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Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Neunzehnte Homilie.

I.

Kap. VII.

1. 2. Worüber ihr mir aber geschrieben habt: so ist dem Menschen gut, ein Weib nicht zu berühren; jedoch um Ausschweifungen zu verhüten, habe ein Jeder seine Frau und Jede ihren Mann.

I. Nachdem er die drei größten Laster gerügt, nämlich erstens die Spaltungen in der Kirche, zweitens die Sünde des Blutschänders und drittens die des Geizigen, mildert er jetzt seine Rede und gibt Ermahnungen und Rathschläge bezüglich der Ehe und des jungfräulichen Standes, indem er so den Zuhörer vom Unangenehmeren zum Gelinderen führt. Im zweiten Briefe aber thut er das Gegentheil; denn er beginnt mit dem Gelinderen und schließt mit dem Unangenehmeren. Auch hier geht er, nachdem er vom jungfräulichen Stande geredet, zu heftigeren und drohenderen Gegenständen über und wechselt mit der Rede so, wie die Umstände und die Sache selber es fordern. Er beginnt also: „Worüber ihr mir aber geschrieben habt.“ [S. 304] Sie hatten ihm nämlich geschrieben, ob man sich von Weibern enthalten solle oder nicht. Indem er nun darauf Antwort ertheilt und über den Ehestand Vorschriften gibt, nimmt er auch Anlaß, von dem jungfräulichen Stande zu reden: „Es ist dem Menschen gut, ein Weib nicht zu berühren.“ Wenn du fragst, will er sagen, was gut und gar vortrefflich ist, so antworte ich: Es ist besser, mit Weibern keine Gemeinschaft zu haben. Fragst du aber, was sicherer sei und deiner Schwachheit fromme, so rathe ich dir, zu heirathen. Weil aber leicht der Fall eintreten konnte, wie es auch jetzt noch geschieht, daß der Mann seine Einwilligung gab, das Weib aber nicht, oder auch umgekehrt, so betrachte, wie er über beide Fälle sich ausspricht! Es behaupten zwar Einige, er habe Dieses bloß für die Priester gesagt; ich aber möchte, wenn ich auf das Folgende schaue, nicht behaupten, daß sich die Sache also verhalte; denn er würde die Ermahnung nicht so allgemein hingestellt haben. Hätte er Dieses nur für die Priester geschrieben, so würde er gesagt haben: Dem Lehrer (Priester) ist es gut, kein Weib zu berühren. Nun aber spricht er ganz allgemein: „Dem Menschen ist es gut,“ und nicht bloß dem Priester; und wieder: „Bist du frei von einer Frau? So suche keine Frau!“ Er sagt nicht: du, Priester und Lehrer, sondern macht keinen Unterschied; und so geht es durch die ganze Rede fort. Wenn er aber sagt: „Um Ausschweifungen zu verhüten, habe Jeder seine Frau und Jede ihren Mann,“ so führt er sie durch eben dieses Zugeständniß zur Keuschheit.

3. Der Frau leiste der Mann die (eheliche) Pflicht,1 gleicher Weise aber auch die Frau dem Manne.

Was bedeutet aber diese Pflicht? Die Frau ist nicht Herr über ihren eigenen Leib, sondern sowohl Dienerin als [S. 305] Gebieterin ihres Mannes. Willst du dich dieser gebührenden Dienstbarkeit entziehen, so beleidigst du Gott; willst du dich aber mit Erlaubniß des Mannes derselben entziehen, so geschehe es nur auf kurze Zeit. Darum nennt er es auch eine Pflicht, um zu zeigen, daß kein Theil sein eigener Herr sei, sondern der eine des andern Diener. Siehst du also, daß dich eine Buhlerin zur Sünde anreizt, so sprich: Mein Leib gehört nicht mir, sondern meinem Weibe! So spreche auch das Weib zu Denjenigen, die es darauf absehen, ihre Keuschheit zum Falle zu bringen: Mein Leib gehört nicht mir, sondern meinem Manne! Wenn aber der Mann oder das Weib keine Gewalt haben über den eigenen Leib, so haben sie diese noch viel weniger über ihr Geld. Höret Das Alle, ihr Männer, die ihr Weiber, und ihr Weiber, die ihr Männer habt! Denn wenn ihr eueren Leib nicht als euer Eigenthum ansehen dürft, um so weniger ist Das beim Gelde der Fall. Allerdings kommen anderwärts, sowohl im neuen als im alten Bunde, Stellen vor, welche dem Manne einen bedeutenden Vorrang einräumen, z. B.: „Zu deinem Manne sollst du dich wenden, und er soll über dich herrschen!“2 Und Paulus macht diesen Unterschied, wenn er schreiht: „Ihr Männer, liebet eure Weiber! Das Weib aber erweise Ehrfurcht dem Manne!“3 Hier aber sagt er nicht, wer vornehmer, wer geringer sei; beide Theile haben die gleiche Gewalt. Warum? Weil er über die Enthaltsamkeit spricht; in andern Dingen, will er sagen, mag der Mann den Vorrang besitzen, hier aber nicht, da die Rede von der Enthaltsamkeit ist.

4. Der Mann hat keine Gewalt über seinen Leib noch auch die Frau.

Sie sind hierin ganz gleich, und es gibt keinen Vorrang.

[S. 306] 5. Entziehet euch einander nicht, es sei denn mit gegenseitiger Einwilligung.

Was heißt Das? Er will sagen: Das Weib enthalte sich nicht gegen den Willen des Mannes, und auch der Mann nickt gegen den Willen des Weibes. Warum denn? Weil aus dieser Enthaltung große Übel entstehen; denn oft sind daraus Ehebrüche, Entehrung, Untergang des Hauses entstanden. Wenn nämlich Männer, die ihre Frauen haben, noch mit andern buhlen, um wie viel mehr würden sie Dieses thun, falls man ihnen diese eheliche Freude versagte! Und treffend sagt er: „Entziehet euch nicht!“ Ein Entziehen (Berauben) nennt er es hier, oben eine Pflicht, um desto nachdrücklicher die Gewalt (des Einen üver den Andern) zu zeigen. Denn ohne Einwilligung des Andern sich enthalten heißt ihn berauben; nicht aber so, wenn es mit dessen Zustimmung geschieht. Denn ich sage nicht, daß du mich beraubst, wenn du mit meinem Wissen Etwas von dem Meinigen nimmst; wer aber einem Andern gegen dessen Willen und mit Gewalt Etwas nimmt, der beraubt ihn. Diesen unverzeihlichen Fehler begehen viele Weiber und sind dadurch Schuld an der Ausschweifung ihrer Männer und bringen Alles in Unordnung. Die Eintracht soll man vor Allem berücksichtigen, denn sie ist das Allerwichtigste. Und wenn du willst, so werden wir Das durch Thatsachen erweisen. Gesetzt, es sei Weib und Mann, und das Weib enthalte sich gegen den Willen des Mannes. Wie nun, wenn dieser sich dadurch verleiten läßt, die Ehe zu brechen? Oder wenn er auch die Ehe nicht bricht, doch darob unwillig wird, in Verwirrung und Versuchung geräth, hadert und zankt und dem Weibe zahllose Mühen verursacht? Was nützt dann Fasten und Enthaltsamkeit, wenn das Band der Liebe zerrissen ist? Nichts. Denn wie viele Schimpfreden, Zänkereien und Zwiste sind die nothwendige Folge davon!

1: Wörtlich: die gebührende Ehre = ἡ ὀφειλομένη τιμή.
2: Gen. 3, 16.
3: Ephes. 5, 25.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger