß dem Lehrer nicht verboten [S. 351] sei, Etwas anzunehmen, geht er zum dritten Punkt über und sagt:

8. Sage ich Das nur nach Menschenweise? Oder sagt das Gesetz nicht auch Dasselbe?

Weil er bisher noch kein Zeugniß der Schrift angeführt, sondern sich auf Beispiele aus dem gemeinen Leben beschränkt hat, so spricht er jetzt: Wähnet nicht, daß ich mich bloß hierauf stütze, oder nach menschlichen Ansichten verfahre. Denn ich kann zeigen, daß auch Gott Dieses gut heißt, und ich lese, daß auch das alte Gesetz es gebietet. Darum setzt er auch seine Rede im Frageton fort, wie das bei allgemein eingestandenen Dingen gewöhnlich geschieht, indem er spricht: „Sage ich Das nur nach Menschenweise?“ d. h. stütze ich mich bloß auf menschliche Beispiele? „Oder sagt das Gesetz nicht auch Dasselbe?“

9. Denn im Gesetze Moysis ist geschrieben: „Dem dreschenden Ochsen sollst du das Maul nicht verkörben“.

Warum erwähnt er denn Dieses, da er doch das Beispiel der Priester vor sich hatte? Weil er die Sache recht deutlich machen will. Und damit Niemand sagen könne: Was geht Das uns an, was bezüglich der Ochsen verordnet ist? führt er auch Das genau durch und sagt: „Sorgt denn Gott für die Ochsen?“ Sage mir, sorgt er denn nicht wirklich dafür? Freilich sorgt er dafür, aber doch nicht so, daß er darüber ein eigenes Gesetz gab. Hätte er nicht etwas Großes damit andeuten wollen, um die Juden durch die Behandlung vernunftloser Thiere zur Milde zu stimmen und dadurch auf das Benehmen gegen ihre Lehrer aufmerksam zu machen, so würde er die Sache nicht so ernstlich betrieben und eine eigene Satzung über das [S. 352] Nicht-Verkörben2 der Ochsen gegeben haben. Nebst Dem zeigt er auch noch, daß die Lehrer viele Mühe haben, und daß es so sein müsse; und ferner, daß Alles, was im alten Bunde über die Sorgfalt für die Thiere gesagt ist, vorzugsweise beitrage zur Belehrung der Menschen, was auch von allen andern Dingen der Fall ist, z. B. über die verschiedene Kleidung, über die Weinberge, über die Samen, die nicht vermischt auf den Acker gesäet werden sollen,3 über den Aussatz, ja ich möchte sagen über alles Übrige. Denn, da die Menschen noch etwas roh waren, so redet die Schrift auf diese Weise zu ihnen, um sie nach und nach zu einer höhern Bildung zu bringen. Sieh’, wie er Dieses, da es offen und klar ist, nicht weiter beweist! Denn nach den Worten: „Sorgt denn Gott für die Ochsen?“ fügt er bei:

10. Oder sagt er Dieß geradezu unsertwillen?

Nicht umsonst setzt er jenes: „geradezu“, sondern um dem Zuhörer jeglichen Widerspruch abzuschneiden. Dann fährt er in der Metapher fort und sagt mit klaren Worten: „Ja, unsertwillen ist es geschrieben, weil der Pflügende auf Hoffnung pflügen soll,“ d. h. der Lehrer soll seinen Lohn empfangen; „und der Dreschende auf Hoffnung, von der Frucht zu bekommen.“ Siehe da seine Weisheit! Denn von der Saat kommt er zur Tenne und zeigt auch da, wie groß die Mühe der Lehrer sei, die ja pflügen und dreschen. Beim Pflügen, wo nur Arbeit und noch keine Frucht ist, setzt er die Hoffnung; beim Dreschen aber gestattet er schon einen Genuß, indem er sagt: „Der Dreschende auf Hoffnung, von der Frucht zu bekommen.“

[S. 353] Damit aber Niemand sagen könne: Ist also das der Lohn für so große Arbeiten? fügt er bei: „auf Hoffnung,“ nämlich der künftigen Belohnung. Es will also die Vorschrift, dem dreschenden Ochsen das Maul nicht zu verkörben, nur sagen, daß die Lehrer für ihre Arbeiten auch belohnt zu werden verdienen.

1: Matth. 10, 10; τῆς τροφῆς, seines Lebensunterhaltes.
2: Ὑπὲρ τοῦ μὴ κημοῦσθαι τοὺς βοῦς = de bobus camo non ligandis.
3: Levit. 19, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger